LiteraturSalon im Blei
Leberecht Gottlieb (Teil 137)
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
137. Kapitel, in welchem wir vom Geburtstag eines alten Missionars hören dürfen und uns fragen lassen müssen, was der Sinn von Geburtstgsfeiern ist und ob man sich Gesundheit wünschen sollte ...
Man hat mich nun schon des Öfteren im Vorübergehen befragt, mit jener Mischung aus Neugier und vorsichtiger Anteilnahme, die unsere Zeit jenen Dingen entgegenbringt, die zwar nicht unmittelbar nützlich erscheinen, so aber doch gewisses Interesse auf sich ziehen. Sogar in der Kaufhalle war es kürzlich, zwischen Konservendosen und Aktionsware, wo man mir den Wagen stoppte und mich, nicht ohne Verlegenheit, am Ärmel zupfte, um mit gesenkter Stimme zu fragen, ob denn der Pfarrer i. R., jener eigentümliche Herr Leberecht Gottlieb, noch lebe, noch schreibe, noch unterwegs sei.
Ich antwortete ausweichend, wie man ausweichend antwortet, wenn man selbst nicht sicher ist, ob man zur Wahrheit oder nur zur Verbreitung von Beruhigung verpflichtet ist. „Irgendwann“, sagte ich, „wird es sich schon ergeben.“ Ein Satz, der alles offenlässt und nichts verspricht.
Doch dabei blieb es nicht. E-Mails erreichen mich, sorgfältig formulierte, andere von jener alarmierten Kürze, die nur durch echte Sorge hervorbracht werden kann. Ja, sogar ein Brief flatterte ins Haus, ein richtiger Brief, mit Handschrift und geklebter Marke, was in unserer Gegenwart durchaus als Beweis besonderer Dringlichkeit gelten darf. Man machte sich Sorgen um den alten Emeritus Leberecht. So lange schon sei gar nichts von ihm zu hören gewesen. Ob ihm etwas zugestoßen sei. Ob er womöglich, Gott behüte, in Zustände beginnender Altersdemenz und Verwirrung geraten sei, welche ihn daran hindern, alle seine Abenteuer weiterhin in jener episodischen Form darzubieten, an die man sich doch schon gewöhnt hatte - wie an einen Sonntagvormittag mit dem Gottesdienst, der zuverlässig kommt.
Ich nehme all diese Nachfragen nunmehr - nicht ohne ein gewisses schuldbewusstes Zögern - zum Anlass, jetzt die 137. Folge der Abenteuer Leberecht Gottliebs, des Pfarrherren in Ruhe preiszugeben. Nicht, dass ich sie zu diesem Zwecke selber erfinden müsste – nein, nein –, denn es existieren ja alle diese Aufzeichnungen tatsächlich schon längst. In Heften, Blättern, auf losen Zetteln, deren Ordnung nur ihrem Verfasser selbst verständlich gewesen sein dürfte, sind sie seit vielen Jahren vorhanden. Es handelt sich zumeist um Notizen in winzigster Schrift, gedrängt, eigensinnig, von jener asketischen Kleinheit, die weniger Platz einnimmt als ein Gedanke - und sie zu entziffern doch mehr Zeit verlangt als die Schöpfung der Welt in sieben Schritten.
Man muss sie entziffern, diese Schrift. Man muss sich ihr annähern wie einem fremden Dialekt. Man muss transkribieren, Satz für Satz, manchmal Wort für Wort, und gelegentlich auch nur Vermutungen anstellen, wo der Bleistift versagt haben mochte - oder der Wille zur Klarheit nachgelassen zu haben scheint. Das kostet Zeit. Aber diese Zeit, das sei hiermit versichert, habe ich mir nun genommen.
So finden wir unseren Leberecht Gottlieb heute also wieder – der getreue Leser wird sich erinnern – im Bleibergwerk von Workuta. Nicht nur als abgegestraften Bergmann, nicht bloß als Häftling im eigentlichen Sinn, sondern als Beobachter, als Mitfahrer unter Tage, als jener Pfarrer in Ruhe erscheint er uns, der selbst dort, wo alles nach Zwang, Frost und Metall schmeckt, eine eigentümliche Gelassenheit zu bewahren scheint.
Er sitzt gerade jetzt, so notiert er, auf einer umgestürzten Lore, hört den Stimmen der Männer zu, die vom Erz sprechen und doch von ganz anderen Dingen reden, und denkt darüber nach, dass die Welt offenbar auch unter Tage nicht aufhört, Welt zu sein. Hier, im Halbdunkel, begegnet ihm Literatur, begegnen ihm die sonderbarsten Formen dessen, was die Theologie Glaube oder Glauben nennt, begegnet ihm heute nun auch jener junge Mann, der vom Missionar vorliest, von einer Figur zwischen Tragödie und Farce. Leberecht Gottlieb vermerkt dieses alles in einer Mischung von Staunen und stiller Zustimmung. Er schreibt nieder, dass es offenbar kranke Orte gibt, an denen der Sinn des Sinns leichter zur Sprache kommt als dort, wo man ständig von Gesundheit redet. Er fügt dem hinzu – und das ist typisch für ihn –, dass man wohl fahren müsse, weit fahren, um zur Ruhe zu kommen, selbst wenn diese Ruhe mitten im Lärm der Welt liegt. Mehr sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Die 137. Folge liegt ab heute vor. Weitere werden folgen, wenn die Entzifferung der Robert Walser ähnlichen „Schrift” es erlaubt.
Tief unter der Erde, wo die Luft von metallischer Süße und dem stickigen Atem des Bleierzes gesättigt ist, wo das Licht niemals Tag, sondern stets nur eine angestrengte Behauptung von Helligkeit darstellt, hatte sich, man möchte fast sagen: wider die Natur des Ortes, ein Literaturzirkel gebildet. Workuta, diese nördliche Endstation vieler Hoffnungen und nicht weniger Biographien, war gewiss nicht dazu angetan, ästhetische Empfindsamkeit hervorzubringen; und doch geschieht das Geistige bisweilen gerade dort, wo es am unerquicklichsten erscheint.
Leberecht Gottlieb hatte zusammen mit einigen der älteren Kumpel, mit denen er täglich unter Tage fuhr, beschlossen, dass man dem Erz nicht das letzte Wort überlassen dürfe. Nicht jeder war zu dem Zirkel zugelassen; man verlangte - und war darin durchaus elitär - den Nachweis gelesener Bücher. Ein paar Dostojewski-Seiten genügten aber nicht. Wer mitreden wollte, musste zumindest einmal ernsthaft an einem eigenen Gedanken gescheitert sein.
Und so kam es, dass in einer ausgeweiteten Stollenkammer, deren kahle Bleiwände das Gesprochene in seltsamer Verzögerung zurückwarfen, allabendlich aus eigenen Werken und Aufzeichnungen vorgelesen wurde. Dabei war eine eigentümliche Akustik zu vernehmen, als spräche die Literatur selbst aus dem Gestein zurück, zustimmend und zugleich warnend.
An diesem Abend nun trat Dimitri Wolkow vor die kleine Versammlung der gefangenen Literaturfreunde. Er war ein junger Mensch, hager, im Blick jene Mischung aus Trotz und Ironie, die man bei allen Frühverbannten antrifft. Er hatte sich, wie man wusste, mit einem gewissen österreichischen Autor namens Thomas Bernhard beschäftigt, wie er mit ostentativer Gleichgültigkeit seinen Zuhörern mitteilte – und dessen rhythmisierte Unerbittlichkeit in sich aufgenommen wie andere den Frost der Tundra.
Sein Essay trug den Titel „Der Missionar“. Dimitri stellte sich in Positur, ein wenig theatralisch, doch ohne Lächerlichkeit. Die Bleiwände unter Tage nahmen seine Stimme auf und gaben sie vergrößert zurück, sodass jedes Wort wie ein zweites Mal ausgesprochen zu sein schien, gewissermaßen von einem unsichtbaren Komplizen. Und er begann zu lesen – von jenem neunzigjährigen Missionar, der auf seiner Chaiselongue lag, von den Heidenkindern aus Zululand mit Trommeln und Mumienköpfen, von den Vogtländer Methodisten, vom Ruf „Hauptsache Gesundheit“, der wie ein geistloser Refrain immer wieder durch den Raum hallte, und von dem verzweifelten Versuch des Greises, vom Sinn des Lebens, ja vom Sinn des Sinns zu sprechen, bevor die falsche Tonlage des an diesem Tag unvermeidlichen„Happy Birthday"-Liedes alles in eine gesellschaftliche Harmlosigkeit auflöste.
Ganz zweifellos - es war eine böse Paraphrase. Der Missionar erschien darin als tragikomische Figur, als einer, der Menschen zum Glauben geführt und zugleich von jeder ernsthaften Glaubenserfahrung abgehalten hatte, weil seine Botschaft mehr Lärm gemacht hatte, als der wahre Glaube es ertragen kann. Dimitri las mit einer Genauigkeit, die an Grausamkeit grenzte, und doch war unter der Ironie eine Zärtlichkeit spürbar, eine fast kindliche Sehnsucht danach, dass das Gesagte endlich einmal wirklich gehört werde.
Alle wussten, weshalb Dimitri Wolkow hier in Workuta war. Nicht wegen dieses Essays, sondern wegen anderer Texte – Pamphlete, hieß es, gegen korrupte Oligarchen, gegen den Staatslenker mit nacktem Oberkörper auf dem Pferde, mit einem Gewehr und in eisigem Badewasser. Über einen Mann hatte er geschrieben, der von vergangenen Grenzen träumte wie andere von verlorenen Jugendlieben. Und über solche Dinge schrieb man - zumindest in Russland - nicht ungestraft. Dimitri stand da, unter Tage, im Bauch des Bleis, und sprach vom Missionar, vom Sinn und vom Sinn des Sinns, als sei dies die eigentliche Provokation. Vielleicht war es das auch.
Als er geendet hatte, schwieg der Stollen. Selbst die Echos schienen zu zögern. Dann räusperte sich Leberecht Gottlieb und man begann zu diskutieren – leise, konzentriert, beinahe ehrfürchtig. Über Glauben, über Gesundheit, über die Lächerlichkeit der Geburtstagsrituale und über die Frage, ob nicht jeder von ihnen allen, auf seine eigene Weise, ein Missionar sei, der im falschen Moment vom Wichtigsten spricht - und das Wichtige dabei in den Staub tritt. Draußen indes tobte der arktische Wind. Unter Tage aber hatte für eine Stunde das Wort regiert. Und es war, man darf es ohne Pathos sagen, ein kleines, unscheinbares Triumphieren des Geistes über das fahl und gleichgültig schimmernde Erz. Willst du, getreuer Leser, mitdiskutieren in der Schar der graubestaubten Haftinsassen unter Tage fern ab im russischen Revier? Du nickst und sagst also dein Ja. Gut. Das also war es, was Dimitri Wolkow vorgetragen hatte - und das ist es, was seine Zuhörer nachdenklich erlauschen durften:
„Der Missionar, so muss man verstehen, ist die unerquicklichste, aber zugleich die folgerichtigste Figur, die das Christentum je hervorgebracht hat, weil ein Missionar zwar alles auf sich nimmt aber dann nichts gelten lässt außer dem, was er selber für das Geltende hält. Und weil er gerade dadurch, dass er alles meint, das eine verfehlt, worauf es ankommt. Jedenfalls nach Meinung derer, die ihn an seinem Geburtstag umstellen, belagern, beschenken, beklatschen - und missverstehen.
Der alte Missionar, der nun neunzig Jahre alt geworden war, lag auf seiner Chaiselongue, dieser Chaiselongue, die schon seit Jahrzehnten denselben Geruch nach Kampfer, altem Leder und einer unbestimmten tropischen Feuchtigkeit verströmte, und wartete hilflos auf die Menschen, die zu ihm kamen, weil sie glaubten, man müsse zu einem Neunzigjährigen kommen, ganz gleich, wer er sei, ganz gleich, was er Gutes und Schlimmes getan habe, ganz gleich, was er denke. Sie kamen aus allen Richtungen der Vergangenheit, aus dem Vogtland und aus Zululand, aus der methodistischen Gemeinschaft frommer Gebetskreise und aus der Nachbarschaft, die sich nie für den Glauben interessiert hatte - aber immer für Geburtstage, weil Geburtstage eine gesellschaftliche Pflicht darstellen, der man sich nicht entziehen darf, ohne als Unmensch zu gelten.
Die Heidenkinder aus Zululand, wie der Missionar sie immer genannt hatte und wie sie sich selbst mit einer Mischung aus Stolz und Ironie nannten, hatten die Überfahrt über das weite Meer der Lüfte gewagt, was sie mehrmals betonten, als wäre schon die Überfahrt sowohl theologischer Akt als auch großes Geschenk; und sie brachten Geschenke mit, kleine Trommeln, geschnitzte Ahnengeisterfigürchen und sogar ein paar Mumienköpfe, deren Herkunft niemand genau wissen wollte, weil Genauigkeit an solchen Tagen unerwünscht ist. Und die Vogtländer Methodisten brachten Bücher, immer Bücher, Bibeln mit Goldschnitt, Gesangbücher mit metallenen Ecken, Andachtsbücher, die alle dasselbe sagten, nur in immer neuen Variationen derselben Belanglosigkeit.
Und dann begann es, dieses entsetzliche und zugleich unausrottbare Sprechen, dieses Sprechen, das immer gleich ist und immer gleich falsch, der Ruf: Hauptsache Gesundheit, Hauptsache Gesundheit, Herr Missionar, Hauptsache Gesundheit. Sie riefen es mit ernster Miene, mit jovialer Miene, mit irgendwelcher Miene, und jedes Mal, wenn sie es riefen, lief der Missionar rot an, als hätte man ihm eine Ohrfeige verpasst, weil er wusste, dass dieser Satz alles verrät.
Er erhob sich von seiner Chaiselongue, mühsam, aber mit einer Würde, die aus der langen Gewohnheit als Missionar herrührte, und sagte, das sei nicht das Wichtigste, das sei niemals das Wichtigste gewesen, und nun wolle er vom Glauben reden, vom Sinn des Lebens, vom Sinn des Sinns, aber sie fielen ihm ins Wort, sie fielen ihm immer ins Wort, weil sie den Glauben für eine nette Beigabe hielten, für ein Ornament, während sie die Gesundheit für die Hauptsache erklärten, diese armselige, erbärmliche Hauptsache.
Der Missionar schüttelte den Kopf, hob seine greisen Hände beschwörend ihnen entgegen, so als ob er sie segnen oder verfluchen wolle - und hielt eine Predigt, die keiner hören wollte und die doch alle nun hören mussten, über das Wichtigste des Lebens, über den Sinn des Lebens und über den Sinn des Sinns, und gerade als er ansetzen wollte, noch weiterzugehen, noch tiefer, noch unerträglicher, und zu sagen, dass es auch einen Sinn des Sinns dieses Sinns gebe, da flog die Tür auf.
Der Bürgermeister kam herein, der Bürgermeister, der immer zum falschen Zeitpunkt auftaucht, begleitet von Frauen, die in falscher Tonlage sangen und mehrere Torten auf den Händen balancierten, und sie sangen dieses Lied, dieses unausweichliche Lied, Happy Birthday to you, Happy Birthday, Happy Birthday, Happy Birthday, Missionar - und in diesem Augenblick war alles entschieden.
Der Geburtstag nahm seinen Lauf, wie Geburtstage immer ihren Lauf nehmen, der Kuchen wurde weniger, der Sekt wurde mehr, die Gespräche wurden lauter und dümmer, und am Ende war der Missionar trunken, aber er war nicht besiegt. Er wusste, dass er wieder einige Menschen beunruhigt hatte, und das genügte ihm.
So schloss er am Abend seines Ehrentages beruhigt die Augen, nicht für immer, sondern nur für etwa fünf Stunden, denn schon am nächsten Morgen, das wusste er genau, würde er sich wieder aufquälen müssen, um in der vorgeschriebenen lectio continua fortzufahren und die Psalmen des Tages anzustimmen, jene unaufhörliche und notwendigste Tätigkeit seines Lebens, welche ihm eine so großartige Gesundheit beschert hatte - wie er glaubte."
--
alle Leberecht Gottliebs Geschichten - Teil 1 bis 136 - HIER
Autor:Matthias Schollmeyer |

Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.