Zahl und Zeit
SIEBEN SACHEN
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Zahl und Zeit. Der Mensch zählt, weil er Zeit hat – und weil er Angst vor ihr hat. Wo Ereignisse sich überschlagen, wo Geschichte unruhig wird, beginnt der Mensch zu rechnen. Er zählt Jahre, Fristen, Generationen. Er stellt Statistiken auf und liest die Zahl an den Manometern der sich leerenden Gasspeicher. Er liest jeden Tag Texte, in denen Zahlen vorkommen, und macht aus ihnen Fahrpläne: Was kommt als Nächstes? Wie lange noch? Wann endet dies, wann beginnt jenes? Zahlen beruhigen. Sie geben den Eindruck, als ließe sich das Unübersichtliche zähmen.
Die Bibel kennt diese menschliche Bewegung sehr genau. Und sie nimmt sie ernst – ohne ihr zu verfallen. In der Apokalypse des Johannes kommen auch Zahlen vor. Viele Zahlen. Sehr oft ist es die Sieben. Sterne, Leuchter, Geister, Posaunen, Schalen, Gemeinden. Immer sieben.
Schauen wir auf das Wort Zahl selbst. Im Deutschen stammt „Zahl“ aus einer Wurzel, die zugleich „erzählen“ bedeutet. Zählen heißt ursprünglich: ordnen, aufzählen, die Welt erzählbar machen. Im Hebräischen ist diese Verbindung noch enger. Dort kommt „Zahl“ aus derselben Wurzel wie „Buch“ und „Erzählung“. Wer zählt, schreibt. Wer schreibt, bringt Ordnung in das, was sonst zerfließen würde. Auch im Lateinischen bedeutet numerus nicht nur Menge, sondern Maß, Rhythmus, Takt. Und im Griechischen ist die Zahl keine tote Größe, sondern eine bewegte Ordnung, fast ein Puls des Seins.
Überall dasselbe Grundmotiv: Zahlen sind Versuche, Zeit belastbar zu machen. Sie sind keine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern ein Widerstand gegen das niedrige Chaos - von höherer Warte aus.
Genau hier setzt die Offenbarung des Johannes an. Johannes sitzt auf Patmos und nennt sich einen Mitgenossen in der Trübsal. Er steht nicht über der Geschichte, er leidet unter ihr. Und dann hört er eine Stimme – und wendet sich um. Offenbarung beginnt mit dieser Bewegung: dem inneren Umkehren, dem Nachdenken, dem Sich-Stellen dem, was ist. Er sieht sieben Leuchter und sieben Sterne – die Zahl der Ordnung, der Fülle, der bekannten Deutungswelt. Doch mitten in diese Ordnung tritt eine Gestalt. Nicht, um sie zu zerstören, sondern um sie neu zu deuten.
Diese Gestalt spricht nicht in Rechenaufgaben. Sie gibt keine Termine bekannt. Sie sagt etwas anderes: „Ich war tot, und siehe, ich lebe, und ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Das ist der entscheidende Satz. Der Schlüssel ist hier nicht dazu da, neugierig Türen aufzuschließen. Er ist dazu da, Räume zu verschließen. Tod und Hölle stehen für das radikale Chaos, für das, was Sinn zerstört. Dass Christus die Schlüssel hat, heißt: Dieses Chaos ist begrenzt. Es herrscht nicht souverän.
Auch Mose am Dornbusch und die Jünger auf dem Berg der Verklärung erleben genau das: Licht erscheint, aber es braucht die Stimme, um gedeutet zu werden. Ordnung entsteht nicht aus bloßer Helligkeit, sondern aus dem gehörten Wort. Das sind die beiden großen Texte des letzten Sonntags nach Epiphanias.
Zahlen gehören in diese Ordnung hinein. Sie sind Werkzeuge, nicht Herren. Sie helfen uns, die Welt zu strukturieren, Zeit zu gliedern, Verantwortung zu übernehmen. Problematisch wird es dann, wenn wir aus Zahlen Heilswissen machen, wenn wir meinen, mit der richtigen Rechnung den Schlüssel zur Geschichte selbst in der Hand zu halten. In der Kirchengeschichte gab es auch hin und wieder Endzeitschwätzer, die auf ihren Berechnungen ausgerutscht sind.
Die Apokalypse widerspricht der Versuchung, Zahlen zu Gottheiten zu machen. Das lange umstritten gewesene Büchlein am Schluss des Neuen Testaments zeigt Zahlen – und entzieht sie zugleich der Berechnung. Sie ordnet – und verweigert den Fahrplan. Sie lässt die Zahl zählen, aber überlässt der Zahl nicht die Herrschaft. Das ist eine merkwürdige Unschärfe ...
So bleibt am Ende eine befreiende Einsicht: Wir zählen, erzählen, ordnen. Aber wir sollten auch beherzigen, dass wir weniger von dem, was kommt, wissen können, als wir zu kennen meinen. Es mag genügen davon gehört zu haben, wer die Schlüssel hält – und dass die Türen, hinter denen das Chaos lauert, mit diesen Schlüsseln blockiert worden sind. Das ist der Schluss, den uns der Träumer von der Insel Patmos ziehen lassen will …
Autor:Matthias Schollmeyer |
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