Jugendweihe
Was ist Synkretismus?
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Man hat gesagt, die Jugendweihe finde statt, und weil man gesagt hat, sie finde statt, musste sie natürlich auch stattfinden, obwohl jeder wusste, dass sie eigentlich längst nicht mehr stattfindet, wenigstens nicht mehr so, wie sie einmal stattgefunden hatte, in jener Zeit, in der noch jeder wusste, was eine Jugendweihe ist, und in der es auch noch genügend Jugendliche gab, die man weihen konnte, während es jetzt immer weniger Jugendliche gab und gleichzeitig immer mehr Ausschüsse, Vereine, Förderprogramme und Arbeitsgruppen, die sich mit der Jugendweihe beschäftigten, als handele es sich um ein seltenes Tier, das man künstlich züchten muss, weil es in freier Wildbahn längst ausgestorben ist.
In Südthüringen, wo man ohnehin schon seit Jahrzehnten alles Mögliche künstlich am Leben erhält – Männergesangsvereine, Kleingartenvereine, Traditionsvereine, Traditionspflegevereine, Vereine zur Pflege der Pflege von Traditionen –, hat man sich also auch entschlossen, die Jugendweihe weiterzuführen, und zwar mit allen Mitteln, vor allem mit den Mitteln jenes Programms, das den merkwürdigen Namen „Demokratie leben!“ trägt, ein Programm, das überall dort auftaucht, wo etwas schon halb tot ist und mit Geld künstlich beatmet werden muss.
Die Jugendweihevereine, die man früher ganz schlicht Jugendweiheausschüsse genannt hatte, und die früher aus zwei resoluten Frauen bestanden hatten, die noch wussten, wie man einen Saal organisiert und eine Blaskapelle bestellt, waren inzwischen zu hochkomplexen Projektstrukturen geworden, mit Koordinatorinnen, Moderatoren, pädagogischen Begleitkräften und Evaluationsbeauftragten, die alle sehr ernst dreinschauten, wenn sie über die Zukunft der Jugendweihe sprachen, obwohl sie genau wussten, dass diese Zukunft darin bestand, überhaupt noch irgendeinen Jugendlichen zu finden, der bereit war, sich weihen zu lassen.
Also ging man in die Schulen.
Man ging mit Flyern in die Schulen, mit PowerPoint-Präsentationen, mit bunten Logos, mit Förderhinweisen, und man stellte sich vor die Schüler, die auf ihren Stühlen saßen und überhaupt nicht verstanden, was diese Leute eigentlich wollten.
„Ihr wollt doch bestimmt Jugendweihe machen“, sagte man.
Die Schüler sagten: „Warum?“
Diese Frage hatte man nicht erwartet.
Man erklärte also, dass die Jugendweihe ein wichtiger Schritt ins Erwachsenenleben sei, ein Ereignis, ein Ritual, ein gesellschaftliches Bekenntnis, eine Feier der Reife, eine Feier der Demokratie, eine Feier des Zusammenhalts und im Grunde eine Feier alles dessen, was man gerade für wichtig hielt.
Die Schüler sagten: „Gibt es Musik?“
Denn das war das Einzige, was sie interessierte.
„Natürlich gibt es Musik“, sagte der Ausschuss sofort.
„Was für Musik?“, fragten die Schüler.
Das war eine heikle Frage, denn Musik ist in Südthüringen ein politisches Thema, ein familiäres Thema, ein generationsübergreifendes Konfliktfeld.
Die Jugendlichen wollten Musik, die sie kannten.
Die Eltern wollten Musik, die sie ertragen konnten.
Die Großeltern wollten Musik, die sie verstanden.
Und so entstand jene legendäre Sitzung des Jugendweihevereins, von der man im Landkreis noch Jahre später gesprochen hat, weil sie eine jener Sitzungen war, in denen plötzlich drei Generationen gleichzeitig aufeinander trafen bzw. prallten.
Die Eltern, von denen viele - wenn die Gnade der späten Geburt dieses nicht verhindert hätte - früher (also zu DDR-Zeiten) FDJ-Sekretärinnen oder so etwas Ähnliches gewesen wären, nun aber Immobilienmaklerinnen, Physiotherapeuten oder Yogalehrerinnen geworden waren, wollten selbstverständlich moderne Musik, aber keine zu moderne Musik.
Die Großeltern, von denen es tatsächlich noch Fotos als Pionierleiter und FDJ-Sekretärinnen gab, wollten überhaupt keine moderne Musik. Und einer dieser Großväter, der sich noch erinnerte, dass man früher bei der Jugendweihe Gedichte von Brecht aufgesagt hatte, meldete sich schließlich und sagte:
„Da gibt es doch dieses Lied.“
Alle sahen ihn an.
„Welches Lied?“
„Na dieses“, sagte er. „Von diesem Sänger. Cohen.“
„Cohen?“
„Ja. Leo Cohen.“
Niemand wusste, wer Leo Cohen war, aber alle nickten, weil niemand zugeben wollte, dass er es nicht wusste.
„Das Lied heißt ‚Halleluja’“, sagte der Großvater.
Daraufhin entstand eine längere Diskussion, weil Halleluja ein religiös belastetes Wort ist, was bei einer Jugendweihe, die bekanntlich einst erfunden worden war, um religiöse Rituale zu ersetzen, eine gewisse Irritation hervorrief.
Aber einer der Projektkoordinatoren hatte sofort eine Lösung.
„Wir spielen das Lied“, sagte er, „aber ohne das Halleluja.“
Diese Lösung erschien allen genial.
Und so kam es, dass bei der großen Jugendweihe im Kulturhaus, das man inzwischen Kultur- und Bürgerzentrum nannte, weil das Kulturhaus allein nicht mehr ausreichte, um seine Bedeutung zu erklären, ein Orchester auftrat, das eine merkwürdige Version dieses Liedes spielte.
Man begann sehr feierlich.
Ein Klavier spielte die bekannten Akkorde.
Dann setzte eine Stimme ein, die das Lied sang, allerdings ohne das Wort Halleluja, weshalb das Ganze klang, als würde jemand ständig Luft holen, ohne zu wissen, wofür.
Und mitten in diese feierliche Musik hinein begann plötzlich die andere Musik, jene Musik, die einer der Jugendlichen vorgeschlagen hatte, eine Musik, die aus nichts anderem bestand als aus einem elektronischen döp dö dö döp, das immer schneller wurde.
Und so hörte man im Saal gleichzeitig zwei Dinge.
Ein Klavier spielte Leonard Cohen ohne Halleluja - und ein Lautsprecher spielte dieses döp dö dö döp.
Die Eltern sahen gerührt aus.
Die Großeltern waren verwirrt.
Die Jugendlichen filmten alles mit ihren Handys.
Und der Jugendweiheverein, der das Ganze organisiert hatte, stand hinten im Saal und nickte zufrieden, weil er wusste, dass er etwas Großartiges geschaffen hatte.
Etwas, das zugleich Tradition war und Event.
Etwas, das zugleich Ritual war und Playlist.
Etwas, das zugleich Leonard Cohen war und döp döp dö döp.
Und in diesem Moment trat der Vorsitzende des Vereins ans Mikrofon und erklärte mit der Stimme eines Mannes, der seit vier Monaten an diesem Satz gearbeitet hatte:
„Liebe Jugendliche. Heute tretet ihr ein in die Reihen der Erwachsenen.“
Die Jugendlichen sahen ihn an.
Sie wussten nicht genau, was das bedeutete.
Aber sie klatschten.
Der Saal klatschte.
Der Landkreis klatschte.
Und der neue, erstaunlich breite niedere Klerus, der sich inzwischen aus allen möglichen Richtungen gebildet hatte – aus Parteibüros, Redaktionen, Förderprogrammen und Kulturämtern –, klatschte ebenfalls, weil man spürte, dass hier offenbar etwas stattgefunden hatte, was eigentlich längst nicht mehr wirklich stattfand …
Autor:Matthias Schollmeyer |
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