über das böse
Santer
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Das Böse erscheint in der Literatur nicht immer nur dort, wo man es ohne weiteres erwartet hätte. Es kommt nicht notwendig in dämonischem Gepränge daher, sondern oft sogar im Gewand der Vernunft, der Berechnung und technischer Überlegenheit. In den Erzählungen Karl Mays ist diese Einsicht in der Gestalt Santers mit bemerkenswerter Konsequenz ausgearbeitet (Winnetou Band I und Band III). Santer - der übrigens keinen Vornamen hat, aber dessen Name in lautlicher Verwandtschaft zum Formenkreis des Satanischen steht - ist kein Gegenbild zur Zivilisation, sondern ihr innerer Abfall. Er ist nicht der böse Wilde, sondern der Entwurzelte und ein zivilisierter Barbar.
Santer gehört zur selben Welt wie Old Shatterhand. Er spricht dieselbe Sprache, kennt dieselben Werkzeuge, teilt dieselben Horizonte. Gerade darin liegt seine Unheimlichkeit. Denn hier wird das Böse nicht als Fremdmacht vorgestellt, sondern als Möglichkeit innerhalb der Ordnung selbst. Freiheit, die sich von Wahrheit löst, kippt um und wird Willkür. Vernunft, die sich von Bindung trennt, wird zerstörerisch. Santer ist der Mensch, der alles kann – und nichts von dem mehr verstehen will, was einen Menschen zum Menschen macht.
Der Mord an dem Vater Winnetous - Intschu-tschuna - markiert den ersten theologischen Bruch und ist mehr als ein Gewaltakt. Der Vater wird getötet, nicht aus tragischer Not, sondern aus Berechnung. Damit wird jene Ordnung zerstört, die Karl May – leiser, aber präziser als viele seiner Interpreten – als Grundordnung der Welt voraussetzt: die Anerkennung des Ursprungs. Wo der Vater fehlt, wird die Zukunft haltlos. Dieser Mord ist kein Zufall der Handlung, sondern der Beginn einer inneren Logik, die darauf zielt, den beklagenswerten Untergang der roten Rasse zu schildern und bekannt zu machen.
Diese Logik verdichtet sich im Testament Winnetous, das an der Grabstätte Intschu-tschunas aufbewahrt wird. Santer raubt diese Blätter dem Freund Winnetous Old Shatterhand, später auch Pida, dem Sohn Tanguas. Er schreckt dabei nicht davor zurück, beinahe Pidas Frau zu töten. Das Testament wird geraubt wie ein Gegenstand – und genau darin liegt das Problem. Denn dieses Testament ist kein Besitzdokument, sondern ein Wortgeschehen. Es ist Vermächtnis, und auch geheim verschlüsselte Gebrauchsanweisung bzw. Anleitung zum Bergen einer enormen Menge Goldes. Santer verfügt nun über den Text, aber nicht über dessen Sprache und Codes.
Hier berührt Karl May einen zutiefst biblischen Gedanken: Schrift ohne Geist bleibt tot – und macht tödlich. Santer liest die Vokabeln, aber er versteht sie nicht in der rechten Art. Er deutet die Hinweise Winnetous falsch, weil er sie nur unter dem Vorzeichen des eigenen Besitzes und seiner Gier lesen kann. Wie jene, die die Propheten kannten und dennoch verfehlten, liest er – und liest doch nicht. Das Wort wird für ihn Verderben, nicht Offenbarung.
Dass Santer schließlich den Schatz findet, ist kein Triumph, sondern bereits Gericht. Er steht vor einem immensen Goldvorkommen, aber er kann es nur durch Gewalt gewinnen. Dynamit tritt an die Stelle der geschenkten Gnade und ihrer weiterführenden Möglichkeiten. Wo Verstehen nötig gewesen wäre, kommt nun die Zündschnur und die Sprengung. Besitz ohne Sinn verlangt Zerstörung.
Der Untergang Santers wird nun mit erschreckender Folgerichtigkeit durch Karl May beschrieben. Der Unselige sprengt die Felsen – und sprengt sich selbst in die Luft. Felsgestein, Gold und Santer stürzen gemeinsam in den Abgrund eines Sees. Dort bleibt der Gerichtete liegen, begraben unter dem, was er besitzen wollte. Kein Feind tötet ihn. Kein Held richtet ihn. Er taumelt in das Resultat seines eigenen Denkens.
Diese Szene folgt der Struktur der sogenannten Höllenfahrt ohne Rückkehr. Santer liegt unter Gold und Felsen, fixiert, unfähig zur Bewegung, unfähig zur Umkehr. Das erinnert natürlich unübersehbar an Dantes Divina Commedia, an den neunten Kreis der Hölle, wo Judas, Brutus und Cassius nicht gefoltert werden, sondern durch die Konsequenz ihres Verrats gebunden sind.
Karl May entwirft hier eine Theologie des Gerichts ohne explizite Jenseitsrede. Die Hölle ist kein Ort jenseits der Welt, sondern eine Konsequenz innerhalb der Welt. Santer wird nicht gestoßen – er fällt. Nicht Gott richtet ihn, sondern die Wahrheit, die er verweigert hat. Er wollte den Schatz ohne das Gute, das Winnetou in seinem Testament mit dem eigenen Wort aufgeschrieben hatte. Er erhielt auch den Schatz vermittels einer selbstausgelösten Anti-Taufe und als unsichtbares Grabmal in der Tiefe
So ist Santer keine Randfigur irgendeines Abenteuers, sondern eine der ernsthaftesten Gestalten Karl Mays. Er zeigt, was geschieht, wenn die Schrift dazu benutzt wird, ungerecht Beute zu machen, Wahrheit zum Werkzeug gegen die Welt und alleiniger Besitz zum Ziel geworden ist. Santers Ende ist keine Strafe von außen, sondern eine letzte, strenge Auslegung, die das Evangelium trotz aller guten Botschaft auch bereit hält: Wer das Wort nicht versteht, wird vom Besitz verschlungen.
Übrigens - uns das nicht nur nebenbei - die Gestalt Santers taucht noch einmal gewandelt und mit religionskritischer Deutlichkeit in den Comics von Hannes Hegen als durch und durch unsympathische Figur des Prediger Coffins auf. Auch der sprengt sich auf der Suche nach Edelmetallen samt einer Goldmine in die Luft und versinkt in der Tiefe des hereinbrechenden Gewässers. Zum Schluss treibt sein schwarzer Predigerhut einsam als Zeuge des Untergangs auf den Wellen ...
Autor:Matthias Schollmeyer |
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