DA ICH EIN KNABE WAR
RETTET’ EIN GOTT MICH OFT
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Als Friedrich Hölderlin im Herbst 1796 den Neckarraum verlässt und nach Frankfurt wandert, trug er wenig Gepäck bei sich, aber eine gefährliche Mischung im Innern: klassische Bildung, schwäbische Innigkeit, philosophische Glut – und eine Empfindsamkeit, die nicht auf Anpassung, sondern auf Durchbruch zielt. Der junge Dichter betritt nun das Haus des Bankiers Gontard, nicht nur als freier Geist, sondern auch als Hauslehrer. Äußerlich vielleicht eher eine demütigende Stellung, innerlich jedoch der Eintritt in einen unendlichen Raum, der das Leben dieses Mannes und seiner Geliebten Susette Gontard zerreißen sollte.
Frankfurt war auch damals schon keine Idylle. Es ist eine Stadt des Geldes, der Ordnung, der diskreten Leidenschaften. Und hier entzündet sich jene Liebe, die Hölderlins Werk unauslöschlich prägt: die Beziehung zu Susette Gontard, verheiratet, Mutter von vier kleinen Kindern, unerreichbar für den mittellosen Dichter - und gerade darum war diese Beziehung von jener absoluten Intensität, die nicht arrangiert ward - es sei denn vom Schicksal und ihren lachenden Moiren selbst - , sondern alles auf eine Karte setzt. Diotima – dieser Name ist keine poetische Maske, sondern eine Erhebung: die Geliebte Susette wird zum Ort einer Wahrheit, die größer ist als beide Liebenden. Diotima ist bei Platon die Lehrerin des Sokrates in Liebesdingen - Hölderlin wählt diesen Namen für Susette, und ohne Diotima sind zentrale Texte Hölderlins nicht verständlich. Hyperion nicht, die Frankfurter Gedichte nicht, „Da ich ein Knabe war” schon gar nicht:
Da ich ein Knabe war,
Rettet' ein Gott mich oft
Vom Geschrei und der Rute der Menschen,
Da spielt ich sicher und gut
Mit den Blumen des Hains,
Und die Lüftchen des Himmels
Spielten mit mir.Und wie du das Herz
Der Pflanzen erfreust,
Wenn sie entgegen dir
Die zarten Arme strecken,So hast du mein Herz erfreut,
Vater Helios ! und, wie Endymion,
War ich dein Liebling,
Heilige Luna !Oh all ihr treuen
Freundlichen Götter !
Daß ihr wüßtet,
Wie euch meine Seele geliebt !Zwar damals rief ich noch nicht
Euch mit Namen, auch ihr
Nanntet mich nie, wie die Menschen sich nennen
Als kennten sie sich.Doch kannt ich euch besser,
Als je ich die Menschen gekannt,
Ich verstand die Stille des Aethers,
Der Menschen Worte verstand ich nie.Mich erzog der Wohllaut
Des säuselnden Hains
Und lieben lernt ich
Unter den Blumen.Im Arme der Götter wuchs ich groß.
Diotima ist der Ort, an dem Hölderlin erfährt, was er philosophisch sucht: eine ungetrennte Welt, in der Natur, Liebe, Gottheit und Mensch noch nicht auseinandergefallen sind. In die Zeit beim Bankier Gontart fällt das Gedicht „Da ich ein Knabe war“ (1797). Wer es nur als Kindheitserinnerung liest, liest es falsch. Die Vergangenheit ist hier nicht biographisch gemeint, sondern ontologisch. Hölderlin erinnert keinen Zustand, er beschwört eine Erfahrung, die ihm in der Gegenwart der Liebe zu Susette neu aufgegangen ist: eine Welt, in der der Mensch noch nicht getrennt war vom Wesentlichen – nicht von der Natur, nicht vom Göttlichen, nicht von sich selbst.
Helios und Luna treten im Gedicht auf, nicht als mythologischer Zierrat, sondern als Namen einer bewohnten Welt. Hier wäre der Jesuit Hugo Rahner zu nennen - als qualifizierter Leser der Mythen, die keine falschen Götter meinen, sondern Chiffren ursprünglicher und vorchristlicher Gottesnähe sind. In der Liebe – so könnte man mit dem Innsbrucker Patristiker und Bruder des bekannteren Nachfolgers von Romano Guardini sagen – wird jene vorsprachliche Ganzheit wieder berührbar, die der Mythos trägt und die das Gedicht als „Knabensein“ bezeichnet. Die Götter sind nicht Gegner des christlichen Glaubens, sondern Zeugen einer Welt, die noch nicht entleert ist.
Hölderlin bleibt kein naiver Mystiker. Er weiß um den Preis großer Erfahrungen. Darum das Schweigen: „Der Menschen Worte verstand ich nie.“ Sprache ist hier bereits verdächtig – nicht als Logos, sondern als soziale Markierungsmaschine, als Gewalt gegen Dinge durch Benennung. Wahrheit beginnt nicht mit Machen, sondern mit Hören. Nicht die Produktion von Sinn ist ursprünglich, sondern das Empfangen von Sinn. Der „Wohllaut des säuselnden Hains“ ist eine Liturgie ohne Priester, eine Offenbarung ohne Dogma.
Dass diese Erfahrung gefährlich ist, wusste Hölderlin – und wusste es seine Umwelt noch besser. Niemand sah das klarer als Johann Wolfgang von Goethe. Der Staatsminister aus Weimar, Hüter der Klassik, war nie blind für Begabung. Aber gerade darum begegnete er Hölderlin mit einer eigentümlichen Mischung aus Kühle, Distanz und Abwehr. Goethe spürte, was hier heranwuchs: kein Epigone, kein Schüler, sondern ein Dichter, der weiter ging als er selbst zu gehen wagte und zu gehen vermochte.
Man darf es schärfer sagen: Goethe witterte in dem begnadeten Wahnsinnigen vom Neckar eine Konkurrenz – nicht auf dem Markt der Formen, sondern im Zugriff auf das Absolute. Während Goethe Maß hielt, riskierte Hölderlin den Sturz. Während Goethe ordnete, setzte Hölderlin alles auf die Erfahrung dessen, was nach der Ordnung kommt. Das konnte der Staatsminister nicht lieben .
Das Gedicht endet mit einem Satz, der alles bündelt: „Im Arme der Götter wuchs ich groß.“ Das ist kein Rückzug ins Mythische. Es ist eine Kampfansage an eine Welt, die Größe mit Selbstbehauptung verwechselt. Größe entsteht und bleibt für Hölderlin durch Gehaltensein. Und genau darin liegt die Tragik dieses Mannes: Was ihn groß machte, machte ihn zugleich unbrauchbar für eine Gesellschaft, die Nähe nur erträgt, wenn sie beherrschbar ist.
„Da ich ein Knabe war“ ist deshalb ein Liebesgedicht, ein Erinnerungsraum, eine theologische Provokation – und ein Dokument jener gefährlichen Zeit, in der Hölderlin glaubte, noch einmal im offenen Himmel wandeln zu können, wie Christus auf den Wellen des Sees Genezareth. Mit diesem Gedicht schloss sich für den Dichter der Himmel - und tat sich zugleich auf - denn was bleibt, das stiften die Dichter ..
Autor:Matthias Schollmeyer |
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