Tag der Enthauptung des Täufers
29. AUGUST - INGRID BERGMANN

Der 29. August gilt als Tag der Enthauptung Johannes des Täufers. Und man darf es wohl als eine jener strengen und fast unnatürlich stilisierten Fügungen betrachten, die das Leben selbst nur in seltenen Momenten hervorbringt und an wenige Auserwählte verteilt: Ingrid Bergman erblickte an diesem besonderen Tag das Licht der Welt und an einem 29. August verließ sie diese Welt auch wieder. Wie eine vollkommen komponierte Kadenz, wie eine mythische Schlusswendung, die nicht aus der Willkür irgendeines Komponisten, sondern aus der inneren Gesetzlichkeit der Musik selbst entsteht, fallen Anfang und Ziel in Ingrid Bergmanns Fall auf ein und dieselbe Note. Es ist, als habe das Dasein dieser großen Schauspielerin nicht im biographischen Zufall geendet, sondern im Reim auf sich selbst und des großen Wüstenpredigers und Vorläufers Christi lange vor ihr.

Ingrid Bergman, Tochter des Nordens, Schwedin, archaisch schön, schlicht wie das Licht über Fjorden und Schären - und doch so streng wie eine romanische Säule, brachte in einigen großen Filmen etwas von jenem in die Welt, das man zurecht "die Unschuld des Schauens" nennen könnte. Ingrid Bergman war keine Diva im italienischen oder französischen Sinne, sondern eine Erscheinung übergroßer und unverspielter Klarheit – und darum war sie zugleich die ideale Projektionsfläche für allerlei Phantasien und Ängste des 20. Jahrhunderts.

1. Gaslight
„Gaslight“ heißt einer ihrer Filme. Ein düsterer Gang durch die Schatten der viktorianischen Innenräume, in denen der weibliche Blick langsam Schritt für Schritt am eigenen Zweifel zerschellt. Man sieht, wie eine Frau die Finsternis erträgt, wie sie gegen das anblinzelt, was wir heute „Gaslighting” nennen – und zugleich wird einem das Wesen einer Epoche bewusst, von der das weibliche Bewusstsein auch heute noch immer bedroht ist. Ingrid Bergman war zwar keine Theoretikerin der Frauenfrage, und doch wirkt ihr filmisches Spiel wie eine Antwort auf die Grundproblematik seelisch verwundbarer (weiblicher) Wesen, die tiefer schürft als jede psychologische Abhandlung. Man könnte sagen: „Gaslight” ist eigentlich kein Film über irgendeinen Mord, kein Film über einen Juwelendiebstahl, nein - das ist ein Film über den zerstörten Blick. Und Ingrid Bergman, die in allen Rollen jene unvergleichliche Mischung aus Unschuld und Würde, aus Schwäche und nie ganz verlöschender Kraft verkörpert, war die einzig mögliche Trägerin der Figur Paula Alquist Anton. Was geschieht mit der? – Ein Mann, äußerlich glänzend, kultiviert, von der Welt nicht ohne Bewunderung betrachtet, unterhöhlt in kleinen Dosen Tag für Tag, das Selbstvertrauen seiner Frau Paula. Er nimmt ihr nicht das Geld, nicht einmal gleich das Leben – er nimmt ihr die Fähigkeit, der eigenen Wahrnehmung zu trauen. Damit tötet er das Innerste eines Menschen: den Grund, warum man überhaupt noch aufsteht, noch handelt, noch lebt. Und hier geschieht das Wunder des Kinos: Das Opfer, das scheinbar passive, still erduldende Opfer, das mit jedem anderen Schauspielergesicht nur Schwäche gewesen wäre, wird durch Ingrid Bergmans Blick zur Offenbarung. Der Zuschauer erkennt: Nicht sie verliert den Verstand, sondern die Welt verliert die Wahrheit. Man sieht in ihrem verunsicherten, flackernden Ausdruck das Aufleuchten jener höheren Instanz, die man einmal Seele nannte. So wird dieser Film, der eine viktorianische Schauer-Geschichte hätte bleiben können, durch Bergmans Gegenwart zu einem Gleichnis: Dass der Mensch, der gezwungen wird, an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln, in die Nähe des Martyriums rückt. Man möchte beinahe sagen: im flackernden Licht der Gaslampen erscheint sie wie eine moderne Heilige, deren Leiden nicht im körperlichen Schmerz, sondern in der aufgezwungenen geistigen Verdunkelung besteht. Dass aus diesem Film ein neues Wort in die Alltagssprache überging – „Gaslighting“ –, ist keine beiläufige Kuriosität, sondern die eigentliche Krönung: Das Spiel, das man ihr im Film antat, hat in der Realität die Sprache selbst verwandelt. Und so ist Ingrid Bergman in Gaslight nicht nur die leidende Frau im viktorianischen Haus – sie ist die Patronin all jener geworden, die gegen das Dunkel der Lüge ihre innere Helligkeit zu bewahren suchen.

2. Anastasia
Unvergesslich auch „Anastasia“: hier verwandelt sich Bergmann in jene fragwürdige Gestalt zwischen Betrug und Wahrheit, zwischen Märchen und politischer Intrige. Und vielleicht war dies ihre eigentliche Meisterrolle: das Gesicht der Verlorenen darzustellen, die sich ein anderes Leben aneignen, und darin die Schönheit einer zweiten Geburt erahnen. Ja - das geht und gelingt: Die Möglichkeit einer zweiten Geburt – dass ein Mensch, der alles verloren hat, in einer neuen erdichteten Rolle zu seiner Würde zurückfindet.

3. „Stromboli“ und „Viaggio in Italia"
Nicht zuletzt die Filme mit Roberto Rossellini - ihre Titel „Stromboli“ und „Viaggio in Italia“. Diese beiden Streifen erschütterten jene bürgerliche Welt, welche sich über die Verbindung von Bergmann und Rossellini, also einer Hollywood-Göttin mit einem neorealistischen Regisseur, erregte. Aber gerade dort, in den kargen Vulkanlandschaften nahe des Vesuvs und im Schweigen seiner Lavafelder, entfaltete sich Ingrid Bergmans Größe. Sie, die zuvor als Engel und Heilige gegolten hatte, wurde zur Frau im Exil, zur Suchenden, zur Figur, die auf eine Erlösung wartet, die nur aus dem Unsichtbaren kommen kann - und dann auch kommt, während einer Prozession hinter dem Rücken einer hölzernen Muttergottesfigur.

4. Casablanca
In der Hauptsache aber denke man an den Streifen „Casablanca“. Das ist wohl der bekannteste unter den Bergmann-Filmen. Neben Humphrey Bogart, dessen Gesicht schon damals ein Relief aus Skepsis, Enttäuschung und lakonischem Übermut gewesen ist, erscheint Ingrid Bergman wie das genaue Gegenbild. Ein Antlitz von schlichter Melancholie, Augen, die nichts anderes ausdrückten als die unvermeidliche Tragik dessen, wie Liebe und Schicksal irgendwie nicht zusammen passen, dadurch aber dann gerade doch ... Der Film „Casablanca” ist zur Legende geworden, doch seine ewige Szene – die verhaltene Leidenschaft, die sich nicht erfüllen darf – trägt den Namen Ingrid Bergman wie eine flammende Schrift vor sich her. Und - ganz nebenbei lernen wir, ob einer zum Freund wird oder Feind bleibt, das entscheidet sich erst im allerallerletzten Moment. Im Augenblick der Wahrheit. Dieser ereignet sich in der letzten Minute des Films. Man muss ihn einfach gesehen haben!

Dass Ingrid Bergmans Geburtstag und auch der Todestag dasselbe Datum belegen, scheint uns einen verdeckten Hinweis darauf zu geben, dass das Leben dieser Frau von Anfang an dem Drama zugehörte und sie selbst in ihren Rollen immer das Ineinander von Anfang und Ende, von Versprechen und Verhängnis verkörperte. Es ist auch mehr als eine zu vernachlässigende Koinzidenz, dass eben dieser 29. August der liturgische Tag der Enthauptung Johannes des Täufers ist – des großen alten Zeugen, der mit dem Verlust des eigenen Hauptes die Wahrheit seines Lebens bekräftigte. So liegt über diesem Datum ein Doppelsinn von Opfer und Vollendung, der sich wie ein geheimes Siegel auch auf das Leben der Schauspielerin legte - und auf viele, die Ingrid Bergmann mögen und verehren.
Ihr Antlitz gehört zu den wenigen, die nicht altern, weil sie nie der Mode angehörten ...

Autor:

Matthias Schollmeyer

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