"Lebe wohl, lebe wohl ..."
Leberecht Gottlieb (139.Teil)
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
139. Kapitel, in welchem Leberecht Gottlieb erzählt. Er erzählt die „Geschichte von der Unbarmherzigkeit der Geschichte”.
Leberechts Mitgefangenen im Bleibergwerk bedrängen den alten Pastor, sie betteln und bitten ihn, noch eine zweite Geschichte zu erzählen. Und Leberecht Gottlieb, der die erste mit zittriger Hand in das staubige Heft geschrieben hatte, braucht diesmal weder Papier noch Stift. Er setzt sich auf einen kalten Klumpen Erz, der wie ein schwarzes Herz im Halbdunkel liegt, und beginnt mit bewegendem Tonfall zu sprechen. Doch wird seine Stimme von Minute zu Minute fester, bis sie zuletzt mit diesem einzigen Satz endet, der seine Zuhörerschaft - und auch dich, verehrter Leser - erschauern lassen wird.
Er geht nicht langsam, aber auch nicht schnell, er geht so, wie einer geht, der weiß, dass jeder Schritt zu viel ist, weil die Füße ihn von etwas wegtragen, das es im nächsten Augenblick nicht mehr geben wird. Günther Victor, Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt und Fürst von Schwarzburg-Sondershausen, letzter Fürst - und schon dieses Wort „Fürst“ kommt ihm vor wie ein schief hängendes Wappen in einem Hause, das man bald geräumt haben wird, geht durch den Korridor seines Schlosses, das so nicht mehr sein Schloss sein wird, obwohl noch alles dort steht, wie es gestern stand, und vorgestern, und vor zweihundert Jahren.
Er geht in den Saal, in dem ein Tisch steht, ein Tischchen nur, aber wie ein Schafott, und auf diesem Möbel liegt ein Blatt Papier, dünn, lächerlich dünn, viel dünner als die Geschichte seiner Familie, dünner als die Teppiche, auf denen seine Vorfahren standen, als sie Regimenter verabschiedeten, Ehen stifteten, Theater gründeten und glaubten, das alles sei von Dauer. Dieses Blatt Papier wird nun alles beenden.
Die Vertreter der neuen Volksregierung haben sich dort bereits eingefunden. Kleine Leute sind immer so emsig und können nicht warten. Müssen immer sofort zur Stelle sein. Wie er das hasst. Männer mit Gesichtern, die Ernsthaftigkeit spielen, denkt er, während sie so tun, als seien sie schon immer hier gewesen. Keiner von ihnen weiß, wie man unter diesen Stuckdecken atmet. Sie stehen da - eben wie Möbelpacker der Geschichte, vollgefressen - so denkt er - mit der Überzeugung, sie hätten etwas gestürzt, das sie aber nicht einmal ansatzweise verstanden haben.
Günther Victor, Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt und Fürst von Schwarzburg-Sondershausen, letzter Fürst. Er setzt sich.
Die Feder kratzt. Dieses Kratzen ist unerträglich. Es ist das Geräusch eines Astes, der bricht, eines Knochens vielleicht sogar. Er denkt an die Porträts an den Wänden, an die Herzöge mit hartem Mund und kaltem Blick. Keiner von ihnen hat je so etwas Endgiltiges unterschrieben. Keiner hat sich selbst komplett aus der Geschichte gestrichen. Sie haben Kriege verloren, Territorien verloren, aber sie haben nicht mit eigener Hand das Ende ihrer Würde besiegelt.
Er hebt den Kopf und sieht diese gemalten Augen in den Ölbildern der Generationen vor ihm. Strafende Augen. Augen, die nichts verzeihen. Er senkt den Blick. Schuldbewusst vor den Toten in Leinwand und Öl, denkt er, das ist das Lächerlichste und zugleich das Furchtbarste, was einem widerfahren kann. Er wird auf ewig derjenige bleiben, der es nicht ausgehalten hat, der das Erbe nicht verteidigt hat. Aber verteidigt wogegen? Gegen das Wort „Volk“, das jetzt mit einer Dreistigkeit ausgesprochen wird, als sei es Gott selbst? Gegen die Schützengräben, die das alte Europa in Schlamm verwandelt haben?
Er unterschreibt.
Kein Donner. Kein Einsturz. Nur dieses Kratzen. Als er aufsteht, glaubt er, der Boden schwanke. Nicht weil er wirklich schwankt, sondern weil das, worauf er stand, nicht mehr trägt. Titel tragen nicht mehr. Wappen tragen nicht mehr. Geschichte trägt nicht mehr. Der Boden unter seinen Füßen ist nichts mehr als Parkett, über das ein alter Teppich noch gebreitet ist.
Er geht an den Bildern vorbei. Einer der Ahnen, der Herzog mit eisernem Blick - sein Vater - , scheint ihn besonders anzusehen. Und in diesem Augenblick, in einer Mischung aus Trotz und Müdigkeit, denkt er: „Ich grüße dich, du göttliche Phiole.“ Wie der Doctor Faust im Studierzimmer, der das Glas mit dem tödlichen Trank schon in der Hand hält und glaubt, im Gift die End-Lösung zu finden. Eine schimmernde Phiole, ein Glasbehälter mit dem süßen Versprechen der Ruhe. Einfach trinken. Einfach Schluss.
Er stellt sich vor, in sein Arbeitszimmer zu gehen, die Tür zu schließen, eine solche Phiole zu ergreifen – wenn es sie denn gäbe – und der Geschichte ein letztes Mal die Stirn zu bieten, indem er sich ihr entzieht. Keine Volksregierung, kein Volks-Landtag, keine Proklamation könnte ihm dann noch etwas anhaben. Das wäre eine Geste, denkt er. Eine letzte, dunkle Geste.
Aber er weiß, dass er nicht der Doctor Johannes Faust ist und keine göttliche Intervention ihn retten wird. Er ist ein Herzog, der unterschrieben hat. Der Letzte aus dem Hause Schwarzburg-Rudolstadt.
Draußen wartet aber das Vergnügen der Jagd und sein Gewehr mit den beiden Läufen. Die Jagd ist ihm noch erlaubt, und die Jagd ist vielleicht das Einzige, was nicht sofort abgeschafft wird. Auch die neuen Herren werden jagen wollen. Er wird es erlauben müssen - hat es mit seiner Unterschrift bereits getan. Alle werden schießen dürfen, auf Rehe, auf Hirsche, auf alles, was nicht die Geschichte ist, geschossen wurde ja in den letzten Jahren sowieso schon genug. Es kommt auf nichts mehr an. Vielleicht, denkt er, liegt in der Jagd eine Art von Vergessen, eine Bewegung des Körpers gegen das Erstarren des Geistes. Deshalb gibt es dann von Zeit zu Zeit den Krieg …
Während er das Schloss verlässt, betreten die neuen Herren dasselbe mit Schritten, die zu laut sind. Sie sprechen von Besitzübernahme, von Neuordnung, von Inventar. Sie öffnen Türen, ohne zu wissen, was sie öffnen. Sie gehen an Regalen vorbei, in denen kostbare Bücher stehen, Ausgaben mit handschriftlichen Anmerkungen berühmter Männer und Frauen, mit Randbemerkungen seiner Vorfahren, mit der geduldigen Tinte von Generationen. Für sie - die Volksvertreter - ist es nur Papier. Staub. Verwaltungsmasse.
Aber sie freuen sich. Man sieht es ihnen an. Nicht, weil sie begreifen, was endet, sondern weil sie glauben, es beendet zu haben. Ein großes Zeitalter, sagen sie, sei vorbei, und sie lächeln bei diesem Wort „groß“, als hätten sie selbst etwas Großes vollbracht, indem sie das Großgewesene in Schutt und Asche legen.
Der Rudolstädter geht indessen weiter. Langsam beginnt der Wald seinen Fürsten aufzunehmen in die alte bergende Grüne. „Wer hat dich, du schöner Wald, / Aufgebaut so hoch da droben? / Wohl den Meister will ich loben, / Solang noch mein' Stimm’ erschallt: / Sei gegrüßt, nimm mich auf, du schöner Wald!” singt er leise, den bekannten Text leicht verändernd. Zur Melodie des unvergleichlichen Mendelssohn singt er es beim Schreiten über die laubbestreuten Wege. Die Luft ist kalt, klar, gleichgültig. Wir schreiben November im Jahr 1918. Der Abgedankte hebt wie nebenbei das Gewehr. Ein Schuss ohne Ziel hallt durch die Bäume. Doch im Knall des Schusses hört er noch immer das Kratzen der Feder ...
Als Leberecht geendet hatte, war es stiller im Stollen als sonst, stiller als je zuvor, und selbst das Tropfen des Wassers schien für einen Augenblick innezuhalten. Keiner wagte zu sprechen. Sie saßen da zwischen Erz und Staub, und etwas hatte sich verschoben, nicht im Bergwerk, sondern in ihnen. Leberecht Gottlieb aber erhob sich langsam von dem Bleiklumpen, strich sich den Staub von der Kleidung und sagte nichts mehr. Und so schließt die hundertneununddreißigste Folge der Erzählungen über Leberecht Gottlieb – nicht mit einem Ausruf, nicht mit einem Trost, sondern mit einem Blick, der weiter reicht als der Stollen und heller ist als das Erz, wenn du - lieber Leser - es willst.
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Autor:Matthias Schollmeyer |
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