Philosophen vorgestellt
Hannah Arendt
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Das Bild wirkt auf den ersten Blick harmlos: Kalenderästhetik, warme Farben, ein klassisches Porträt. Und doch ist es eine Falle, aus der man so schnell sich nicht wird befreien können. Die jüdische Philosophin Hannah Arendt blickt uns an, nicht frontal, eher seitlich, wie jemand, der weiß, dass das Entscheidende selten dort geschieht, wo es offiziell verhandelt wird. Über ihr steht der Satz vom autoritätshörigen Mob. Und genau dahinter liegt die eigentliche Zumutung.
Arendt hat in ihrem großen Buch über die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft gezeigt, dass totalitäre Systeme nicht einfach „von oben“ installiert werden. Sie entstehen dort, wo Wahrheit ihre bindende Kraft verloren hat und mit dem Verlangen vieler nach Führung durch einen ausgetauscht wird. Wo Menschen nicht mehr fragen, "was ist wahr?", sondern fragen „wer sagt mir, was ich denken soll?” - dort entsteht der Mob. Der Mob – Arendt gebraucht das Wort mit Absicht – ist nicht das Volk, sondern dessen Karikatur: eine Masse, die sich von Verantwortung entlastet, indem sie diese - ins Nichts delegiert.
Hier setzt das alte, immer wieder beobachtbare Gesetz ein: In Organisationen, Institutionen - vielleicht sogar Kirchen - sind es selten die Mächtigen, die den Sturz des Chefs einleiten. Es sind die scheinbar Niedrigstehenden. Der Hausmeister oder die Putzfrau. Nicht aus Bosheit, sondern aus struktureller Logik. Diese Personen sind an das angeschlossen, was man Macht unterhalb der Sichtlinie nennen könnte: Gerüchte, Stimmungen, kleine und dann große Loyalitätsverschiebungen. Am Ende fällt der Bischof, weil die Putzfrau beschlossen hat, dass er fallen soll.
Solche Dynamik ist echt archaisch. Sigmund Freud hat sie in „Totem und Tabu” als Urkonflikt beschrieben, wo sie Väter und Söhne betrifft: Der Vater wird nicht frontal gestürzt, sondern rituell entmachtet, kollektiv, aus der Tiefe des Hasses der Gruppe heraus. Überträgt man diese Mechanismen weiter zurück, landet man schließlich auch in den noch älteren matriarchalen Ordnungen, in denen Macht nie offen, sondern immer indirekt und grausam ausgeübt wird – über Nähe, Entzug, Zustimmung. Die „Putzfrau“ ist in diesem Sinn keine einzelne Person, sondern ein archetypisches Prinzip. Wer mehr darüber lernen will, dem sind besonders folgende Bücher zur Lektüre empfohlen:
- Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Piper 1955.
- Sigmund Freud: Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. 1913
Arendt wusste um alle diese Dinge. Als jüdische Intellektuelle, als Emigrantin, als präzise Beobachterin der Massenpsychologie kannte sie die fatale Allianz von Ressentiment und Führersehnsucht. Der Mob hasst nicht zuerst die Elite. Er hasst die Wirklichkeit, die ihm Zumutung ist. Darum ruft er nach dem starken Mann – und arbeitet zugleich unermüdlich daran, jede konkrete Autorität zu zersetzen.
Was bleibt? Die langsam gewachsene Erkenntnis. Wahrheit ist keine Machttechnik, sondern eine Form von Geduld. Sie wächst nicht aus Mehrheiten, sondern aus bewusstem Gewissen. Wo Organisationen überleben wollen, müssen sie lernen, dieser stillen, unbequemen Instanz mehr zu trauen als den Stimmungen von unten und den Parolen von oben. Sonst entscheidet am Ende wieder die Besenkammer über das Schicksal des Altars.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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