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kennst du das land?
Sachsen-Hildburghausen

Gibt es ein Leben vor dem Tod? Und das Leben nach demselben - oder sogar mehrere Leben noch hinter dem jetzigen Leben, von dem wir meinen, es sei das unsrige? Gute Frage ... Zum Beispiel Sachsen-Hildburghausen. Der Name Sachsen-Hildburghausen klingt heutigen Ohren wie ein schöner Nachhall jener Zeit, in der die Geschichte noch nicht in Nationalstaaten dachte, sondern in familiären Linien, Abzweigungen, Erbfolgen phantasierte – und solche Gedanken von jener genealogisch polyphonen Musik begleitet wurden, welche dem Sacrum Romanum Imperium Nationis Germanicae bis zu seinem schmählichen Endjahr 1806 auf wunderbare Weise treu geblieben war. Wer sich dieser Zeit nähern will, tut gut daran, nicht nur nach Größe zu fragen, sondern nach Schönheit und phantasierter Gestalt Ausschau zu halten. 

Ursprung: aus der Teilung geboren. Das Herzogtum Sachsen-Hildburghausen entstand 1680, nicht aus irgendwelchen Expansionen oder der Eroberungswut starker Nachbarfürsten wegen, sondern im Überschwang notorischer Teilungsfreude der ernestinischen Wettiner. Diese Linie des Hauses Wettin, seit der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg politisch zurückgestuft und der kurfürstlichen Würde verlustig gegangen, kompensierte den Machtverlust durch barocke Verfeinerung dynastischer Differenzierungen. Territorien wurden nicht etwa zusammengehalten, sondern fröhlich und leichtsinnig aufgeteilt – mit juristischer Akribie und genealogischer Hingabe erfolgte die Zersplitterung des ehemals zusammenhängenden Herrschaftsgebiets. Erster Herzog von Sachsen-Hildburghausen wurde Ernst Friedrich I. Er war ein Sohn von Ernst I. (der Fromme) von Sachsen-Gotha-Altenburg. Und dessen Vorfahren wiederum reichen zurück bis zu den Kurfürsten von Sachsen, jenem mächtigen Stamm also, welcher einst die deutsche Königswürde mitgeprägt hatte. Für Hildburghausen war davon freilich nur noch ein formaler Abglanz geblieben: Rang ohne Reichweite, Würde ohne Gewicht. Aber immerhin …

Das Leben eines kleinen Hofes. Hildburghausen wurde Residenzstadt – und damit Bühne des notwendig höfischen Betriebs. Vom höfischen Glanz trachtete man noch lange zu zehren, selbst nachdem die Fürsten längst zur Abdankung gezwungen worden waren. Der Hof war klein, aber ehrgeizig; provinziell, aber nicht unerquicklich. Man liebte Zeremoniell, Theater und Repräsentation. Gerade darin lag ja der besondere Reiz: Hier in den thüringischen Landen ließ sich damals Kultur noch als hochpersönliche Angelegenheit des allerhöchsten Landesherren betreiben. Der Herzog wollte seinen Hofprediger kennen - und der ihn, der Leibarzt war nicht bloß Funktion, sondern Vertrauter der Familie, der Hofapotheker ein Mann von landestypischer Kräuterkenntnis und medicinalem Gewicht, der über Kräuter ebenso zu sprechen wusste wie über das angebrochene Zeitalter der Aufklärung.

Wahlspruch des Hauses war die Formel „Fideliter et constanter“ – treu und standhaft. Man darf darin weniger Pathos erkennen als notwendige Selbstvergewisserung: Treue zum Kaiser, Standhaftigkeit trotz des erlittenen Bedeutungsverlusts. Das ist der Wahlspruch kleiner Häuser, die wissen, dass sie nur überleben werden, wenn sie sich korrekt verhalten.

Der langsame Abgang. Das Ende kam nicht dramatisch. Mit dem im Februar 1825 erfolgten Ableben von Friedrich IV., dem letzten Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg, erlosch diese herzogliche Linie der Wettiner. Die Erben waren die Herzöge Bernhard II. von Sachsen-Meiningen, Ernst I. von Sachsen-Coburg-Saalfeld und eben Friedrich von Sachsen-Hildburghausen. Und es fiel also vor genau 200 Jahren im Jahr 1826 das alte Sachsen-Hildburghausen zu Teilen an Sachsen-Meiningen und zu Teilen an Sachsen-Altenburg. Kein Sturm auf den Palast war es, kein heroischer Untergang – vielmehr ein Verwaltungsakt, wie er typisch ist für die Welt der kleinen ernestinischen Adelshäuser. Das Herzogtum Sachsen-Hildburghausen verschwand also bzw. wurde umbenannt, weil es genealogisch überflüssig geworden war. Seine recht lange Geschichte fuhr hinab in die alles bergenden Gruben wichtiger Aktenvermerke.

Würde man hier leben wollen? Wenn man sich in der Zeit zurückbeamen könnte – würde man dann Sachsen-Hildburghausen wählen? Wenn man nach politischem Einfluss oder militärischem Ruhm suchte, wohl kaum. Doch wer Ordnung, Überschaubarkeit und kulturelle Wärme und Nähe schätzt, wäre hier gut aufgehoben. Als Hofprediger, der Sinn für lutherische Theologie mit Niveau und Maß besitzt, wäre man hier gern gesehen. Als ein Apotheker mit botanischem Interesse, als Hofkonditeur mit Sinn für Regelmäßigkeit und Versorgungssicherheit und Leibarzt mit bei orientalischen Weisen diskret erworbener Ausbildung – hätten wir hier ein auskömmliches, vielleicht sogar erfülltes Leben zu führen.

Sachsen-Hildburghausen war kein Ort der großen Entscheidungen, sondern der feinen Anpassung. In der Rückschau wirkt dieses Herzogtum wie das Spezial-Labor deutscher Kleinstaatlichkeit: geistig beweglich, politisch begrenzt, kulturell nicht ganz zu übersehen. Wer aus unserer Schar dieses kleine Land für ein Leben nach dem Tod als locus reincarnationis wählt, wählte nicht das Schlechteste - etwa die grobe Macht. Nein, nein - er ergriffe die feinen Formen. Das ist, bei allem Spott der Nachgeborenen, eine ernstzunehmende und wohl abgewogene Entscheidung.

Und der HERR würde wohlgefällig auf einen solchen schauen …

Autor:

Matthias Schollmeyer

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