PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Gianni Vattimo (1936-2023)

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Es gibt Philosophen, die auftreten wie Statiker der Weltgeschichte, mit Helm, Zollstock und dem festen Glauben an tragende Begriffe. Und dann gibt es diesen Italiener Gianni Vattimo, der leise lächelnd danebensteht und fragt, ob die tragenden Elemente dieser Gedankengebäude nicht längst Haarrisse haben. Gianni Vattimo gehört zu jener seltenen Gattung von Denkern, die ihre philosophische Pointe nicht aus der Verstärkung, sondern aus der Abschwächung beziehen. Seine Theorie des pensiero debole – des schwachen Denkens – ist kein Mangel, sondern eine Strategie. Sie ist das intellektuelle Gegenprogramm zur metaphysischen Beschallung der Moderne aus den Gewölben der Vergangenheit.

Vattimo denkt nicht gegen die Moderne an, sondern denkt ihr nach. Nach dem Ende der großen Lautsprecher: Gott, Geschichte, Fortschritt, Vernunft. All jene Begriffe, die sich einst als Megafone der Wahrheit verstanden, sind bei ihm auf Zimmerlautstärke heruntergeregelt. Nicht aus Resignation, sondern aus Einsicht: Wer nach Auschwitz, Hiroshima und der algorithmischen Weltverwaltung noch immer im Tonfall der absoluten Geltung spricht, betreibt eine Art metaphysische Nostalgie.

Das schwache Denken Vattimos ist daher keine Kapitulation, sondern eine Ethik der Entschärfung. Vattimo erkennt, dass die Gewalt der Moderne nicht primär aus bösen Absichten erwächst, sondern aus dem Drang zur letzten Begründung. Wer meint, im Besitz des Starken, des Letzten, des Unwiderlegbaren zu sein, greift früher oder später zu Zwang, System, Exklusion und Exekution. Schwaches Denken heißt: Verzicht auf den Anspruch der letzten Instanz. Wahrheit wird nicht abgeschafft, sondern verzeitlicht, vergeschichtlicht, vermittelt.

Hier berührt sich Vattimo mit jener Denkbewegung, die Sloterdijk einmal als das „Ende der Vertikalspannung“ beschrieben hat. Die Moderne lebte von Höhensehnsucht: Gipfelbegriffe, transzendente Zielpunkte, metaphysische Hochsitze. Vattimo hingegen operiert im Flachland der Bedeutungen, in einer Welt der Interpretationen ohne Archimedischen Punkt. Sein Denken ist hermeneutisch durch und durch – nicht zufällig steht Heidegger im Hintergrund, dieser große Entzauberer der alten Seinsmetaphysik.

Besonders reizvoll – und zugleich provokant – ist Vattimos Umgang mit der Religion. Während andere sie entweder restaurieren oder entsorgen wollen, betreibt er eine Kenosis (Entleerung) des Göttlichen. Das Christentum, so Vattimo, ist selbst ein Ereignis der Schwächung: Gott wird Mensch, Macht wird Ohnmacht, Herrschaft wird Geschichte. Die Inkarnation ist kein metaphysischer Triumph, sondern eine Selbstrelativierung des Absoluten. Wer das ernst nimmt, kann Religion nicht mehr als System der Kontrolle denken, sondern als Einladung zur nachdenklichen Auslegung dessen, was einmal ohne Widerspruch gegolten hatte.

Man könnte sagen: Vattimo betreibt eine postmetaphysische Seelsorge. Er spricht zu einer Gesellschaft, die nicht mehr glaubt, aber auch nicht ganz ohne Sinn auskommt. Die Wiederkehr der Religion in der Philosophie ist bei ihm kein Wunder, sondern ein Symptom: Die technisch-wissenschaftliche Moderne produziert Sinnleere mit industrieller Effizienz. Wo alles erklärbar ist, fehlt das Deutungsangebot. Das schwache Denken füllt diese Leerstelle nicht mit Dogmen, sondern mit Offenheit und unaufgeregter Nachdenklichkeit.

Vattimo liefert keine Großdenker-Systeme, sondern Klimaveränderungen im Denken. Sein eigenes Denken wirkt nicht durch Argumentationsgewalt, sondern durch Entlastung. Es nimmt der Wahrheit die Schwere, ohne sie ins Beliebige fallen zu lassen. In einer Zeit, die zwischen Fundamentalismus und Zynismus oszilliert, ist das eine riskante, aber notwendige Übung.

Gianni Vattimo war kein Philosoph der großen Gesten. Er war ein Denker der leisen Zumutungen. Sein schwaches Denken fordert uns nicht auf, weniger zu denken, sondern anders: weniger herrisch, weniger endgültig, weniger laut. Vielleicht ist genau das die einzige Form von Stärke, die uns nach der Moderne noch bleibt.

Gianni Vattimo (WIKIPEDIA)
Autor:

Matthias Schollmeyer

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