Philosophen vorgestellt
Heraklit von Ephesos

Der Satz Πόλεμος πάντων πατήρ ist bekannt. „Krieg ist Vater aller Dinge.“ Drei wenige Worte tragen eine Provokation in sich, die älter ist als jede christliche Theologie und von ihr nicht übergangen werden kann. Heraklit, der dunkle Philosoph von Ephesos, spricht vom Kampf als Ursprung, vom Krieg als schöpferischer Macht. Er äußert diesen Gedanken, der den schlichten Christenmenschen zunächst befremdet: Soll das Zerstörerische, das Trennende, das Gewaltsame der Vater von allem sein, was ist?

Doch Heraklit meint nicht den Krieg der Heere und Truppen, nicht das rote Schlachtfeld und nicht das Blut. Er denkt tiefer, ontologischer. Der „Kampf“ ist bei ihm der Name für jene Spannung, ohne welche das, was wir Wirklichkeit nennen, überhaupt nicht existieren könnte. Alles, was ist, ist in Bewegung, im Werden, im Übergang. Nichts ruht in sich selbst. Gesundheit existiert nur im Kontrast zur Krankheit, Gerechtigkeit nur im Wettstreit einander widrig wirkenden Ansprüche, Leben nur im Schatten des Todes. Der Kampf ist hier kein moralischer Begriff, sondern ein Begriff zur Bestimmung dessen, was die Philosophen Sein nennen.

Zu diesem Gedanken tritt bei Heraklit ein zweites, nicht minder verstörendes Bild. Er sagt: Αἰὼν παῖς ἐστι παίζων, πεσσεύων· παιδὸς ἡ βασιληίη:  "Der Weltlauf, der Aion, ist ein spielendes Kind, das die Brettsteine setzt und versetzt; eines Kindes ist die Herrschaft." Auch hier ist nichts Harmloses gemeint. Das Kind steht nicht nur für Unschuld, sondern für Ungebundenheit. Das Spiel kennt Regeln, aber keine Absicht im moralischen Sinn. Es ist ernst, folgenreich, unwiderruflich – und doch nicht berechenbar. Die Welt geschieht, wie ein Spiel geschieht: Zug um Zug, ohne Rücksicht auf menschliche Erwartungen an Gerechtigkeit, Trost oder Sinn. Gerade darin liegt ihre Ordnung. Der Kosmos wird nicht regiert wie ein Staat, sondern wie ein Spielbrett. Damit verschärft Heraklit seinen Gedanken vom Kampf: Der Gegensatz ist nicht nur notwendig, er ist spielend. Die Wirklichkeit ist gespannt und zugleich leicht, hart und zugleich unzugänglich für jede moralische Vereinnahmung. Wer das versteht, erkennt, dass Heraklit nicht den Zynismus lehrt, sondern die Entzogenheit der Welt von menschlicher Verfügung.

An diesen beiden Punkten - zwei Sprüche, die aus dem Wenigen, das von Heraklit überliefert worden ist, gesichert werden konnten - beginnt die Nähe und zugleich die Spannung zur christlichen Weltsicht. Denn auch die biblische Offenbarung kennt eher keine nur statische Wirklichkeit. Schöpfung ist kein abgeschlossener Akt, sondern ein fortwährender Vollzug. Der Unterschied kommt später - während Heraklit den Logos als ordnendes Feuer denkt, das die Gegensätze durchherrscht, wird im christlichen Glauben dieser Logos Person. Er bleibt Ordnung, Maß und Wahrheit – aber er tritt als solcher in die Geschichte ein. Nimmt menschlich vergängliches Fleisch an und stellt sich selbst in den Kampf der Gegensätze von Liebe und Verrat, Verachtung und Verehrung, Recht und Unrecht.
Entscheidend bleibt diese Idee, von der Theologie der Kirche seit Jahrtausenden bewirtschaftet: Der christliche Glaube verneint nicht die Spannung, sondern er erlöst sie. Der Kampf bleibt real, aber er wird als solcher nicht vergöttlicht. Er wird durchlitten. In der Gestalt des Gekreuzigten und der Gleichzeitigkeit mit ihm im Akt des glaubenden Nachdenkens über diese Gestalt und ihre Geschichte zeigt sich, dass eine letzte Einheit nicht aus der brutalen Gegensätzlichkeit entsteht, sondern aus der Hingabe an ihr Mysterium. Der Logos Gottes siegt nicht, indem er vernichtet, sondern indem er sich preisgibt. Das Kind, das bei Heraklit herrscht, bleibt unverantwortlich im strengen Sinn; es trägt keine Schuld, weil es niemandem Rechenschaft schuldet. Im Christentum hingegen erscheint das Kind in der Krippe nicht als Bild kosmischer Unverfügbarkeit, sondern als freiwillige Selbstbindung Gottes an die Welt. Das Spiel wird nicht abgeschafft, aber es wird existenziell vertieft. Gott spielt nicht mehr nur mit der Welt – er setzt sich selbst ein. Damit verschiebt sich der Akzent: Die Welt bleibt spannungsvoll, unberechenbar, von Gegensätzen durchzogen. Aber ihr letzter Grund ist nicht mehr das spielende Gesetz, sondern die sich verschenkende Freiheit.

So kann also Heraklits Gedanke gelesen werden als eine noch unvollständige Abschattung bzw. Vorahnung späterer Frömmigkeit: Die Welt lebt aus Spannung, aus Gegensätzen, aus großer innerer Unruhe. Doch die letzte Wahrheit dieser Unruhe ist nicht der Krieg, sondern eine ihm zu Grunde liegende - wenn auch verloren gegangene - Einheit. „Nicht der Krieg ist Vater aller Dinge”, formuliert der Christenmensch mit einer gewissen Einfalt, sondern es möge schlussendlich sich die Liebe zumindest als Mutter aller Dinge herausstellen. Damit freilich ist Heraklit nicht widerlegt. Aber es geht auch gar nicht um Widerlegung. Das wäre nur wieder ein neuerlicher Kampf. Wir haben uns schüchtern an die Seite des Dunklen von Ephesos gestellt. Einen Moment lang. Warum? Um diesen wichtigen Mann mit unserer Naivität - einen Moment lang sprachlos zu machen …

Autor:

Matthias Schollmeyer

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