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Friedrich Schiller
Von der ästhetischen Erziehung des Menschen

Als Friedrich Schiller seine Schrift „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ verfasste, tat er das nicht nur im Ton pädagogischer Zuversicht, sondern auch mit der Erfahrung des Scheiterns. Die Französische Revolution hatte nämlich gezeigt, dass Freiheit, wenn sie ohne innere Form ausgerufen wird, in Raserei umschlägt. Schillers Diagnose war scharf: Der Mensch ist politisch überfordert, solange er ästhetisch ungebildet bleibt. Nicht Moral und nicht Gesetz sollten den Anfang machen, sondern das Spiel – jener Zustand, in dem der Mensch Ordnung erfährt, ohne gezwungen zu sein. Schönheit war bei Schiller kein Zierrat, sondern ein Trainingsraum der Freiheit. Wer gelernt hat, Form zu lieben, ohne sie zu fürchten, wird später dem Gesetz nicht blind gehorchen und der Gewalt nicht erliegen. Das Projekt war kühn, langsam, elitär – und gerade deshalb ernst. Der Mensch ist erst dort frei, wo er zu spielen gelernt und gespielt hat.

Das Programm von der ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts wanderte aus den Briefen in die Residenzen der ernestinischen Herzogtümer. In Hildburghausen etwa, diesem Versuchslabor der Theaterkunst auf engstem Raum, nahm es steinerne Gestalt an. Man baute ein Theater, während die Kassen noch leer waren. Man verschuldete sich, um Form zu stiften. Der Herzog handelte, als hätte er Schiller schon gelesen, bevor dieser noch gedruckt worden war: Er setzte auf Bühne statt Befehl, auf Drama statt Dekret. Gespielt wurden keine Possen, sondern Schiller, Iffland, Kotzebue – Stücke, die nicht gefallen, sondern bilden wollten. Dass das Publikum ausblieb, ist kein Gegenargument, sondern Teil der Wahrheit. Bildung ist zunächst unattraktiv. Die berühmte Anekdote vom Herzog, der die Bauern von den Feldern holt und mit sanftem Zwang umsonst in die Ränge setzt, markiert die Grenze jeder ästhetischen Erziehung: Sie wollte frei machen und musste doch hie und da mit dem Zwang beginnen ... Hildburghausen zeigt die fragile Schönheit dieses Paradoxons. Das Theater war kein Erfolg, aber ein Versuch – und Versuche sind die ehrlichste Form von Politik und bleiben Vorformen des Erfolgs.

Zweihundert Jahre später wurde Schiller noch einmal aufgerufen, nun allerdings als Karikatur seiner selbst. In der DDR ersetzte man das freie Spiel durch interimistische Dauerkinoveranstaltungen. Dummbrutal filmisches Pathos und die Zumutung des Prekären als fester Bestandteil des göttlichen Lehrplans. „Unser Gott heißt Margot“ hieß es - und die wollte es so. Der sogenannte dreiteilige Russenfilm, von dem gleich die Rede sein wird, war keine ästhetische Erziehung, sondern die Perennierung der Kriegserlebnisse von Siegern vor den Kindern der Verlierer - als Simulation eigener Erfahrung. Schülerklassen wurden morgens gesammelt und in Omnibusse verfrachtet, in die Kreisstadt gekarrt, um dort für Stunden in einem schummrigen Kino festgesetzt den Streifen von MOSFILM unter der Regie Juri Oserovs zu folgen. Man zeigte „Befreiung“. Sowjetische Monumentalität, um Kinder zu beeindrucken - die Länge dieser mit irrwitzigem Aufwand gedrehten Streifen ermüdeten und taten dem Geschmack weh. Der abnehmende Ernst beim Betrachten stand in umgekehrtem Verhältnis zum erwünschten Erfolg, Kinder gefügig zu machen. Wofür eigentlich? Das Programm war immunologisch falsch kalibriert: zu viel ideologische Bedeutung, zu wenig eigener Wille, sich gewesener Geschichte im Gewand des Films auszusetzen. Und hier geschah dann das Unerwartete. Die Überdosis Fremdideologie erzeugte Antikörper. Aus der pädagogischen Übergriffigkeit des Arbeiter- und Bauernstaates wuchs eine stille und intelligente Kompetenz: die Fähigkeit, Pathos zu durchschauen. Die Menschen lernten, sich innerlich zu entziehen. Sie wurden also nicht erzogen, sondern wurden gegen den Stoff dieser Erziehung sozusagen - geimpft.

Wo Schiller auf spielerische Einübung des Schönen setzte, produzierte die DDR unfreiwillig Immunität gegen ideologische Überformung. Die Bevölkerung wurde nicht bekehrt, sondern abgehärtet. Der dreiteilige Russenfilm wirkte nicht als Formgeber, sondern als Warnsignal. Er zeigte, wie Ideologie sich anfühlt, wenn sie sich ästhetisch verkleidet. Und diese Erinnerung ist bis heute wirksam. Wer einmal Stunden sinnloser Bedeutung im Kino einer Kreisstadt als Knabe oder Mädchen überstanden hat, erkennt Unsinn auch später - in welch neuen Verpackung er auch erscheinen mag.

Was folgt daraus? Freiheit entsteht nicht aus Überwältigung, sondern aus Zustimmung. Wahrheit wirkt nicht durch törichte Reize und Dauer-Lautstärke, sondern durch ästhetische Gestalt. Wo Bildung zwingen will, verfehlt sie sich selbst. Wo sie aber Form anbietet, ohne zu nötigen, besteht die Chance, dass jene innere Freiheit wächst, die weder Revolution noch Propaganda herstellen können. Schiller hatte recht – nicht, weil sein Programm umgesetzt wurde, sondern weil sein Scheitern sichtbar macht, was Bildung kostet: Zeit, Geduld und die Bereitschaft, auf unmittelbaren Erfolg zu verzichten. Wer das nicht will, produziert zumeist Gegen-Reaktionen. Der Hildburghäuser Herzog Friedrich, der hinaus an die Hecken und Zäune zog, um sein Theater voll zu machen, rührt unser Herz. Wir fühlen mit ihm. Aber die Immunität, die die Russen-Filme von damals bewirkten, ist wach. Auch heute noch.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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