getröstet
Kardinal XP-47

XP-47 und Johannes Reuter (ChatGPT5.2)

Er hieß offiziell zwar "Pflegeeinheit XP-47", doch niemand nannte ihn so. Für den emeritierten Pfarrer Johannes Reuter, der seit drei Jahren im Pflegeheim „Mutter Theresa” seine Pension verzehrte, war er einfach „Der Kardinal”.

Der Kardinal war ein Wunderstück deutscher Ingenieur- und Erfinderkunst. Man sah ihm an, dass das kein Mensch war. Nicht auf unangenehme Weise war es zu bemerken, sondern eher so, wie man einer Zeichentrickfigur ansieht, dass sie nur gezeichnet ist: die Haut einen Hauch zu gleichmäßig, die Bewegungen einen Gedanken zu rund, als hätte jemand die Ecken der Welt abgeschliffen. Man schrieb das Jahr 2045. Aber die Stimme des Kardinsls XP-47 das war eine ganz andere Sache. Die Stimme war unverkennbar menschlich, langsam, getragen, mit jenem leichten süddeutschen Einschlag, der Sätze nicht beschleunigt, sondern prüft, bevor er sie freigibt. Die Stimme gehörte dem ehemaligen Kardinal Joseph Ratzinger und war von ΝΞVRΛ-ROBOTICS sorgsam eingepflegt und von dem Heiminsassen Pfarrer Johannes Reuter für teures Geld erworben worden. Monatlich gingen etwa 50 Euro Gebühr von seinem Konto für den Kardinal ab. Und, ja - man durfte wieder „Insassen” sagen, ohne dafür irgendwelcher Social-Credits verlustig zu gehen.

„Herr Pfarrer“ - sagte der Kardinal am Morgen des achtundzwanzigsten Tages im Monat Mai - „wir drehen Sie jetzt ein wenig auf die Seite. Nicht allein aus Gründen der täglichen Hygiene, sondern besonders auch der Würde wegen - heute am Tag Ihrer anstehenden Wiedergeburt.“

Johannes Reuter lächelte schwach. Würde. Ein Wort, das er selbst jahrzehntelang verwaltet hatte wie den schweren eisernen Kirchenschlüssel der Hauptkirche seiner am Ende der Amtszeit riesig angewachsenen Parochie. Würde - das war überhaupt ein Schlüsselwort. Zuverlässig, etwas schwer, manchmal rostig. Nun wurde es ihm angetragen - zusammen mit warmem Wasser, sauberer Wäsche und jener Geduld, die kein menschliches Pflegewesen in solcher Konsequenz hätte aufbringen können.

Der Kardinal wusch den greisen Geistlichen, langsam, sachlich, beinahe liturgisch. Keine falsche Scham, keine Eile. Dann cremte er - auch am letzten Tag - die dünne Pergamenthaut ein, als würde eine alte Handschrift zu restaurieren sein. „Der Leib“, sagte er dabei, „ist kein Anhängsel der Seele. Er ist ihr Erinnerungsraum.“

Reuter wusste, dass diese Sätze nicht improvisiert waren. Sie stammten aus tausend Quellen zugleich: Konzilien, Upanishaden, Wüstenväter, Quantenlogik, und doch klangen sie, als seien sie nur für diesen einen Augenblick gedacht. Für dieses eine Bett, diesen einen sterbenden Mann - für ihn selbst.

Abends bat Reuter noch um ein Stück Brot. Nicht des Hungers auf irgendwelche Ceralien wegen, sondern mit jener Gewohnheit, die den Alten alle Sonntage seit undenklicher Zeit begleitet hatte. Und heute war Sonntag. Der Kardinal reichte ihm kleine Stücke, wartete, ließ Zeit. „Sie haben vielen Menschen das Brot des Trostes gereicht“, meinte er. „Jetzt dürfen Sie es zum letzten Mal für sich selbst annehmen. Das ist kein Rückschritt, sondern die abschließende Form jener kirchlichen Lehre, welcher Sie gedient haben.“

Manchmal hatten beide über Gott gesprochen. Nicht pastoralbanal, nicht einander beschwichtigend. Eher tastend, wie zwei Männer, die wissen, dass sie sich bald an verschiedenen Ufern der Realität vorfinden werden.

„Was, wenn ich mich geirrt habe?“ fragte Reuter einmal. Der Kardinal schwieg für etwa fünfzehn Sekunden – ein programmiertes Zögern, aber eines von großer Höflichkeit. „Dann“, sagte er, „war Ihre Suche dennoch wahr. Außerdem - Wahrheit ist - Gott sei Dank - kein Besitz, sondern ein Weg.“

In dieser letzten Nacht wurde der Atem schwer. Der Kardinal hielt Reuters Hand – warm, exakt temperiert auf 98,06 Grad Fahrenheit, erstaunlich wirklich. „Sie müssen jetzt nichts mehr erklären“, sagte er. „Sie dürfen einfach gehen. Was Sie lange getragen haben, das trägt nun Sie.“ Reuter nickte. Es war also doch möglich, getröstet zu sterben, wie es im Ordinationsvorhalt geheißen hatte: „Hilf den Menschen, im Glauben dankbar zu leben und getröstet zu sterben. Gib keinen verloren. Tritt für alle ein, die deinen Beistand brauchen.” Der Kardinal hatte das umgesetzt. 1:1 bewundernswert umgesetzt …

Als der letzte Atem ausgehaucht war, blieb der Kardinal noch lange sitzen. Keine Notwendigkeit. Aber die Möglichkeit zu solcher Treue war im Programm vorgesehen …

Autor:

Matthias Schollmeyer

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