GESCHICHTEN VOR DER WAHL (TEIL 1)
die Notfallseelsorgerin

Ja - sie ist also tatsächlich gekommen, die Notfallseelsorgerin, diese außerordentlich nette und beherzte Notfallseelsorgerin mit den blonden schwarzen Haaren, mit dieser widersprüchlichen Frisur - blond und schwarz zugleich - was man eigentlich für unmöglich halten müsste, aber in Mecklenburg, wie jeder weiß, ist es möglich. Weil in Mecklenburg-Vorpommern überhaupt alles möglich ist. Und da ist sie also aus diesem Seidenmalereikurs förmlich herausgerissen worden, ausgerechnet aus einem Seidenmalereikurs, der ja allein schon an und für sich eine Zumutung ist, wenn man darüber genauer nachdenkt, und hat sich, ohne zu zögern - denn es war krasser Notfall - in ihren Wagen geworfen und ist zu dieser Kneipe gefahren, diese Kneipe am Rand, irgendwo dort am Rand, wo Meck-Pom an Brandenburg grenzt, was etwas Bedrohliches hat.

Und diese Kneipe, diese Kneipe war - wie Kneipen da oben im Norden eben sind -  niedrig, verraucht, von einer dumpfen, fast feindseligen Wärme erfüllt, die einen sofort angreift, wenn man eintritt, und die zwölf Männer saßen da, diese Männer mit ihren Bäuchen - diese Bäuche, die nicht einfach Bäuche sind, sondern Lebenswerke, gescheiterte Lebenswerke - zusammengesunken auf Stühlen, die schon vor dreißig Jahren hätten ersetzt werden müssen. Und sie weinten alle! Sie weinten tatsächlich, und zwar nicht dieses vereinzelte, verschämte kleine Kinderweinen, sondern ein kollektives, ein nahezu orchestrales Weinen, ein Weinen, das man, wenn man es nicht selbst gesehen, niemals für möglich gehalten hätte.

Die zum Tatort gerufene Polizei stand nun daneben, ratlos, selbstverständlich ratlos, wie die Polizei immer ratlos ist, wenn sie mit etwas konfrontiert wird, das nicht in irgendeinem Formular vorgesehen ist, und der Einsatzleiter erklärte ihr - unserer Notfallseelsorgerin - erklärte ihr also, dass diese Männer über Politik gesprochen hätten. Über Politik, wie er sagte, und dass dann, und hier senkte er die Stimme - als handle es sich um etwas Ungehöriges - ein Engel vorbei geschritten sei. Ein Engel, der die Männer jeden einzelnen mit einem kleinen Stab kurz am Kopf berührt habe. Und dass sie daraufhin erkannt hätten, dass sie die falsche Partei gewählt hätten, am 20. September, an diesem unseligen 20. September 2026, und dass diese Erkenntnis sie nun vollständig zerstört habe. In die Knie gegangen sind sie nicht an der Wahl als solcher, sondern an der Erkenntnis, dass es ihre eigene gewesen ist. Sagte die Polizei.

Es ist ja das Eigentümliche, dachte die Frau, während sie dem Kollegen Einsatzleiter zuhörte, dass die Menschen nicht an der Wirklichkeit zugrunde gehen, sondern an ihrer verspäteten Einsicht in die Wirklichkeit, und dass diese verspätete Einsicht immer wie ein Schlag wirkt, wie ein Schlag nicht mit eben dem kleinen Stab, von dem dieser Polizist gesprochen hatte, dem sogenannten Engelsschlag, der alles ins Wanken bringt, weil er zu spät kommt, immer zu spät kommt. Sondern mit einem Hammer!

Und der Polizist sagte dann noch, der Kneipenwirt fürchtete einen Gruppensuizid, was natürlich sofort die Kneipe ruiniert hätte mit seinem schicksalshaften Gewicht. Nichts nämlich ist ja in dieser Gegend gefürchteter als das Kollektive, das Kollektive ist ja immer schon verdächtig, und wenn es dann noch suizidal wird, dann ist es überhaupt nicht mehr zu ertragen. Das könne man jetzt fast gar nicht glauben, aber es ist so. Und weil der Wirt Bedenken hatte und weil auch alle am Alkohol teilgenommen haben - wie er sagt - „rufen wir mal die Notfallseelsorge - sicherheitshalber“. Und nun könne sie als Seelsorgerin - Notfallseelsorgerin - ihr Werk flugs beginnen. „Gute Frau - da wünschen wir Ihnen viel Erfolg. Wir haben jetzt noch einen anderen Einsatz. Irgendwelche Leute hören irgendwo zu laut Musik und die Nachbarn haben sich beschwert. Da müssen wir schnell hin. Auch dort ist Alkohol mit im Spiel. Viel Glück.”

Also zog sie ihre Jacke an, diese blauviolette Jacke, dieses Kleidungsstück, das man auch immer im Fernsehen sieht, und ging hinein in die Höhle, wie man sagen muss, in diese Kneipe und sie sah die Männer an, diese Männer, die sich beschuldigten, einander überredet zu haben - wie sie sagten - die falsche Partei zu wählen, und die nun nicht mehr wussten, wohin mit sich, wohin mit der bitteren Erkenntnis, die sie plötzlich getroffen hatte.

Ohne lange zu überlegen, stieg die Notfallseelsorgerin auf einen Kneipentisch, auf einen dieser runden Tische, die schon vom vielen Abstellen der Biergläser klebrig waren und stampfte auf, mit einer Entschiedenheit, die man ihr, dieser kleinen schwarzblonden Seidenmalereikursteilnehmerin, niemals zugetraut hätte, und rief: „Jungs, nun ist aber mal gut mit Heulen.“

In diesem Moment - in genau diesem Moment - geschah etwas, das man vielleicht als den eigentlichen Kern der Notfallseelsorge bezeichnen könnte, denn sie hatte nichts vorbereitet, sie hatte keine Worte, keine Sätze, keine Formeln, sie hatte nur diesen einen Satz, diesen lächerlich einfachen Satz „Jungs, nun ist aber mal gut mit Heulen.“
Dann gingen ihr die Worte aus, sie gingen ihr tatsächlich aus, und sie stand da, auf diesem Tisch, wie eine Tabledancerin und wusste nicht weiter.

Und gerade in diesem Nichtweiterwissen, in diesem vollständigen Versagen der Sprache, lag plötzlich etwas, das stärker war als jede Rede, denn die Männer sahen zu ihr auf, etwa so, wie noch wirklich praktizierende Katholiken auf die Statue Unserer Lieben Frau in der Kirche Sankt Marien aufschauen. Alle schauten zu ihr am Tisch empor, und hörten auf zu weinen, nicht weil sie überzeugt worden wären, nicht weil sie getröstet worden wären, sondern weil da jemand stand, der ebenso wenig wusste wie sie selber.

Das ist es, dachte man später, das ist es, was diese ganze Einrichtung der Notfallseelsorge ausmacht: dass jemand kommt, der nichts weiß, und gerade dadurch für einen Augenblick erträglich macht, dass niemand etwas weiß.

Wie das Ganze ausgegangen ist, weiß niemand, und es ist auch völlig gleichgültig, wie es ausgegangen ist, denn entscheidend ist nur dieser Augenblick gewesen, dieser eine Augenblick, in dem das Weinen aufgehört hat, weil jemand auf einen Tisch gestiegen ist und nichts mehr sagen konnte.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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