zur inneren Dynamik von Logo & Logos
Roter Pfeil auf blauem Grund
- HERREN MALEN EIN BILD (ChatGPT generiert)
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
ROTER PFEIL AUF BLAUEM GRUND - EIN PAMPHLET
Es gehört zu den stillen Freuden aller Symbolkundler, das Offensichtliche nicht zu verleugnen, sondern ihm erst recht ins Auge zu blicken. Wer nun also das Logo der AfD betrachtet, muss sich schon besondere Mühe geben, nicht jenen Assoziationen zu verfallen, die sich unwillkürlich einstellen. Der rote Pfeil – aufgerichtet, gespannt, nach oben strebend – wirkt wie eine Chiffre der Selbstaufrichtung einer gerade überwundenen Erschlaffung, eines Willens, der sich seiner selbst wieder vergewissern möchte. Man kann das lächelnd abtun. Man kann es empört von sich weisen. Oder man kann mit C.G.Jung sagen: Das Unbewusste kennt keine Scham. Es spricht in Bildern.
Carl Gustav Jung nämlich, Pastorensohn aus dem Land der Psychiater und später selber einer von ihnen, hätte hier kaum gezögert. Der Pfeil ist Richtung, der Pfeil ist Energie, der Pfeil ist Durchbruch. In der Tiefenschicht aber – dort, wo Archetypen sich nicht um gute Manieren kümmern – ist er natürlich der Phallus, um den sich in primitiven Kulturen alles drehte. Nicht als Obszönität, sondern als uraltes Symbol von Kraft, Zeugung, Selbstbehauptung und Machtgehabe. Der rote Pfeil dringt ins blaue Feld wie der Blitz in eine Ordnung, die als zu kühl, normierend, vielleicht auch als lähmend erlebt wird. Blau meint Gesetz, Distanz, Verwaltung. Rot ist Leben, Zorn, Vitalität. Und der Pfeil sagt: „Jetzt komm’ ich.“
In der Kaste jener Leute, die auf bestimmte Formen sogenannter Intellektualität stolz sind, würde man in diesem Zusammenhang vermutlich von einem gewissen Willen zur „politischen Erektion“ sprechen – nicht ohne jenes halb mitleidige, halb amüsierte Lächeln, das man von diesen Leuten kennt. Vielleicht ist da etwas dran - Gesellschaften, die sich als „schlaff“ erleben mussten, antworten gern mit Symbolen der Haltung oder, genauer noch, der Straffung. Der rote Pfeil sagt: Wir stehen wieder. Wir richten uns auf. Wir lassen uns – und dich – nicht hängen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass im Entwurf des AfD-Programms für Sachsen-Anhalt die Leser mit Du anredet werden, also einer gewissen Verkumpelung die Tore geöffnet werden sollen. Dass solche Aufrichtung zunächst vor allem symbolisch geschieht, macht sie nicht weniger wirksam – im Gegenteil. Symbole sind bekanntlich die Monstranzen, unter denen spätere Reformen bzw. Revolutionen feierlich einherziehen.
Die klaren, fast bürokratischen Lettern A, f und D fungieren dabei als Siegel einer persona officinalis, um erneut mit C.G.Jung zu sprechen: Das gibt sich vernünftig, sachlich, staatstragend. Doch unter dieser Maske arbeitet und pocht das archaische Bild. Thomas Mann hätte seine helle Freude daran gehabt – nämlich an der Diskrepanz zwischen bürgerlicher Typographie und mythischer Tiefenentladung. Ein wenig wie bei Settembrini und Naphta im Zauberberg – nur dass hier der Pfeil die Debatte bereits entschieden hat, bevor sie überhaupt begann.
Alt-lutherisch ließe sich hinzufügen: Der Geist ist zwar willig, die drei Buchstaben zu verstehen. Aber das Fleisch verlangt dann doch noch die sicheren Zeichen. Das Zeichen des Pfeils (mit dem roten Schwellkörper obenan) ist nun einmal eindeutig und sagt mehr als A, f und D zusammen. Was aufrecht steht, glaubt, im Recht zu sein. Wer aufrecht geht, kann führen. Dass dabei die Faust oft geballt ist, gehört zur Choreographie und lässt sich schwer vermeiden. Die geballte Faust – das wusste schon die Weimarer Straße – ist zwar kein Argument, aber eine Abkürzung des Diskurses unter Zeitdruck. Sie verkürzt den Weg vom Gefühl zur Handlung und umgeht das Denken mit brutaler Eleganz.
An dieser Stelle drängt sich eine weitere, vielleicht noch grundlegendere Frage auf. Alternative heißt übersetzt „anders geboren“. Anders geboren hieße in letzter Konsequenz wohl aber auch: anders gezeugt. Die Mythologie kennt solche Fälle zuhauf – man denke nur an die Jungfrauengeburt, an die Geburt der Pallas Athena aus dem Haupte des Zeus oder an Dionysos aus dem Schenkel des Äigisbewahrers. Immer geht es um Sonderherkünfte, um Ursprünge, die sich von der gewöhnlichen Ordnung absetzen wollen. So wird aus anderer Zeugung eine besondere Geburt, eine Alternative eben.
Hätte sich demzufolge die Partei AfD selbst gezeugt? Die Frage ist keineswegs nur rhetorisch. Martin Heidegger würde sie wohl mit seiner berühmten Grundfrage in Verbindung gebracht haben: "Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?" Man könnte versucht sein, sich gedanklich an jenen besonderen Abend im Jahre 2013 zurück zu beamen, als ein paar hochgebildete Professoren und Politiker damals in einem Lokal zusammensaßen, bei gutem Wein – kein Bier – und auf Zetteln mit Filzstiften oder Farbmarkern wie nebenbei Logos entwarfen. Und irgendwann muss eine der Musen vorbei geschwebt sein, hat den Stab gesenkt und gehaucht: "So und nicht anders". Zeus darauf nickte beifällig – und so konnte die Partei entstehen: geboren aus dem Geist des Widerspruchs, inzwischen allerdings mit reichlich schweren Lehmbrocken an den Stiefelsohlen.
Man kann darüber weinen oder lachen, und man sollte auch beides tun. Denn der Witz liegt in der Erkenntnis, die durch den freundlichen Spott heraus gelockt wird. Das blau-rot-weiße Logo verrät mehr als das umfangreiche Programm von hundertfünfzig Seiten, das in den kommenden Monaten in Sachsen-Anhalt die Runde machen wird. Es zeigt eine Psychodynamik, die sich im Text des Programms dann auch wiederfindet: die Sehnsucht nach Ordnung und zugleich der Drang, die bestehende Ordnung zu durchstoßen; der Wunsch nach zustimmenden Massen und die Ungeduld gegenüber langwierigen Diskursen; das Bedürfnis nach Stabilität und der Reiz der Zuspitzung. Das ist menschlich. Es ist allzumenschlich.
Vielleicht liegt gerade darin die Chance zur Selbstironie. Wer den roten Pfeil sieht und – wenn auch etwas gequält – schmunzelt, ist dem blinden Unbewussten bereits einen Schritt voraus. Ähnliche Pfeile fand man zu DDR-Zeiten an den Wänden öffentlicher Toilettenanlagen. Jung hat dazu bemerkt: „Der Schatten wird dann gefährlich, wenn man nicht erkennen will, was ihn werfen ließ.“ Solange man noch über alles das lachen kann, besteht Hoffnung. Oder, um es lutherisch zu wenden: Wer sich selbst erkennt, ist schon auf halbem Wege zur Buße.
So bleibt dieses Logo, was es ist: ein kleines Lehrstück über die unbewusste kollektive Psyche, über Aufrichtung und Angst vor dem Absinken, über Ordnung und Impuls. Man darf darüber streiten. Man darf darüber lachen. Man sollte es aber ernst nehmen.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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