die Abdankung
Von dem Dome schwer und bang …
- Schloss Schwarzburg (von Osten aus gesehen)
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
… TÖNT DER GLOCKE GRABGESANG
Es gibt Dynastien, die verschwinden lautlos, wie eine Kerze, die nicht ausgepustet, sondern schlicht zu Ende gebrannt wird. Das Haus Schwarzburg-Rudolstadt und das Haus Schwarzburg-Sondershausen gehören zu diesen Geschlechtern, deren Ende weniger ein Sturz als ein Erkalten war. Sie waren nie von der grellen Art der großen europäischen Häuser; ihr Glanz bestand in Maß, in Dauer, in einer beinahe klösterlichen Selbstverständlichkeit des Regierens. Thüringen, dieses Land der gedämpften Linien und der leisen Übergänge, war ihr angemessener Resonanzraum.
Der letzte Fürst, Günther Victor, abdankte nach dem Ersten Weltkrieg so, wie man in den vorernestinischen Herrschafts-Häusern vieles tat: ohne Pose, ohne dramatische Geste. Die Abdankung war vollzogen, noch ehe die neue Zeit selbst recht wusste, was sie mit diesem Akt nun eigentlich anfangen sollte. Der Fürst war doch immer da – und war es auf einmal nicht mehr. In der nüchternen Prosa der Geschichte erscheint dies heute als notwendige Konsequenz, als logische Folgerung aus Revolution, Republik, Fortschritt. Doch wer genauer hinsieht, spürt die eigentümliche Gewalt, die in dieser Nüchternheit verborgen liegt.
Als Günther Victor im Jahr 1925 starb, geschah noch einmal etwas, das sich dem reinen Verwaltungsdenken entzog. Man überführte seinen Leichnam von Sondershausen nach Rudolstadt, in die Gruft seiner Väter. Der Weg war kurz, doch symbolisch von einer fast unerträglichen Länge. Beim gottesdienstlichen Geläut am 19.April (bald ist es wieder soweit), das den Zug begleitete, zerbarst eine der Glocken. Sie fiel nicht herab; sie hing noch im Turm, gespalten, klanglos, und gab nur ein klägliches Geräusch von sich – als hätte das Metall selbst begriffen, dass hier etwas zu Ende gegangen war, wofür es keinen Ersatzton gab. Bei Schilling in Apolda wurde sie später kunstfertig wiederhergestellt, und ihr Klang sammelte später die entfürstete Gemeinde erneut zu den Gottesdiensten. Doch jeder, der genau hinhörte, konnte wissen: Es war derselbe Ton, und doch nicht mehr derselbe.
Die Fürstenabdankungen jener Jahre wurden von wütenden Massen forciert, von einem Hunger nach Gleichheit, der leicht mit Gerechtigkeit verwechselt wurde. Heute werden sie von Geschichtsschreibern gerechtfertigt, mit sauberem Instrumentarium, mit Tabellen, Ursachenketten, moralischen Bilanzierungen. Beides – der Zorn der Straße wie die Kühle der Historie – übersieht gern das Entscheidende: dass mit diesen Häusern eine Form der Zeitverantwortung verschwand. Nicht besser, nicht moralischer als andere, aber langsamer, bindender, weniger austauschbar.
In Schloss Sondershausen lebte nach dem Tod des Fürsten seine Frau, Anna Luise, noch lange in zwei Zimmern des zum Museum gewordenen Schlosses, mitten in der DDR. Eine entthronte Fürstin in einem sozialistischen Staat – man kann sich kaum eine paradoxere Figur vorstellen. Und doch war sie beliebt. Vielleicht, weil sie nichts darstellte, sondern einfach blieb. Sie verkörperte, ohne es zu wollen, eine Erinnerung daran, dass Würde nicht zwangsläufig an Macht gebunden ist, sondern an Haltung.
In dieser Hinsicht liegt eine traurige Parallelität zur Gegenwart. Auch die evangelische Kirche in Südthüringen – und weit darüber hinaus – erlebt einen Abdankungsprozess. Wieder sind es keine dramatischen Stürze, sondern schleichende Entleerungen. Die geistlichen Fürsten, wenn man dieses Wort noch wagen darf, treten ab: nicht gezwungen von Revolutionen, sondern von Bedeutungslosigkeit, von struktureller Erschöpfung, von einer Zeit, die ihre eigenen Symbole nicht mehr versteht.
Was bleibt, ist dieselbe Frage wie vor hundert Jahren. Wie retten wir etwas von dem, was uns getragen hat? Welchen Eindruck hinterlassen wir für spätere Menschen, die uns nicht mehr kennen, sondern nur noch über uns lesen – oder sich von einer Maschine erzählen lassen, wer wir waren? Vielleicht wird man dann sagen, wir hätten unschätzbar gute Gedanken gehabt, fein formuliert, sorgfältig abgewogen, aber unfähig, sich durchzusetzen, weil die Verhältnisse nicht so waren. Doch vielleicht wird man auch hören, ganz leise, einen Ton wie aus einer wiederhergestellten Glocke: nicht triumphal, nicht mehr herrschaftlich, aber doch gut genug, um Menschen noch einmal erneut zur Stille zusammenzurufen.
Autor:Matthias Schollmeyer |

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