das Paradoxon
Gottes Antlitz
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Der Barbierladen lag nahe am Hafen, dort, wo das Salz in den Fensterrahmen sitzt und die von Sturm und Regen frisch gewaschene Dinge immer noch nach Erinnerung riechen. Die Tür stand offen. Drinnen war es still. Nur das leisen Klirren eines Glases hörte man, als die Tür sich schloss. Ein Fremder war eingetreten und setzte sich. Der Barbier sah ihn an, lange, so wie man einen Text liest, den man schon einmal gelesen, aber nie ganz verstanden hatte.
„Sie haben Zeit?“ fragte der Barbier.
„Ja“, antwortete der Fremde. „Ich glaube, heute habe ich Zeit.“
Der Barbier legte dem Mann einen dunkelblauen Umhang um, prüfte den Bart des Fremden mit den Fingern, als gehöre er nicht ganz zum Gesicht darunter mit dazu und sagte: „Ein schöner Bart“, sagte er. „Er trägt Gedanken und verhüllt sie zugleich.“
„Dann wird es Zeit, ihn loszuwerden“, erwiderte der Fremde.
Erst Schere, dann Schaum, dann begann das Messer zu arbeiten. Langsam. Bedächtig.
„Sagen Sie“, begann der Fremde, „wenn Sie einen Mann rasieren – ist er danach noch derselbe?“
„Er erkennt sich oft teilweise wieder“, sagte der Barbier. „Und das genügt den meisten.“
„Und wenn der Bart wieder wächst?“
Der Barbier lächelte kaum sichtbar. „Dann glauben sie, sie seien in sich selbst zurückgekehrt.“
Eine Weile schwiegen die beiden. Das Meer war zu hören, gedämpft, als käme es aus einer anderen Zeit.
„Ich habe neulich“, sagte der Fremde, „von einem englischen Philosophen gelesen. Bertrand Russell. Kennen Sie ihn?“
„Man kennt Namen“, sagte der Barbier ausweichend. „Manche bleiben, manche gehen.“
„Er hat sich eine merkwürdige Geschichte ausgedacht“, fuhr der Fremde fort. „Von einem Barbier.“
Das Messer hielt inne. „Ein Barbier?“
„Ja. Einer, der alle Männer rasiert, die sich nicht selbst rasieren. Und keinen rasiert, der sich selber rasiert.“
Der Barbier sah in den Spiegel, nicht den Fremden an.
„Und dann“, sagte der Fremde, „stellt jemand die einfache Frage: Rasiert dieser Barbier sich selbst?“
Der Barbier legte das Messer kurz beiseite. „Eine unhöfliche Frage“, sagte er.
„Aber eine erlaubte.“
„Er rasiert sich selbst ...“ murmelte der Barbier. „Dann dürfte er es nicht, denn er rasiert nur die Leute, die sich selber nicht rasieren. Aber wenn er sich nicht selbst rasiert, dann müsste er es ja deswegen tun.“
Der Fremde nickte. „Ganz gleich, wie man antwortet – es stimmt nicht.“
Das Messer nahm seine Arbeit wieder auf, als müsse es sich versichern, dass wenigstens etwas noch funktioniere.
„Ja - ich kenne das Paradoxon des Philosophen Russel. Ein Engländer eben … Das Merkwürdige“, fuhr der Barbier fort, „ist nicht der Widerspruch. Sondern, dass die Regel zu viel will.“
„Wie meinen Sie das?“
„Sie will alles regeln. Auch sich selbst.“
Der Fremde sah dem Barbier und sich selbst im Spiegel beim Denken zu. Indessen kam sein eigenes Gesicht immer mehr zum Vorschein. Ungewohnt und verletzlich. „Und Gott?“, fragte er leise. „Fällt der auch unter solche Regeln?“
Der Barbier schüttelte den Kopf. „Gott ist nicht im Dorf.“
„Aber wenn er alles umfasst?“
„Dann umfasst er auch die Barbiere. Aber nicht als einer von ihnen.“
Der Fremde dachte nach. „Also kann man ihn nicht rasieren.“
„Man kann ihn nicht in die Regel stecken“, sagte der Barbier. „Sonst zerreißt sie.“
Das Messer glitt ein letztes Mal über die Wange des Fremden. Der Bart war verschwunden. Das Gesicht darunter war ernst, fast fremd.
„Bin ich noch derselbe?“, fragte der Fremde. Der Barbier legte das Tuch ab. „Sie sind derselbe, der fragt.“
Der Fremde stand auf. Er zahlte, nickte, blieb noch einen Moment. „Vielleicht“, sagte er, „ist Gott der Einzige, der keinen Bart braucht, um zu wissen, wer er nicht ist.“
Der Barbier antwortete auf kein Wort. Er sammelte die Haare vom Boden auf, sorgfältig, als müsse man auch dem Verlorenen gerecht werden.
Draußen ging der Fremde zum Meer hinunter. Der Wind strich ihm über das glatte Gesicht. Und das fühlte sich frisch an - fühlte sich an wie eine Antwort, die keine sein muss – und gerade deshalb hatte sie Bestand. Diesen einen ganzen langen Abend.
Im Laden schloss der Barbier die Tür. Er betrachtete sich im Spiegel. "Ich rasiere Männer, die sich nicht selbst rasieren. Aber was wird dann aus mir selbst?" Er lächelte. Manche Fragen, wusste er, sind nur dazu da, nicht gestellt zu werden. Sonst gerät die Welt aus dem Gleis …
Autor:Matthias Schollmeyer |
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