25. Januar
Ester, Karl der Große, Paulus …

PAULUS, ESTER, KARL DER GROßE
Der 25. Januar ist kein idyllisches Datum. Dieser Tag gehört an jene Stellen des Kirchenjahres, wo sich nicht Harmonie, sondern dringliche Entscheidung anmeldet. Die Kirche hat den 25.Januar seit alters her mit der Bekehrung des Apostels Paulus verbunden. Also mit einem Ereignis, das sich historisch nicht festmachen lässt, aber theologisch datiert wurde. Die Umkehr vom Saulus zum Paulus - so definierte die Kirche - ist kein zeitloser Gedanke, sondern Einschnitt zwischen einem Davor und Danach - mit einem erfundenen Zeitstempel und realen Ortskoordinaten. Bei Paulus, dem vormaligen Christenhasser, geschah es auf der Straße nach Damaskus. Schon morgen.

Paulus fällt vor Damaskus nicht vom Pferd, weil er etwas suchte, sondern weil er gefunden wurde. Bei alledem wird der spätere Apostel der Christen nicht belehrt, sondern erst einmal in seinem vorgängigen Christenhass unterbrochen. Jesus spricht – und dieses Sprechen bewirkt bei Paulus: Blindheit. Drei Tage Schweigen. Drei Tage Dunkel. Die Offenbarung Gottes beginnt mit vorübergehendem Entzug der Klarheit.

Auch im Buch Ester, dem diesjährigen Thema der Bibelwoche, handelt Gott auf verborgene Weise – und deshalb wird sein Name im Buch kein einziges Mal genannt. Sein Name fehlt. Kein Wort vom Himmel, kein Engel, kein prophetischer Einspruch. Und doch ist die Handlung durchzogen mit einer geheimen Ordnung von Zahl, Maß und Datum. Das Heil für das Volk Esters tritt nicht durch Gewalt ein, sondern im Zuge des Vertrauens - unter Bedingungen radikaler Unsicherheit. Die Königin Ester handelt ohne Garantie. Sie geht zum König, ohne zu wissen, ob sie danach leben gelassen wird. „Komme ich um, so komme ich um.“ Glaube in seiner radikalsten Form. Vertrauen ohne Gewähr. Das durchgängige Schweigen Gottes wird nicht als Abwesenheit erfahren, sondern als Raum für wahrzunehmende Eigenverantwortung.

Dass der 25. Januar zugleich auch als Todestag Karls der Großen im Kalender steht, unterstreicht diese Perspektive. Mit Karl endete nicht nur ein einzelnes Leben, sondern trat eine Gestalt von der Bühne der Weltgeschichte ab, als Kirche, Reich und Ordnung noch einmal hatten zusammenfallen dürfen. Karls Tod markiert den Übergang. Das, was wir heute Europa nennen, trat in eine Zeit ein, in der Einheit nicht mehr durch Macht gesichert war, sondern immer wieder neu errungen werden musste – geistlich, kulturell, geschichtlich.

So steht der 25. Januar also  im Mittelpunkt dieses gleichseitigen Dreiecks: Der radikalen Umkehr des Paulus, dem verborgenen Handeln Gottes für Ester und ihr Volk in eigener Verantwortung und dem Verschwinden der christlichen Ordnungsgestalt Karls des Großen.

Der morgige Sonntag ist kein Datum für simple Antworten auf komplexe Fragen. Wo und wie geschähe Umkehr heute? Wann kann man vertrauen ohne Anzeichen des Erfolgs? Wer entscheidet über die künftige Geschichte? Gott, wie uns die Bibel von ihm lesen lässt, lebt jenseits schneller Erklärungen. Manchmal spricht – genauso oft schweigt er. Beides sind Formen seiner Gegenwart, in der der Mensch ernst genommen wird. Der 25. Januar lässt die Kirche bedenken, genau das auszuhalten.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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