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Beiträge zum Thema Fenster

Feuilleton

Beobachtungen ...
... vom Rande des Geschehens aus

Es ist ein altes Problem. Vielleicht so alt wie die Geschichte der Ideen selbst. Eine Theorie kann überzeugend sein – ja, bisweilen sogar so überzeugend, dass man beim Lesen oder Hören den Eindruck gewinnt, hier werde endlich etwas ausgesprochen, das schon lange in der Luft lag. Und doch geschieht dann bald etwas Merkwürdiges: Sobald man den Kreis derjenigen betrachtet, die dieser Theorie folgen, kann einen das Gefühl der Fremdheit beschleichen. Man merkt plötzlich, dass man zu dieser Schar...

Feuilleton

Spannung
Erich Przywara

Erich Przywara (1889–1972) gehört zu den eigenwilligsten katholischen Denkern des 20. Jahrhunderts. Der Jesuit, geboren im schlesischen Kattowitz, trat früh in den Orden ein und wurde zu einem der einflussreichsten theologischen Vermittler zwischen Philosophie und Mystik. Seine Vorträge und Schriften wirkten weit über die katholische Welt hinaus. Denker wie Karl Barth oder Hans Urs von Balthasar nahmen an seinem Denken Maß – manchmal zustimmend, manchmal in entschiedener Gegenwehr. Przywaras...

Feuilleton

Uncle Tom’s Cabin
Leberecht Gottlieb (Teil 141)

140. Kapitel, welches uns an das wunderbare Buch von Harriet Beecher Stowe erinnert ... und uns die Tränen in die Augen treiben wird, wenn wir Sinn und Geschmack für das Unendliche haben. Das Licht in der Grube war schwach. Die Lampe hing schief an einem Haken im Holz. Der Staub lag in der Luft wie ein feiner Nebel. Wenn man einatmete, schmeckte man Metall. An diesem Abend sprach nicht Leberecht Gottlieb. Sondern Pawel Samuelkow stand auf. Er war ein breiter Mann mit schweren Händen. Sein Bart...

Feuilleton

Jugendweihe
Was ist Synkretismus?

Man hat gesagt, die Jugendweihe finde statt, und weil man gesagt hat, sie finde statt, musste sie natürlich auch stattfinden, obwohl jeder wusste, dass sie eigentlich längst nicht mehr stattfindet, wenigstens nicht mehr so, wie sie einmal stattgefunden hatte, in jener Zeit, in der noch jeder wusste, was eine Jugendweihe ist, und in der es auch noch genügend Jugendliche gab, die man weihen konnte, während es jetzt immer weniger Jugendliche gab und gleichzeitig immer mehr Ausschüsse, Vereine,...

Feuilleton

Klo und Kirche
Ein Versuch

Die Kirche lag oberhalb des Dorfes. Sie war aus hellem Stein gebaut und hatte breite Fenster. Das Licht fiel ruhig in den Raum. Es war Kar-Samstag, und eine kleine Gemeinde hatte sich zu einer Meditationsstunde versammelt. Die Dame setzte sich in eine Bank in der Mitte. Sie war nicht besonders religiös, aber sie mochte die Stille solcher Räume. Der Pfarrer begann zu sprechen. Er sprach langsam. Die Worte kamen ordentlich und gut geordnet, wie es in reformierten Kirchen oft ist. Nach einiger...

Glaube und Alltag

Okuli - da kommen sie!
Wer die Hand an den Pflug legt ...

Und als sie wieder auf dem Wege waren, gelobte Folgschaft einer - lebenslang. Ihm wehrte ab der Meister sein Gebaren und sprach: „Wie oft schon hörte ich Gesang von treuer Jünger minnefestem Glauben - mir wurde davon übel, angst und bang. Ich muss euch alle Illusionen rauben: Was Füchsen Höhlen sind und Vögeln Nest - dem Menschensohne niemand wird erlauben ein Plätzchen, wo das Haupt er ruhen lässt!“ Doch einen andern wollte er betören: „Sei du Gefährte mir auf meiner Quest!“ Der aber ließ als...

Glaube und Alltag

DE AMBULACRO - VON DEM SPAZIERGANG
Hölderlin zu Genesis 3,8

In bereits fortgeschrittenerem Alter wollte einer meiner Freunde nun doch noch promovieren. Kulturwissenschaften … Thema: "Der gesellschaftliche Stellenwert des bürgerlichen Spaziergangs in der Zeit vom Wiener Kongress bis zur Revolution 1848". Metternichs Zeit ist also gemeint. Im Zusammenhang der notwendig umfangreichen Recherchearbeit zur Klassifizierung verschiedenster Kulturtechniken versteigt sich der Freund zu der These, dass auch gemeinsame Spaziergänge und Stadtbummeleien mit zur...

Feuilleton
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Georg II. von Sachsen-Meiningen
Der Theaterherzog

Am 2. April jährt sich zum zweihundertsten Male die Geburt des Herzogs Georg II. von Sachsen-Meiningen, jenes sonderbaren Fürsten, den die Theatergeschichte mit einer gewissen Zärtlichkeit den Theaterherzog nennt. In der politischen Welt des 19. Jahrhunderts war sein Herzogtum kaum mehr als ein geographischer Zwischenraum ohne militärische Macht, ohne diplomatische Bedeutung, ohne das Pathos jener großen Entscheidungen, aus denen gewöhnlich die Geschichtsbücher Kapitel schlagen. Doch gerade die...

Feuilleton

Immer wieder gern
Leberecht Gottlieb (Teil 140)

140. Kapitel, in welchem wir erfahren, dass es manche Dinge und Personen gar nicht gibt. Aber es darauf ankommt, wie die Geschichte, die von ihnen erzählt wird, so gut ist - und mit einem Auftrag endet. Wir wissen, daß Leberecht Gottlieb, im beinahe neunzigsten Lebensjahr stehend, in einem Bleibergwerk bei Workuta von russischen Geheimdienstlern einquartiert ward. Warum? Weil er sich weigert, seine Verbindungsmänner zu einem Thinktank preiszugeben, dem es gelungen sein soll, mit Hilfe...

Feuilleton

Buchempfehlung
Die Ernestiner (Teil 1)

Am Anfang stand eine Teilung, und jede Teilung ist bereits ein Versprechen und zugleich Verlust. Diese Teilung war ein Akt nüchterner Berechnung. Im Jahre 1485 saßen zwei Brüder, Ernst und Albrecht, Söhne des 21. Jahre vorher verstorbenen Kurfürsten Friedrich II., den man den Sanftmütigen nannte, über Karten, Urkunden, Einkünften und Rechten, und beschlossen, das große Erbe der Wettiner zu zerschneiden - wie ein kostbares, aber unhandliches Tuch. Das war die sogenannte Leipziger Teilung, und...

Feuilleton

so wird es sein in diesen tagen
OMA SANDRA

Und nun müssen wir uns an die Geschichte von Oma Sandra machen. Sie heißt: Oma Sandra oder der feste Glaube. Dabei wird es sich nicht nur um eine futuristische Dystopie handeln, sondern um die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Weit hinaus in das Jahr 2120 führt der Weg.  Die Kirchen gibt es längst nicht mehr. So geht es los. Und in der Grammatik keine Tempusformen mehr. Einzelne Menschen jedoch haben von ihren Großeltern noch Reste des Glaubens übermittelt bekommen. Dazu gehört auch Sandra,...

Feuilleton

VERWANDLUNGEN
Lesen als Sakrament

Es soll hier von der merkwürdigen und beinahe anstößigen Behauptung die Rede sein, dass Texte dem Menschen helfen können, sein Leben zu bestehen. Nicht irgendwelche Texte, nicht Gebrauchsanweisungen und Verwaltungsprosa, sondern starke Texte, solche von eigentümlicher Dichte und innerer Glut. Vor allem die Evangelien – gleich ob nach Markus, Lukas, Matthäus oder Johannes – daneben Opernlibretti, große Filmdrehbücher, autobiographische Bekenntnisse. Texte also, die nicht informieren, sondern...

Glaube und Alltag
Maria Magdalena - Ikone von Nicola Sarić
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Magdalena
Gedanken zu einem Bildnis

Es gibt Gestalten im Neuen Testament, die zuerst nur wie Randfiguren aussehen und doch, wenn man genauer hinsieht, den innersten Nerv des Ganzen berühren. Maria Magdalena gehört zu ihnen. Sie spricht nicht viel. Sie wird nicht mit langen Reden ausgestattet. Und doch steht sie sowohl unter dem blutenden Kreuz Christi als auch am Ursprung der Osterverkündigung beim leeren Grab. Die Evangelien – das sei zunächst nüchtern festgehalten – berichten wenig von ihr, aber Entscheidendes. Nach dem...

Glaube und Alltag

Durch das Los bestimmt
Der Ersatzapostel Matthias

Es gibt Gestalten innerhalb der frühen Kirchengeschichte, die durch den sogenannten Zufall in die Welt treten – und so auch im Gedächtnis bleiben. Der Ersatzapostel Matthias ist eine solche Figur. Sein Auftritt ist knapp, fast spröde. In der Apostelgeschichte (Apg 1,15–26) wird berichtet, dass nach dem Tod des Judas Iskariot die Zwölfzahl der Apostel wiederhergestellt werden soll. Petrus formuliert die Bedingung: Es müsse einer sein, der von der Taufe des Johannes an bis zur Himmelfahrt Jesu...

Feuilleton
William Blake - the Messiah
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Georg Friedrich Händel - 341. Geburtstag
The Messiah

Als Georg Friedrich Händel, auf dessen Geburtstag wir uns heute am 23.Februar (dem alten julianischen Kalender nach) besinnen, im Jahr 1741 den Messiah komponiert hatte, war damit etwas Merkwürdiges ins Werk gesetzt. Händel verzichtete auf Bühne, Kostüm und dramatische Handlung – und schuf dennoch ein Werk von dramatischer Wucht. Keine einzelnen Rollen treten unter irgendwelchen Masken auf. Und doch entfaltet sich die Heilsgeschichte der Kirche in einer Klarheit, die nicht theatralisch wirkt,...

Feuilleton

Heute, Leute! 238. Geburtstag ...
ARTHUR SCHOPENHAUER

Er hat Geburtstag. Immer am 22. Februar. 238 Jahre alt im Jahr 2026. Arthur Schopenhauer. Der kleine Arthur wird 1788 in Danzig geboren und seine Vorfahren sind vermögende Kaufleute. Ähnliches soll der Bub später auch mal machen (Zeug kaufen und wieder verkaufen) - aber der kleine stolze Mann wird doch lieber Philosoph, der Zeit seines Lebens sehr viel von sich selber gehalten hat. Daran können wir uns ein richtiges Beispiel für uns selber nehmen: Einer gehe seinen Weg - unbeirrt von dem, was...

Feuilleton

"Lebe wohl, lebe wohl ..."
Leberecht Gottlieb (139.Teil)

139. Kapitel, in welchem Leberecht Gottlieb erzählt. Er erzählt die „Geschichte von der Unbarmherzigkeit der Geschichte”. Leberechts Mitgefangenen im Bleibergwerk bedrängen den alten Pastor, sie betteln und bitten ihn, noch eine zweite Geschichte zu erzählen. Und Leberecht Gottlieb, der die erste mit zittriger Hand in das staubige Heft geschrieben hatte, braucht diesmal weder Papier noch Stift. Er setzt sich auf einen kalten Klumpen Erz, der wie ein schwarzes Herz im Halbdunkel liegt, und...

Feuilleton

Briefwechsel …
Leberecht Gottlieb (Teil 138)

138. Kapitel, in welchem Leberecht Gottlieb aus der Erinnerung heraus den Hergang einer hochnotpeinlichen Verhandlung vor dem Halsgericht des Fürstentums Sachsen-Meiningen extemporiert … Einleitung Die literaturverehrenden Gefangenen im Bleibergwerk zu Workuta hatten - begeistert vom Vortrag des Dichters Dimitri Wolkows -  beschlossen, einen Wettbewerb auszuloben. Wer nämlich die beste Geschichte schriebe, der würde von den Gefangenen ein wenig des jedem täglich zugeteilten Brotes erhalten. Im...

Feuilleton

das ist hier die Frage
Fall oder Aufstieg

Es ist für manche von uns, so wollen wir offen gestehen, ein eigentümliches Vergnügen, von jener bekannten Angelegenheit zu sprechen, die man gemeinhin den „Sündenfall“ nennt. Und welche Angelegenheit – bei näherer Betrachtung – vielleicht weniger ein Fall als vielmehr ein Aufstieg gewesen sein könnte, freilich von seltsam unerquicklich-schillernder Art. Man hat fast immer gelehrt, es habe sich bei dieser Sache um einen Akt des Ungehorsams gehandelt, begangen von zwei überaus anmutigen,...

Feuilleton

Liturgie eines Hochstaplers
Die Bekenntnisse des Felix Krull

Kurz vor dem Aschermittwoch, wenn die Masken fallen und der Karneval sein Ende findet, mag es angezeigt sein, den Blick auf ein Buch zu richten, das im engeren wie im weiteren Sinn vom Maskenspiel des Lebens handelt: Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ und die inzwischen mehrfach erfolgten Verfilmungen dieses Romans. Die jüngste stammt aus dem Jahr 2021 und sei hiermit als Übergang in die Fastenzeit empfohlen. Maria Furtwängler erscheint darin in einer tragischen Nebenrolle...

Glaube und Alltag

Philosophen vorgestellt
Philipp Schwartzerdt

Wir verdanken ihm viel. Und heute, am 16. Februar, hat er Geburtstag. Es ist diesmal zwar nur eine „krumme“ Zahl – aber der Mann war und ist wichtig und wird es wohl auch bleiben. Die Rede ist von Philipp Schwartzerdt, über dessen Wiege wir uns alljährlich am 16. Februar beugen – nunmehr zum fünfhundertneunundzwanzigsten Male. Der kleine Philipp, der abends um halb acht das Licht der Welt erblickte, ist später ein großer Gelehrter geworden, und die Reformation wäre ohne ihn weder zu denken noch...

Feuilleton

LiteraturSalon im Blei
Leberecht Gottlieb (Teil 137)

137. Kapitel, in welchem wir vom Geburtstag eines alten Missionars hören dürfen und uns fragen lassen müssen, was der Sinn von Geburtstgsfeiern ist und ob man sich Gesundheit wünschen sollte ... Man hat mich nun schon des Öfteren im Vorübergehen befragt, mit jener Mischung aus Neugier und vorsichtiger Anteilnahme, die unsere Zeit jenen Dingen entgegenbringt, die zwar nicht unmittelbar nützlich erscheinen, so aber doch gewisses Interesse auf sich ziehen. Sogar in der Kaufhalle war es kürzlich,...

Kirche vor Ort

kennst du das land?
Sachsen-Hildburghausen

Gibt es ein Leben vor dem Tod? Und das Leben nach demselben - oder sogar mehrere Leben noch hinter dem jetzigen Leben, von dem wir meinen, es sei das unsrige? Gute Frage ... Zum Beispiel Sachsen-Hildburghausen. Der Name Sachsen-Hildburghausen klingt heutigen Ohren wie ein schöner Nachhall jener Zeit, in der die Geschichte noch nicht in Nationalstaaten dachte, sondern in familiären Linien, Abzweigungen, Erbfolgen phantasierte – und solche Gedanken von jener genealogisch polyphonen Musik...

Feuilleton

die Abdankung
Von dem Dome schwer und bang …

… TÖNT DER GLOCKE GRABGESANG Es gibt Dynastien, die verschwinden lautlos, wie eine Kerze, die nicht ausgepustet, sondern schlicht zu Ende gebrannt wird. Das Haus Schwarzburg-Rudolstadt und das Haus Schwarzburg-Sondershausen gehören zu diesen Geschlechtern, deren Ende weniger ein Sturz als ein Erkalten war. Sie waren nie von der grellen Art der großen europäischen Häuser; ihr Glanz bestand in Maß, in Dauer, in einer beinahe klösterlichen Selbstverständlichkeit des Regierens. Thüringen, dieses...

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