27. Januar
Mozarts 270. Geburtstag
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Wolfgang Amadeus Mozart wird am 27. Januar zweihundertundsiebzig Jahre alt - irdische Jahre zählte er nur fünfunddreißig. Da könnte mancher spöttisch bemerken: „Eilig hat er es gehabt mit dieser relativ kurzen Lebenszeit.” Andere mussten nur abdanken und sind älter geworden. Zum Beispiel der deutsche Kaiser und preußische König Wilhelm II., der mit dem Komponisten aus Salzburg ebenfalls am 27. Januar Geburtstag feierte. Mozart aber hat nie abgedankt. Kaiser kamen und gingen. Reiche verblassen - und selbst Historiker geraten ins Schwanken, wenn es um Titel, Abdankungen und Zuständigkeiten geht. Mozart bleibt unumstritten. Seine Musik erklingt von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Dass Wolfgang Amadeus Mozart nie abdankte, hat Karl Barth auf die knappste und schönste Weise gesagt: „Die Engel im Himmel spielen Mozart.” Man hört in diesem Satz die reformierte Frömmigkeit deutlich heraus - als Entlastung im Blick darauf, was im Himmel sein wird. Endlich Musik, die nichts erklären will, sondern aus sich selbst hervorgeht und geschieht. Musik, die weder moralisiert noch sentimental wird, sondern lächelt – und in jedem Moment Wahrheit zu hörbarer Klarheit macht, die uns den Atem nimmt und dabei trotzdem nicht sterben lässt.
Natürlich erinnern wir uns an Amadeus. Wenigstens das. Gemeint ist der Film aus dem Jahr 1984. Dieser Film hat vieles zugespitzt und manches verzerrt, aber er hat eines richtig getroffen: Mozarts Musik blieb kein totes Denkmal, sondern wird immer wieder zum lebendigen Ereignis. Sie fiel uns zu, und sie überfällt uns immer noch. Und dann stehen, sitzen oder liegen wir da, und merken - ein wenig beschämt sogar- , dass wir uns gerade selbst beim Hören vergessen hatten.
Man denkt natürlich immer an „Die Zauberflöte”. An Sarastro, diesen sonderbar milden Hohepriester der Vernunft, dessen Hallenarie die Adepten nicht anherrscht, sondern hilfreich in die untersten Grade der rosenkreuzerischen Mysterien sanft einführt. Sarastro singt von Ordnung, und in seinem Munde klingt Ordnung nicht mehr nach Zwang, sondern nach Weite. Dass Mozart Freimaurer war, hört man deutlich heraus, wenn man selber der bunten Welt der Geheimlogen des 18. Jahrhunderts sich verbunden fühlt. Wer unter uns nicht? Dieses Luftige und Neue, Ungebundene, das nicht gegen den Glauben arbeitet, sondern ihn in die freie Luft der Aufklärung stellt und dort tief frische Luft holen und atmen lässt.
Und dann erst das Requiem … Confutatis maledictis – ein Satz wie ein Donnerschlag. Keine tröstliche Watte, kein süßlicher Abgang. Hier wird ernst gemacht. Hier zeigt sich, dass Leichtigkeit nicht das Gegenteil von Tiefe ist, sondern ihre Urform. Mozart wusste, dass kein Dunkel durch Überbelichtung überwunden wird, sondern nur durch den persönlichen Durchzug wie damals am Ufer des Schilfmeers, als die Wagen der Ägypter schon zu hören waren …
Das Wolferl schrieb auch siebzehn Kirchensonaten. Man muss sie hören - vor allem die zehnte - , um zu verstehen, was Kirche sein kann. Setzt man sich beispielsweise in die klassizistische Kirche des ehemaligen thüringischen Residenzstädtchen des Hauses Sachsen-Hildburgausen – erscheint Mozart selbst im Raum. Und man fühlt, dass die Kirche nicht untergehen kann. Dieses Gotteshaus in Hildburghausen entstand nach dem großen Stadtbrand von 1779, der die alte Lorenzkirche vernichtet hatte. Der Neubau begann 1781 nach Plänen Albrecht Friedrich von Kesslaus und wurde 1785 eingeweiht – finanziert durch eine deutschlandweite Sammlung. Es handelt sich um einen spätbarocken, frühklassizistischen Bau der Aufklärung und gehört zu jenen Orten, an denen Mozarts Musik architektonisch großzügig ermöglicht wird. Ein Raum ohne Schwere – ein Raum, der Klang nicht zähmt, sondern freigibt. Noch höfisch Barock, aber schon bürgerlich selbstbewusst, immer noch auf Augenhöhe mit größeren Höfen - und zugleich nach vorn gewandt. Die Christuskirche der Hildburghäuser gehört zu den prädestinierten Aufführungsräumen für Mozarts Musik.
Amadeus heißt übersetzt: „Liebe Gott!” Das ist so eine Art Ästhetischer Imperativ. Wo Mozart ist, da kann der Niedergang der Kirche nicht sein, sondern findet ihre Gegenwart im Modus der Erneuerung statt. Darf man es noch kühner sagen? Der Jesus hätte Mozart gern unter den Zwölfen gehabt. Nicht gerade als Moralbeauftragten, aber als den, der weiß, wie man hört und spielt. Leider war der eine zu früh geboren, der andere zu spät. Also treffen sie sich anderswo. In den himmlischen Hallen, bei jener Hausmusik, welche niemand von uns bewerten kann. Man sagt, Jesus lernte damals Violine - als Mozart im Himmel eintraf. Wichtig ist an dieser Stelle nicht, dass man es glaubt, sondern es prinzipiell für möglich hält. Amadeus hätte eine Oper daraus gemacht.
Morgen also - Mozarts Geburtstag. Man überlege, was zum Frühstück aufzulegen sei. Hier eine Empfehlung: Jupiter-Sinfonie. Oder das Adagio aus dem Klarinettenkonzert (für jene Damen, welche den Plan von der Farm 'Jenseits von Afrika' noch nicht aufgegeben haben). Aber zum Schluss auch das Confutatis!
Damit der 27. Januar weiß, dass wir seinen Ernst verstanden haben …
Autor:Matthias Schollmeyer |
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