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Beiträge zum Thema Fenster

Feuilleton

IM GEISTE ...
... AUF DEM BERG

Im letzten Buch der Bibel sieht Johannes eine Stadt. Nicht irgendeine Stadt, sondern die neue Stadt Gottes. Das himmlische Jerusalem. Und er schreibt einen merkwürdigen Satz. Er sagt nicht: Ich habe sie entdeckt. Er schreibt nicht: Ich habe sie berechnet oder erfunden. Sondern: „Er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem.“ (Apoc 21,10) Nicht, dass das Sonneberg war? Oder Sonneberg heute zumindest gemeint ist? Die Spielzeugstadt des...

Glaube und Alltag

23.5.1949 - das Grundgesetz
„FAST HEILIGE SCHRIFT“

Eine der bemerkenswerten Erscheinungen unserer geistigen Gegenwart ist, dass ausgerechnet jene Gesellschaften, die sich mit besonderem Nachdruck als säkular verstehen, unablässig auf der Suche nach Formen des Heiligen bleiben. Der moderne Mensch mag die Kathedralen verlassen haben; die Frage jedoch, worauf ein Gemeinwesen letztlich gegründet sei, verlässt ihn nicht. Denn kein Staat lebt von Verfahren allein. Keine Ordnung besteht dauerhaft aus bloßer Verwaltung. Wo Menschen zusammenleben,...

Glaube und Alltag

213. Geburtstag
ERLÖSUNG DEM ERLÖSER

Nach einer belastenden Auseinandersetzung mit seiner Frau Cosima wird er nie mehr in die Tasten hauen. Verweigert den anstehenden Valentinstag und lässt sich von den Walküren im 70. Lebensjahr via Herzinfarkt zu all den anderen auf Walhalla versammelten Kapellmeistern bugsieren. Gemeint ist kein anderer als Richard Wagner, dessen 213.  Geburtstags man am 22. Mai 2026 gedenken kann - wenn man das will - genau einen Tag vor dem Geburtstag des bundesrepublikanischen Grundgesetzes. Er ist noch...

Feuilleton

Die Weise von Feuer und Liebe zur Kirche
Leberecht Gottlieb (Teil 150)

150. Kapitel, in welchem Leberecht Gottlieb eine Pfingstphantasie zum Besten gibt und wir einen Eindruck davon bekommen, wie der alte Geistliche die Dinge sieht, die man nicht sehen kann ... Von der Kirche, welche brennt, träumt der Superintendent. Träumt vom Früherwachen. Dunkel noch die Gassen. Über Feldern liegt ein fahler Schein, die Sonne hebt ihr Lid aus Gold und rotem Glanz, davon der Morgen langsam wächst wie die Gedanken Gottes. Heut ist Pfingsten. Er ginge kirchwärts. Träumt er!...

Feuilleton

Schönster Herr Jesu ...
YOUR OWN PERSONAL JESUS

Der Sonntag Exaudi gehört zu den merkwürdigsten Tagen des Kirchenjahres. Christus ist fort. Und der Geist noch nicht da. Die Kirche besaß kein Denken - keine Sprache. Sie hatte keine Sicherheit in Dogmatik, keine Liturgie in der späteren so überaus vollendeten Gestalt. Sie taumelte gleichsam zwischen Himmel und Erde wie ein Mensch, dessen Geländer plötzlich zu Ende ist und fehlt. Gerade deshalb ist dieser Sonntag vielleicht der modernste aller Sonntage. Denn genau so leben viele Menschen heute....

Feuilleton

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Ortega y Gasset - AUFSTAND DER MASSEN

José Ortega y Gasset gehört zu jenen europäischen Denkern des 20. Jahrhunderts, die heute merkwürdig halb vergessen und zugleich halb bestätigt wirken. Der spanische Philosoph, geboren 1883 in Madrid, war kein Parteipolitiker im engeren Sinne, sondern ein Diagnostiker der geistigen Atmosphäre Europas. Sein berühmtestes Werk „Aufstand der Massen” erschien 1929 unmittelbar vor dem großen europäischen Absturz in Totalitarismus, Krieg und ideologischen Massenrausch. Ortega beobachtete damals etwas,...

Glaube und Alltag

15. Mai - die Eisheilige
KALTE SOPHIE

Legende der heiligen Sophia von Rom Es war zur Zeit des Kaisers Diokletian, als der Boden vom Blute der Zeugen Christi dampfte und der Himmel seine Ohren vor dem Leid der frommen Märtyrer verschlossen zu haben schien. Da lebte in Rom eine Jungfrau namens Sophia, was soviel wie Weisheit bedeutet. Und diese Jungfrau war wahrhaftig weise - dazu noch keusch, glühend im Gebet und furchtlos. Das Herz hatte sie Christus verloben wollen und ihre Zunge war wahrer Worte kundig und schwieg nicht. Sophie...

Feuilleton

Vita sancti Bonifatii Martyris de Tarsis
DIE EISHEILIGEN 14. MAI 2026

Bonifatius war ein Jüngling römischer Herkunft, aufgewachsen im Haus einer edlen Matrone namens Aglaia, deren Schönheit und Vermögen in der Stadt weit bekannt waren, doch deren Herz in jenen Tagen noch nicht zu Christus gefunden hatte. Bonifatius diente ihr mit freiem Gemüt und zuweilen übermütiger Zunge, denn er war nicht nur klug, sondern auch weltlich gesinnt, und sein Leben stand im Zeichen der Wollust und der Kunst. Doch siehe, Aglaia, die sich in den beginnenden Tagen ihres Alterns...

Glaube und Alltag

CHRISTI HIMMELFAHRT
VOM WIRKLICHEN SEIN DES SCHEINS

Es gehört zu den eigentümlichsten Szenen des Neuen Testaments, dass die Jünger nach der Himmelfahrt Christi zunächst nichts anderes tun, als in den Himmel zu starren. Der Herr ist ihren Blicken entzogen worden, und nun stehen sie da, wie Menschen, denen plötzlich die Mitte der Welt abhanden gekommen ist. Das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte schildern diesen Augenblick mit auffallender Zartheit. Christus wird nicht einfach „weggenommen“, nicht wie ein Gegenstand aus dem Raum entfernt....

Feuilleton

drei gute Freunde
Steiner - Morgenstern -Rittelmeyer

„Wir können nie, was um uns lebt und webt, erstaunt und tief genug betrachten; denn unser Sinn, zur Flachheit neigend, strebt zu sehr danach, die Dinge zu missachten. Indes der Mensch nach Unerhörtem hascht, erstirbt der feine Sinn ihm für das Kleine; und was ihn nicht als Wunder überrascht: das dünkt ihm das Natürliche, Gemeine. Und doch ist Wunder diese ganze Welt! Und nichts in ihr ist einfach und gewöhnlich; denn wir vergessen stets: sie steht und fällt mit dir, mit mir; sie ist durchaus...

Glaube und Alltag

literarische Tickets
Höllenfahrt und Himmelsreisen

Wenn man die große Literatur der Höllen- und Himmelsfahrtsberichte betrachtet, dann bemerkt man etwas Eigentümliches: Die Menschheit hat die Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits niemals bloß als unüberwindbare Grenze verstanden, sondern immer als eine dünne Membran. Man hörte Stimmen hindurch, sah Schatten, Lichtspalten, Feuerzungen, manchmal vernahm man ein fernes Echo. Und fast alle großen Kulturen haben versucht, diesen Übergangsbereich sprachlich abzutasten oder zu umkreisen. Es ist,...

Feuilleton

SCHICKSAL
Leberecht Gottlieb (Teil 149)

„Er war einer jener Deutschen gewesen, die, kaum dass sie einen halbwegs tragfähigen Gedanken gefasst haben, schon damit begannen, ihn moralisch auszuschlachten.” Genau so erzählte es Wibald Ruthaus, als wir uns an jene unglückliche Expedition nach Ägypten erinnerten, von welcher die Zeitungen damals wochenlang voll gewesen waren. Überall diese Photographien: Menschen mit Leinenjacken und Gesichtsausdrücken voll angestrengter Menschlichkeit, vor ihnen die rückzugebende antike Totenmaske, hinter...

Glaube und Alltag

Pfingstkirchen
in ecstasi …

Dieses Bild – gemeinhin bekannt als Tongues (Holy Rollers) von Archibald Motley – stellt den Betrachter in den Bereich einer eigentümlichen Spannung: eine Szene religiöser Ekstase, die zugleich von einer eigentümlichen Ordnung durchzogen ist. Nichts daran ist rein chaotisch, und doch scheint alles von einer Bewegung ergriffen, die sich nicht mehr in den Kategorien nüchterner Vernunft erschöpfen lässt. Man sieht eine Versammlung, die sich im Akt der Anrufung verliert. Die Körper sind gespannt,...

Feuilleton

Kantate
Der Mensch als Vogel

KANTATE - SINGET … Stellt euch vor: Ihr kauft einen Kanarienvogel. Stolz kommt man aus der Vogelhandlung zurück nach Hause. Ihr habt einen wunderbaren Draht-Käfig, Vogelfutter, Hirse und den bunten Kanarienvogel Hansi. Den habt ihr gewollt. Wirklich gewollt, weil ihr allein seid. Ihr wollt gern Unterhaltung haben und habt gehört, diese Vögel können manchmal sogar sprechen und auf alle Fälle wunderbar singen. Ihr stellt den Käfig ans Fenster, dort, wo die Sonne hinscheint. Nicht zu stark, aber...

Feuilleton

ELF
Alea iacta est

Die Soldaten saßen im Staub. Es war heiß. Der Wind kam vom Hügel und trug den Geruch von Blut und Eisen mit sich. Einer hatte einen Becher. Drei Würfel lagen darin. Das Gewand lag neben ihnen. Es war nicht zerrissen. Das war der Grund, warum sie würfelten. „Drei Würfel“, sagte einer. „Ist gut“, sagte ein anderer. Er schüttelte den Becher. Die Würfel klackten hart. Er warf sie auf den Boden. Sie rollten kurz und blieben liegen. Elf. „Wieder“, sagte der mit der Narbe. Sie nahmen die Würfel auf....

Feuilleton

Nägel
Zahl & Winkel

Die Eigenart der christlichen Bildtradition wird auch dort besonders interessant, wo sie mit Hilfe von Zahlen Tiefe, Breite und Höhe der Heilsgeschichte sichtbar macht. Das Geheimnis des Glaubens wurde stets auch mit bestimmten Maßen und Proportionen zu ordnen versucht. Die Frage nach dem Winkel etwa, mit dem die Arme des Gekreuzigten sich ausbreiten oder die Anzahl der Nägel, mit denen der Leib Christi am Kreuz befestigt ist – drei oder vier –, mag auf den ersten Blick nur wie ein...

Feuilleton

The Book of Mormon
ein Musical besonderer Art ...

Die Uraufführung dieses wirklich krassen Musicals fand am 24. März 2011 am Eugene O’Neill Theatre in New York City statt. Seitdem läuft The Book of Mormon dort durchgehend (mit kurzer Unterbrechung während der COVID-Zeit). Das heißt: über 15 Jahre Spielbetrieb – für ein Musical eine außergewöhnlich stabile Laufzeit. Man würde die eigentliche Pointe dieses Stücks verkennen, wenn man es vorschnell als respektlose Religionssatire oder als bloße Broadway-Übertreibung ablegt. The Book of Mormon...

Glaube und Alltag
2 Bilder

Weinstock und Reben
Dionysos und Christus

Es gehört zu den interessanten Spannungen des Neuen Testaments, dass es seine tiefsten Wahrheiten nicht in abstrakten Begriffen, sondern in Bildern ausspricht, die viel älter sind als jede reflektierte Theologie und tiefer reichen als jede begriffliche Analyse. Wenn Christus sagt: „Ich bin der wahre Weinstock“ (Joh 15,1), dann spricht er in einer Sprache, die bereits lange vor ihm im religiösen Gedächtnis der Menschheit verankert gewesen ist. Der Weinstock ist kein zufälliges Bild; er gehört zu...

Feuilleton

De ecclesia - quae se intellegere debet
Erkenntnis und Interesse

Die Kirche hat sich zu allen Zeiten als Trägerin der Wahrheit verstehen wollen – wohl nicht als deren Besitzerin, aber zumindest als deren Dienerin. In dieser Haltung liegen Größe und Gefahr zugleich. Denn wo Wahrheit bezeugt wird, stellt sich unweigerlich die Frage nach den Bedingungen eines solchen Zeugnisses. Ist das, was die Kirche lehrt, reine Durchgabe von altem „Wissen”? Oder ist dieses Wissen bereits durchzogen von jenen Kräften, die alles menschliche Erkennen begleiten -...

Feuilleton

Leberecht Gottlieb (Teil 148)
die Götter

Er kam aus einem Pfarrhaus. Es war ordentlich dort, aber nicht warm. Es gab Bücher, viele Bücher, und sie standen gerade, als würden sie sich selbst bewachen. Sein Vater sprach leise, aber bestimmt. Seine Mutter sorgte dafür, dass alles seinen Gang ging. Man aß zur festen Zeit. Man schwieg auch zur festen Zeit. Er hörte früh, dass viele große Männer aus solchen Häusern kamen. Dichter, Denker, Gelehrte. Es klang wie ein Versprechen, das nicht ihm galt, aber doch in seiner Nähe lag. Er nahm es an...

Feuilleton

20 Jahre ZORN & ZEIT
Partei als Rachebank

Peter Sloterdijks Buch ZORN UND ZEIT erschien in erster Auflage vor genau zwanzig Jahren beim Verlag Suhrkamp. In jenen Tagen existierte die Partei mit dem Kürzel AfD noch nicht – aber es gab im Blick auf die politische Situation natürliche Unzufriedenheiten. Sloterdijk diagnostizierte damals auf unterhaltsame und fast spielerische Art und Weise, wie Zorn und Zeit sich zueinander verhalten. Die begriffliche Nähe des Buchtitels ZORN UND ZEIT zum Heideggerschen SEIN UND ZEIT sprang natürlich...

Service + Familie

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
LÉVI-STRAUSS

Ein junger Mann kam in ein abgelegenes Dorf am Rand eines großen Waldes. Man hatte ihm erzählt, die Menschen dort dächten „anders“, und er war gekommen, um zu sehen, wie das sei. Am ersten Abend setzte man ihm eine Schale mit Fleisch vor. Ein Teil war roh, ein Teil sorgfältig gegart. Er fragte den Alten neben sich: „Warum esst ihr das eine so und das andere so?“ Der Alte lächelte nicht, er erklärte auch nicht. Er sagte nur: „Das eine gehört dem Wald. Das andere gehört uns.“ Der junge Mann hielt...

Feuilleton

de anima
ÜBER DIE SEELE

Es gehört zu den langlebigsten Selbstverständlichkeiten der europäisch-geistigen Innenwelt, dass der Mensch eine Seele „hat“. Dieses Haben ist bereits verräterisch. Es setzt nämlich eine Differenz voraus, die lange nicht gedacht werden musste. Aber als ein Athener namens Platon sie mit der Eleganz eines geistigen Chirurgen freilegte – hier der Körper, dort die Seele –, wurde diese Differenz zur Grundmelodie des Abendlandes. Platon erfindet die Seele nicht, aber er macht sie zur...

Glaube und Alltag

Auferstehungsbeobachtungen
Gedanken zu Lukas 24,36

Er (Lukas 24,36) gehört zu den stillen und beinahe zu übersehenden Versen im Lukas-Evangelium. „Indem sie aber von ihm redeten, stellte er selbst, Jesus, sich mitten unter sie und sprach: ‚Friede sei mit euch‘!"1) Dass Jesus also, während sie noch von ihm reden, mitten unter sie tritt. Das ist der Satz, der oft einfach überlesen wird. Kein dramatischer Auftritt wird hier geschildert, kein dramatischer Riss im Gewebe der Welt – sondern von einem Übergang ist die Rede, der sich im Sprechen - oder...

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