das ist hier die Frage
Fall oder Aufstieg
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Es ist für manche von uns, so wollen wir offen gestehen, ein eigentümliches Vergnügen, von jener bekannten Angelegenheit zu sprechen, die man gemeinhin den „Sündenfall“ nennt. Und welche Angelegenheit – bei näherer Betrachtung – vielleicht weniger ein Fall als vielmehr ein Aufstieg gewesen sein könnte, freilich von seltsam unerquicklich-schillernder Art.
Man hat fast immer gelehrt, es habe sich bei dieser Sache um einen Akt des Ungehorsams gehandelt, begangen von zwei überaus anmutigen, wenngleich noch unerfahrenen Geschöpfen, die in einem Garten wohnten, dessen botanische Vollkommenheit man sich kaum üppig genug vorstellen kann. Doch sei es erlaubt, die Sache jetzt zur Abwechslung etwas anders zu beleuchten, nämlich aus einer Perspektive, die – wie man hoffen darf – dem psychologischen Reiz des Vorganges gerechter wird.
Zuerst - Vollkommenheit ist ein zweischneidig Ding. Man stelle sich diesen paradiesisch genannten Zustand vor, in welchem keinerlei Mangel, keinerlei Gefahr, ja nicht einmal ein nennenswerter Widerstand existiert. Alles ist gegeben, alles ist gestattet – bis auf eines. Und gerade dieses EINE steht, glänzend und verlockend, im Zentrum der Vollkommenheit. Nicht weil es böse wäre, sondern weil es ausgeschlossen ist. Ich wage zu behaupten: Nicht das Verbot des Fruchtgenusses vom Baum der Erkenntnis erzeugte die Versuchung, es doch wenigstens einmal ein wenig zu probieren, sondern die ästhetische Qualität des Ausgeschlossenen.
Das Weib – dessen späterer Name Eva bereits einen kräftigen Hauch von Leben, von vibrierender Gegenwärtigkeit trägt – war keineswegs eine naive Sammlerin botanischer Kostproben. Sie war eine Beobachterin. Und sie bemerkte, vielleicht früher als ihr Gatte, die feine Müdigkeit, die sich in Adams Blick geschlichen hatte. Ein paradiesisches Gähnen, wenn man so sagen darf. Eine leichte Übersättigung am Immergleichen. Man darf nicht vergessen: Der Mensch ist ein Geschöpf der Formgebung. Er will sich erleben. Und wie sollte man sich erleben, wenn nichts geschieht?
In dieser Situation trat die Schlange auf – klug, ja fast schon von ironischer Schläue. Doch auch sie war nicht bloß eine Verführerin aus Bosheit. Sie war das, was man heutigentags die „immer nörgelnde Intellektuelle” nennt. Ihre Frage – „Sollte Gott wirklich gesagt haben?“ – war weniger Suggestion als dialektischer Kunstgriff. Eine kleine geistige Lockerungsübung im Gefüge des dogmatischen Mainstreams.
Und das Weib verstand die Ins-Ohr-Flüsterin sehr gut. Nicht im Sinne eines rebellischen Aufbegehrens, sondern im Sinne einer ästhetischen Notwendigkeit. Der Garten war vollkommen – aber er war ohne Geschichte. Geschichte entsteht zumeist erst dort, wo Grenzen überschritten werden. Der Biss in diese problematische Frucht nun war kein Akt eigenen moralischen Niedergangs, sondern der bewusst gewagten Selbsterprobung bzw. Selbstinszenierung. Man wollte wissen, wie es ist, nicht mehr unschuldig zu sein. Man wollte Tiefe.
Das Tragische ist nicht, dass sie es taten. Das Tragische ist, dass sie Erfolg hatten. Denn Erkenntnis ist kein harmloser Schmuck. Sie ist ein Licht, das Schatten wirft. Und sobald man sich selbst erkennt, erkennt man auch die eigene Endlichkeit.
So verließen sie den Garten – nicht vertrieben wie gewöhnliche Übeltäter, sondern gleichsam promoviert in die Würde der Ambivalenz. Sie trugen fortan Bewusstsein, Scham, Begehren und jene subtile Melancholie, die dem Wissenden eigen ist. War das nun ein Verlust? Gewiss. War es zugleich auch ein Gewinn? Unzweifelhaft. Denn ein paradiesischer Zustand ohne Selbstbewusstsein mag selig sein – doch er ist lang-wei-lig. Erst der Riss im Ganzen ermöglicht Persönlichkeit, die sich in den Riss stellt, wie Mose und Elia in der Felsspalte standen. Erst der Fehltritt schafft Stil. Und der richtige Weg zweigte vom Irrweg ab, der sich in der Rückschau als Führung zeigen durfte.
Und so wagen wir – mit einem leisen Lächeln – zu behaupten: Der Mensch wurde nicht durch den Ungehorsam verdorben, sondern durch die Erkenntnis verfeinert. Dass er seither leidet, steht außer Frage. Doch was wäre er ohne dieses Leiden? Ein blindes weil ungeborenes Geschöpf im ewigen Garten – ein Maulwurf unter dem Hügel unaufgeworfener Ereignisse ohne Geschichte, ohne Drama, ohne jene köstliche Möglichkeit, sich selbst zu betrachten und dabei, vielleicht mit einer Spur Eitelkeit, zu sagen: Ja - das bin ich gewesen.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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