170. Todestag
Heinrich Heine
- H.Heine am Main bei Frankfurt
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Der kommende 17. Februar markiert den 170. Todestag Heinrich Heines – ein Datum, das weniger nach stiller Gedenkkranzfeier als nach bewusst gesuchter gedanklicher Unruhe verlangt. Heine gehört zu jenen Autoren, die man nicht einfach erinnert, sondern die einen heimsuchen. Die Texte dieses Mannes wirken wie verspätete Briefe aus einer Zukunft, die sich weigert, endgültig Vergangenheit zu werden.
Kaum ein Gedicht hat sich so tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt wie „Deutschland. Ein Wintermärchen”. Wir haben Teile davon auswendig zu lernen gehabt. Und zwar in den Zeiten finsterster DDR. Pflichtstoff der Schule – jeder hat sich dabei eigene Gedanken gemacht. Oder Heines „Nachtgedanken”. Schon die Eingangsverse waren und blieben Denkmaschine bis auf den heutigen Tag:
„Denk ich an Deutschland in der Nacht,
dann bin ich um den Schlaf gebracht.
Ich kann nicht mehr die Augen schließen
und meine heißen Tränen fließen.“
Schlaflosigkeit ist hier nicht als private Befindlichkeit gemeint, sondern als staatsbürgerlich geforderte Insomnie angesichts schlimmer Zustände: Wer denkt, schläft schlecht; wer schläft, hat aufgehört zu denken. Heine etabliert damit eine Grundfigur deutscher Selbstbeobachtung: das nächtliche Grübeln über ein Land, das nie ganz zur Ruhe kommen will, weil es sich selbst nie ganz getraut hat.
Noch tiefer greift jedoch seine im Pariser Exil entstandene Schrift „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland”. Dieses Buch verlangt Geduld – und Wiederholung. Es ist kein Traktat zum schnellen Konsum, sondern eine Art geistige Nachgärung: Man liest, legt es weg, liest erneut, und merkt, dass sich der Text inzwischen selbstständig weitergedacht hat. Heine analysiert hier nicht bloß die deutsche Ideengeschichte, sondern liefert uns eine seismografische Studie über das deutsche Gemüt. Er beobachtet, wie Gedanken sich sedimentieren, religiöse Bilder sich verhärten und philosophische Systeme allmählich politische Sprengkraft gewinnen.
Die berühmte Passage gegen Ende der Schrift ist dabei weniger Prophetie als Tiefenbohrung. Heine beschreibt das Christentum als zähmenden Talisman, der die rohe germanische Kampflust milderte, ohne sie zu vernichten. Dann kommt die hochinformierte Warnung: Wenn das Kreuz zerbricht, kehren die alten Götter zurück – nicht als harmlose Mythen, sondern als entfesselte Energien. Thor zerschlägt die gotischen Dome. Wo Sinn verdunstet, kondensiert Gewalt. Hier zur Erinnerung ein wenig Heine O-Ton:
"Das Christentum – und das ist sein schönstes Verdienst – hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut, wovon die nordischen Dichter so viel singen und sagen. Jener Talisman ist morsch, und kommen wird der Tag, wo er kläglich zusammenbricht; die alten steinernen Götter erheben sich dann aus dem verschollenen Schutt, und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen, und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome. … Hütet Euch das Feuer anzufachen … Lächelt nicht über meinen Rat, über den Rat eines Träumers, der Euch … warnt. Lächelt nicht über den Phantasten, der im Reiche der Erscheinungen dieselbe Revolution erwartet, die im Gebiete des Geistes stattgefunden. Der Gedanke geht der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner. … Bei seinem Geräusche werden die Adler aus der Luft tot niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen und sich in ihren königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte. Jetzt ist es freilich noch still; und gebärdet sich auch dort der eine oder der andre etwas lebhaft, so glaubt nur nicht, diese würden einst als wirkliche Akteure auftreten. Es sind nur die kleinen Hunde, die in der leeren Arena herumlaufen und einander anbellen und beißen, ehe die Stunde erscheint, wo dort die Schar der Gladiatoren anlangt, die auf Tod und Leben kämpfen sollen."
Heines Gedanke vom „Gedanken, der der Tat vorausgeht“, bezeichnet nicht irgendwelchen romantischen Idealismus, sondern eine nüchterne Kausalkette. Ideen sind nicht ungefährlich. Sie sind Blitzableiter der Geschichte – und zugleich ihre Brandbeschleuniger. Heine erkennt früh, dass Deutschland ein Land der inneren Überdrucksysteme ist. Was sich geistig aufstaut, entlädt sich irgendwann körperlich. Die „kleinen Hunde“, die Heine erwähnt, sind die Vorläufer der großen Katastrophen: laut, nervös, überschätzt – aber nicht entscheidend. Entscheidend sind die großen Bilder, die lange vorbereitet werden.
Bleibt die Frage, was Heine da sah - ob er etwas sah, das für uns inzwischen Vergangenes ist - oder etwas sah, dass auch für uns noch Kommendes sein wird. Vielleicht gilt - oder sogar wahrscheinlich - beides? Heines Texte sind keine Zeitdiagnosen mit Verfallsdatum, sondern auf Dauer gestellte Rundumleuchten. Sie erinnern daran, dass geistige Revolutionen nie folgenlos bleiben – und dass moralische Selbstüberschätzung meist der erste Schritt in die falsche Richtung ist. Denn wer das Himmelreich auf Erden errichten will, zerstört am Ende beides: den Himmel und die Erde.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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