PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Thomas Nagel
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Der US-amerikanische Philosoph Thomas Nagel (*1937) gehört zu jenen Denkern, die man erst unterschätzt und dann nicht mehr loswird. Kein Revoluzzer, kein Systembauer, kein essayistischer Volkslautsprecher. Eher ein philosophischer Störsender. Einer, der mitten im gut geölten Betrieb moderner Erkenntnistheorie einfache, aber fatal wirksame Fragen stellte – und damit ganze Gebäude ins Schwingen brachte. Nagel ist ein kompromissloser Analytiker, allerdings einer mit metaphysischem Restgewissen.
Berühmt wurde er 1974 durch einen schmalen, beinahe harmlos wirkenden Aufsatz mit dem Titel „What Is It Like to Be a Bat?“ (Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?). Harmlos deshalb, weil es zunächst aussieht wie eine Übung in Tierethologie. Fatal deshalb, weil Nagel darin eine Denkfigur formuliert, die das Zentrum des neuzeitlichen Wissenschaftsoptimismus trifft. Nagels These ist schnell erzählt und schwer zu verdauen: Selbst wenn wir alles über das Gehirn einer Fledermaus wüssten – ihre Neurophysiologie, ihre Echoortung kennten, ihre evolutionäre Geschichte –, wissen wir immer noch nicht, wie es ist, diese Fledermaus zu sein.
Mit solcher Wendung des Gedankens führt Nagel den Begriff der subjektiven Innenperspektive ein, ohne ihn unnötig sentimental aufzuladen. Er behauptet nichts Mystisches, sondern etwas Unbequemes: Bewusstsein ist an eine Perspektive gebunden, die sich nicht in objektive Beschreibungen übersetzen lässt, ohne ihren tatsächlich gültig-lebendigen Sinn zu verlieren. Das „What it is like“ markiert eine Grenze – nicht der Wissenschaft an sich, wohl aber ihres Absolutheitsanspruchs.
Der Aufsatz wurde zu einem Klassiker, weil er eine stille Revolution auslöste. Plötzlich stand nicht mehr die Frage im Raum, wie viel wir erklären können, sondern was prinzipiell erklärbar ist. Nagel zeigte: Eine Welt, die vollständig erklärbar wäre, wäre zugleich eine Welt ohne Innen. Und genau hier öffnet sich – gegen alle vorschnellen Abgesänge – ein Resonanzraum für Theologie, Philosophie und jene alten Institutionen, die vielleicht weniger Antworten liefern sollten, dafür aber bessere Fragen stellen könnten.
In diesem Sinne also sprach die Fledermaus: Ich hänge kopfüber im Gebälk einer alten Kirche. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Akustikgründen. Stein trägt Schall besser als jede Glasfassade der Neuzeit. Während ihr gläubigen Menschen da unten über euern Bedeutungsschwund klagt, taste ich mich durch die Nacht – nicht sehend, sondern wissend. Wissen ist hier nichts Abstraktes. Wissen ist Nähe. Distanz ist Tod.
Einer von euch hat einmal gefragt, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Thomas Nagel nannte das nicht Zoologie, sondern Philosophie. Er meinte damit nicht mein Fell, nicht meine Flügelspannweite, nicht meine neuronale Verschaltung. Er meinte mein Innen. Mein So-sein. Das, was sich nicht messen lässt, ohne es bei dieser Messung verlieren zu müssen.
Ihr Menschen habt euch angewöhnt, die Welt so zu betrachten, als sei sie ein Inventar: Dinge, Daten, Ursachen - zum Schluss sogar das, was ihr Gott nennt? Alles sauber etikettiert. Aber was ihr dabei vergesst, ist das Entscheidende: Dass jedes Lebewesen – selbst ein unscheinbares Nachtwesen wie ich – aus einer Perspektive lebt, die nicht von außen ersetzt werden kann. Kein Scan, kein Modell, kein Diagramm tritt an die Stelle des Erlebens.
Nagel hat euch daran erinnert, dass Wissenschaft groß ist, aber nicht vollständig. Sie erklärt das Wie, nicht das Wie-es-ist. Genau hier beginnt das theologische Terrain – nicht als Konkurrenzlabor, sondern als andere Flughöhe. Theologie, wenn sie etwas taugt, ist keine Gegenthese zur Physik, sondern eine Schule der Innenräume. Sie fragt nicht: Woraus besteht die Welt? Sie fragt: Wie wohnt es sich in ihr?
Ich beobachte euch von oben, wenn ihr eure Kirchen nun verlasst, weil sie euch nichts mehr „bringen“. Zu viel Moral, zu wenig Wirklichkeit. Zu viele theoretische Antworten, keine Erfahrung. Dabei liegt die Chance offen zutage: Die Kirche könnte der Ort sein, an dem man wieder lernt, dass Wirklichkeit mehrdimensional ist. Dass Wahrheit nicht nur korrekt, sondern bewohnbar sein muss. Dass Sinn nicht errechnet und befohlen, sondern innen vernommen wird – wie ein Echo in der Dunkelheit.
Blinder Wissenschaftsglaube ist kein Erkenntnisfortschritt, sondern nur eine Selbstbeschleunigung der Erklärung – bei gleichzeitiger Verarmung der Wahrnehmung. Er amputiert die Innenperspektive und nennt das dann Objektivität. Nagel hat den Finger in diese Wunde gelegt. Die Theologie könnte ihn in den Kreis der noch lebenden Seligen aufnehmen, nicht um ihre alte Dogmen zu polieren, sondern um neu hören zu lernen. Nicht alles, was real ist, ist sichtbar. Und nicht alles, was sichtbar ist, tragfähig.
Ich fliege weiter. Die Nacht bleibt komplex. Wer nur mit den Augen denkt, stürzt ab. Wer lernt zu lauschen, findet sich im Raum zurecht …
Autor:Matthias Schollmeyer |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.