FDJ-Duktus und AfD-Sprech
LTI-Mechanik
- DER REDNER - (ChatGPT generiertes BILD)
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Vorspruch
Wer die Mühe nicht scheut, sich den Entwurf des sachsen-anhaltinischen AfD-Programms als kursorische Lektüre zu verabfolgen, um darin zu studieren, wird recht bald merken, wie ganz unterschiedlich begabte Autoren das Ihrige in den umfangreichen Text haben einbringen dürfen. Am Sprach-Duktus ist viel - und eigentlich alles -ganz leicht zu erkennen. Bei der Erstellung eines 150-seitigen Papiers kann das auch gar nicht anders sein - verschieden begabte Geister wirkten mit. Der HERR hat bekanntlich die Gnadengaben unterschiedlich unter allen seinen Kindern verteilt ... Dort nun aber, wo es um das Thema „Kirchen“ geht, schmerzen die sprachlich wie gedanklich grobschlächtigen Zugriffe besonders, denn hochkomplexe Verfassungs-, Kultur- und Glaubenszusammenhänge werden im AfD-Papier besonders rabiat behandelt - mindestens sehr verkürzt dargestellt, um nicht zu sagen ganz und gar unzutreffend. Was in Abschnitt III. Kultur und Integration Punkte 17-19 geäußert wird, ist weniger Kirchenkritik als ein Versuch, Religion in den Werkzeugkasten einer völkisch grundierten Ordnungspolitik zu zwingen. Und genau daran scheitert der Text – intellektuell sowieso, aber eben auch historisch und politisch gesehen.
1. Ein argumentativer Taschenspielertrick
Zur Frage der abzulösenden Staatsleistungen. Die Berufung auf die Ablösungsforderung der Weimarer Reichsverfassung ist ein klassischer Fall selektiver Zitierkunst. Ja, die Verfassung fordert die Ablösung der Staatsleistungen. Sie fordert sie gegen Entschädigung, durch Reichsgesetz, in geordnetem Verfahren. Das AfD-Programm allerdings unterschlägt diesen Kernpunkt und ersetzt ihn durch eine voluntaristische Behauptung: Man könne die Zahlungen einfach einstellen. Das wäre dann kein Rechtsstaat mehr und klingt nur noch nach revoluzzerischem Parolenrecht. Der Staat wird nicht mehr als an Recht gebundene Ordnung gedacht, sondern als Exekutor eines aufgestachelten und gefühlten Volkszorns. Joseph Ratzinger hätte vom Verlust des Rechtsbegriffs zugunsten der Machtidee gesprochen.
2. Die ökonomische Polemik als Ressentimenttechnik
Man möchte den Kirchen nicht mehr Millionen in den Rachen werfen? Die Rede vom „in den Rachen werfen“ ist kein Argument, sondern eine laute und billige Affektformel aus dem Umkreis der Gosse oder vom Stammtisch her. Sie übersetzt komplexe historische Verpflichtungen in das Bild eines parasitären Körpers. Sloterdijk hätte diese Ideenfigur als biopolitische Metapher diagnostiziert: Die Kirche wird zum Schmarotzer erklärt, um sie symbolisch aus dem sozialen Organismus auszuscheiden. Auffällig ist: Dieselbe Partei, die sonst gern von „Verträgen“ und „Souveränität“ spricht, entdeckt hier plötzlich die revolutionäre Lust am Vertragsbruch – dort, wo es ihrem kulturellen Verständnis eben passt.
3. Theologische Anmaßung als Machtphantasie
Besonders unerquicklich ist der Satz, die Kirchen pflegten „nicht mehr den christlichen Glauben, sondern die Regenbogenideologie“. Hier verlässt der Text endgültig den Boden politischer Zuständigkeit und theologischer Ernsthaftigkeit.
Der Staat – und erst recht eine Partei – kann nicht entscheiden, was „authentischer“ Glaube ist. Wer das dennoch zu tun sich aufwirft, reproduziert exakt jene Logik, die er vermeintlich bekämpft: die Unterwerfung des Glaubens unter eine weltanschauliche Leitlinie.
Das Ganze - auch der unbeholfene Duktus der Sprache - erinnert tatsächlich sehr peinlich an die Rhetorik ehemaliger FDJ-Sekretäre aus der EOS-Zeit. Religion wird nicht verstanden, sondern kategorisiert, bewertet, diszipliniert. Und das begriffliche Instrumentarium, mit Hilfe dessen die Zusammenhänge zu beschreiben versucht werden ist unbeholfen und stammt aus Milieus, in die das Christentum nie hat vordringen können.
4. Evangelische Akademie: Bildungsfeindlichkeit im Tarnanzug
Der Angriff etwa auf die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt ist hier besonders entlarvend. Gefördert werden soll Religion nur dort, wo sie harmlos, unpolitisch, museal erscheint: Kirchenmusik ja, Zeitdiagnose nein. Dass christliche Bildung seit jeher auch Gesellschaftskritik ist – von den Propheten bis Bonhoeffer –, wird hier bewusst ignoriert. Bildung, die irritiert, gilt als „Agitation“. Das ist kein konservatives, sondern ein autoritäres Bildungsverständnis.
5. „Kleine Kirchen fördern“ – Divide et impera
Die vermeintliche Sympathie für Freikirchen und orthodoxe Gemeinden ist nun kein ökumenisches Anliegen, sondern eine klassische Spaltstrategie. Anerkannt wird Religion dort, wo sie politisch kompatibel erscheint. Das Christentum wird funktionalisiert: Es soll „die kulturelle Wende unterstützen“. Glaube als Mittel zum Zweck – das ist theologisch gesehen blanker Instrumentalismus.
6. Das Ganze: Volxpolitik als Glaubenssimulation
In summa zeigt sich in den hier nur kurz behandelten Artikeln 17-19 eher das pamphlethaft schnell hingeschleudertes Machwerk, das die in Deutschland seit Beginn über Reformation und Aufklärung gewachsene Religion und deren Kirchen nicht ausreichend kennt und gar nicht verstanden hat - deshalb nicht ernst nimmt, sondern an Stelle der Kirchen irgendetwas anderes simulieren will. Es wird vom Glauben so gesprochen, wie ein DDR-Parteisekretär von der Volkswirtschaft gefaselt haben mag: normierend, bewertend, dirigistisch.
Die Kirche wird nicht als Gegenüber akzeptiert, sondern als Objekt politischer Hygiene. Rein oder unrein. Nützlich oder schädlich. Das ist kein christliches Denken, sondern säkularer Reinheitswahn mit Weihrauchattrappe.
Zum Schluss
Was hier unter dem Begriff „Abrechnung mit den Kirchensteuerkirchen“ textlich erschienen ist, das ist nun tatsächlich eine Art dem Leser hochwillkommene Selbstentlarvung. Der aufmerksame Leser wird sehr dankbar sein, besonders für die Programmpunkte 17-19 des Abschnitts III. Diese nämlich verraten seitens der Autoren ein tiefes Unbehagen und große Unkenntnis auf dem Feld der Kirchengeschichte. Zeigen Unkenntnis im Blick auf jene Institution, welche sich von Menschen nichts befehlen lassen darf. Das sind die Kirchen - und nicht nur die kleinen. Artikel 17-19 offenbaren den Zorn der Autoren einem Glauben gegenüber, der nicht auf Parolen hört.
Die Geschichte lehrt: Nicht die Kirche ging an solchen Zugriffen zugrunde, sondern die Politik, die glaubt, sie könne über Wahrheit verfügen - die ging zu Grunde. Allerdings nicht ohne vor ihrem Untergange großen und irreparablen Schaden zu stiften. Leider - und das ist zu bedenken.
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der Textentwurf für das sachsen-anhaltinische AfD-Programm ist hier zu finden: Seite 53f
Autor:Matthias Schollmeyer |
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