Fenster

Beiträge zum Thema Fenster

Feuilleton

Philosophen vorgestellt
Heraklit von Ephesos

Der Satz Πόλεμος πάντων πατήρ ist bekannt. „Krieg ist Vater aller Dinge.“ Drei wenige Worte tragen eine Provokation in sich, die älter ist als jede christliche Theologie und von ihr nicht übergangen werden kann. Heraklit, der dunkle Philosoph von Ephesos, spricht vom Kampf als Ursprung, vom Krieg als schöpferischer Macht. Er äußert diesen Gedanken, der den schlichten Christenmenschen zunächst befremdet: Soll das Zerstörerische, das Trennende, das Gewaltsame der Vater von allem sein, was ist?...

Feuilleton

DIE FRAGE

Es geschah zwar nicht im Anfang der Welt, aber doch an einem jener Punkte, an denen die Welt noch formbar war. Etwa dreihundert Jahre nach der Zeitrechnung, als Rom bereits alles besessen hatte außer Gewissheit, saß Konstantin, der Kaiser des neuen Roms, nicht mehr als Gott, aber noch als junger Mann zwischen allen Zeiten und Stühlen. Er war ein Lernender, ein Hörender, ein noch nicht Gefestigter – unsicher genug, um vom Weltenschicksal selbst befragt zu werden. Die Frage kam nicht aus dem Lärm...

Glaube und Alltag

"Zeichen" in der Bibel
Reinen Wein einschenken

Hin und wieder geschehen sie doch. Sogenannte "Zeichen", über die wir uns dann wundern. Man staunt - und manche Leute fangen an, diese Zeichen zu deuten - und finden vermittels dieser Deutungen einen Weg, den sie sonst nicht gefunden hätten. Auch jene drei in den Sternen forschenden Magier aus dem Morgenland, welche von fern her zur Krippe zogen, deuteten die Gestirnszeichen, die über dem Stall von Bethlehem am Himmel zu sehen waren. Als erstem jener irdischen Zeichen nun, welche mit dem Wirken...

Glaube und Alltag

karmische verstrickungen
Was es alles gibt ...

Am Rande der Stadt, dort, wo der Asphalt in Schotter übergeht und die Fabrikschlote den Himmel verdunkelten, stand jeden Morgen Anna mit ihrer Milchkanne. Wenn sie die Kanne anhob, klapperte der Henkel metallisch. Die Kühe muhten Anna hinterher und vor ihr brummten schon die Maschinen, obwohl der Tag noch kaum begonnen hatte. Dieses Geräusch war der Atem von Annas Welt, gleichgültig und zuverlässig. Anna hieß eben Anna. Aber die Alten im Dorf hatten auch einen anderen Namen für sie: Pelia....

Feuilleton

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Henry Bergson und die Lebensphilosophie

War die sogenannte Lebensphilosophie der Versuch, dem Denken zu entkommen, indem man das eigene Leben wieder einholt? Das obige Foto des französischen Philosophen Henri Bergson, ernst, gesammelt, beinahe asketisch, wirkt wie ein stiller Kommentar zu dieser Frage, was die sogenannte Lebensphilosophie eigentlich gewesen sein wollte. Da schaut ein Mann an uns vorbei, der wie kaum ein anderer vom Leben gesprochen hat – von ihrer Zeit als Dauer (durée) eines Strömens, von schöpferischer Bewegung,...

Feuilleton

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Theodor Lessing

Er hieß Theodor Lessing. Eine gewisse Schonfrist, die jedem von uns am Anfang des Lebens eigentlich zusteht, ist ihm schon von Geburt an verweigert gewesen. So schreibt er sinngemäß über sich selbst. Andere schritten wohl durch die Jahrzehnte ihrer Lebenszeit wie durch einen zwar schlecht beleuchteten Bahnhof, aber immer noch hoffend und  mit dem Gefühl wartend - es werde schon bald irgendein Zug kommen. Theodor Lessing jedoch blieb auf dem Bahnsteig stehen, während das Dach über der Halle...

Glaube und Alltag

SAKRAMENT
DIE TAUFE JESU

Was die Kirche feiert, ist niemals bloß Erinnerung, niemals bloß fromme Gewohnheit. Die Kirche feiert die Wirklichkeit des Sakraments. Sie drängt sich der Welt nicht auf, aber trägt sie von innen her. Wer die biblischen Evangelien aufmerksam liest, erkennt rasch folgende Besonderheit: Alle vier führen ihre Erzählung auf einen besonderen Höhepunkt hin. Gemeint ist Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Im Zusammenhang mit diesen vier Passionsgeschichten findet auch die Einsetzung der...

Glaube und Alltag

Epiphanias
Sterndeutertag 6. Januar

Hoch oben auf des Turmes alter Wache - sah spähen einen Greis ich durch sein Rohr. Er hatte unter hell bestirntem Dache zur Ewigkeit gewendet Aug und Ohr. „Dass du in jenen Sternenrätseln droben erkennest, was hier unten gehe vor - schau“ rät er „an den Himmel. Wie verwoben Planet und Sterne folgen Gottes Plan. Dem Forscher zeigt ihr Bild im Weltenkoben der fernen Zukunft Wesen vage an.“ Er wurde alt und weise, wurde klug - hier draußen auf dem Turm, der gute Mann. O Jahre, die er lebte und...

Feuilleton

WENN DIESES LIED ERKLINGT ...
zur Philosophie der Kirchenaustritte

Es gehört inzwischen fast zum guten Ton, es beiläufig zu sagen:" Ich bin aus der Kirche ausgetreten." Man sagt es mit derselben Stimme, mit der man früher erklärte, keinen Festnetzanschluss mehr zu haben. Überholt. Unpraktisch. Zu teuer. Eine Telefonzelle auf dem Marktplatz, während man doch längst ein Handy besitzt. Und ja, Geld spielt auch eine Rolle. Jeder braucht es. Niemand gibt es gern für etwas aus, dessen Sinn nicht mehr unmittelbar einleuchtet. Mit dem schleichenden...

Glaube und Alltag

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Wilhelm von Conches

Wilhelm von Conches ist einer jener Denker des 12. Jahrhunderts, die wichtige Umschlagbahnhöfe im Nervenzentrum der Kirchengeschichte bilden - sofern diese immer auch Haupt-Movens der abendländischen Geistesgeschichte gewesen ist. Normanne, Domschüler von Chartres, Naturphilosoph, Kommentator Platons – ein Mann, der an der Schwelle der Hochscholastik steht, die christliche Antike zusammen fasst - und genau darin eine produktive Spannung induzierte.  Wilhelm denkt in erster Linie nicht fromm,...

Feuilleton

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Michel de Montaigne

Michel de Montaigne (1533–1592) gehört zu den frühen Gestalten eines Denkens, das den Menschen nicht mehr von metaphysischen Systemen her, sondern von seiner eigenen Endlichkeit aus betrachtet. Als Jurist, Staatsmann und Privatgelehrter zog er sich später aus dem öffentlichen Leben zurück, um in seinen Essays eine neue Form philosophischer Selbstprüfung zu entwickeln. Nicht Belehrung, sondern Klärung war sein Ziel: die nüchterne, unbestechliche Betrachtung dessen, was es heißt, als Mensch zu...

Feuilleton

TURM UND ZEIT

Die Zeit hängt. An den Kirchtürmen. Nicht zufällig. Man sieht sie dort, groß, rund, autoritativ: Zifferblatt, Zeiger, Takt. Die Uhr ist zum Gesicht der Kirchen geworden, und richtete das Antlitz des Menschen für eine gewisse Zeit wieder nach oben in Richtung Himmel. Und genau darin liegt ein leiser, aber folgenreicher Verrat. Zeit war einmal etwas anderes. Sie floss. Sie kam und ging. Sie wurde erfahren, nicht gemessen. Der Tag begann mit dem Licht, endete mit der Dunkelheit. Der Mond wuchs und...

Feuilleton
2 Bilder

Geschichten aus der Makulatur
Silvestergedanken

Der liebe Gott und der Teufel, das waren zwei resche Gesellen! Am Anfang sind sie einander auch gar nicht feind gewesen, wie es heute erzählt wird. Im Gegenteil - sie standen recht gut zueinander, wie ihr das auf den obigen Bildern auch sehen könnt. Die beiden waren eben nur entgegengesetzte Prinzipien ein und derselben geheimnisvollen Sache. Aber irgendwann war Schluss damit. Man weiß nicht mehr so richtig warum. Davon will ich Euch am Silvesterabend versuchen, die wirkliche und wahre...

Feuilleton

Hoffmanns Erzählungen
JESUSKURVE

Am Anfang muss etwas vorangestellt werden. Warum? Weil erstaunlich viele, die hier weiterlesen oder zuhören, die Geschichte noch gar nicht kennen. Am Anfang steht eine Kneipe. Ort des Rauschtranks. Keine Kathedrale, kein Hörsaal, kein Olymp. Eine Kneipe. Dort sitzt Hoffmann, Dichter, Trinker, Liebender auf Widerruf. Er wartet auf Stella, eine Sängerin. Während diese auf der Bühne Donna Annas Part in Mozarts Don Giovanni singt, erzählt Hoffmann seinen Freunden – angeheitert, aufgekratzt und...

Feuilleton

Faust-Apokryphen
Blick vom Berge Ararat in Richtung des kaiserlichen Thronsaals

Faust und Mephisto stehen auf dem Berge Ararat inmitten der Trümmer von Noahs gestrandeter Arche. Beide schauen in Richtung des kaiserlichen Thronsaals und sehen, wie am Silvesterabend die Menschen mit Knallern und Raketen versuchen, ihre Angst vor der Zukunft wirksam zu bekämpfen. Beim Herabschauen auf die Menschenwelt entsteht folgender Dialog, der alle Welträtsel schlechthinniger Existenz zum Thema hat. Faust behauptet, die Menschen würden irgendwann einen Weg finden, sich gegenüber allen...

Glaube und Alltag

Das Stundengebet
Warten auf Nichts …

Es gehört zu den stillen Paradoxien der Gegenwart, dass der Mensch sich unablässig anregt und dabei innerlich ermüdet. Nie war der Zugang zu Reizen so leicht, nie der Weg zur Sammlung so schwer. Was heute unter dem technischen Schlagwort eines „Dopamin-Toxings“ kursiert, beschreibt in Wahrheit eine alte Erfahrung: Der Mensch verliert seine Mitte, wenn das Warten, die Verzögerung, die Stille aus seinem Leben verschwinden. Das Stundengebet steht quer zu dieser Dynamik. Es ist keine Technik zur...

Feuilleton
2 Bilder

AUF DEN 28. Dezember
Festum Sanctorum Innocentium

Am andern Tage bietet sich durchs Fenster ein grausam böses Bild den Augen dar: Heran in Reihen zieht es wie Gespenster mit Rüstung, Schwert und Lanze offenbar. Zum Trommelschlag die schwarzen Fahnen wehen und Kriegsgesänge stimmte an die Schar. „Herod lässt seine Söldnertruppen gehen nach Bethlehem, zu stiften Mord und Not. Die Mütter wird es treffen, wird man sehen - denn unserm Kinde wünscht der König Tod!“ Der Engel, der mich führt, hob an zu trauern, indes den Himmel färbt des Abends Rot:...

Glaube und Alltag

ORDUNGEN DES SCHICKSALS
...es fand sich ...

Matthäusevangelium 1,18-25 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen. Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn...

Glaube und Alltag

die Freundlichkeit Gottes
Titus staunt …

„Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig!” Dieser Passus - heute als Predigttext aus dem Titusbrief uns empfohlen -  beginnt nicht mit einem Befehl oder mit einer kosmischen Machtdemonstration. Er beginnt mit der Behauptung, dass etwas erschienen sei. Was da erschienen sein soll sind „Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes”. Kein Richterstuhl, kein allsehendes Auge, keine Übermacht auf den Fersen menschlicher Defizite. Sondern etwas,...

Glaube und Alltag

HABE NUN ...
LEIDER AUCH THEOLOGIE?

Johannes Faust sitzt in seiner Studierstube als ein Mann, der viel zu lange unter einer zu niedrigen Zimmerdecke gelebt hat. Und Goethes Drama Faust I beginnt deshalb nicht mit der hochgepriesenen Tat, sondern mit dem Geständnis einer intellektuellen Erschöpfung.  „Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie studiert“– dieses LEIDER ist kein beiläufiger Seufzer, sondern eine tektonische Verschiebung. Es ist das Wort eines Menschen, der merkt, dass gerade das...

Glaube und Alltag

Sonntag
Heiligung

„Sonntag ist heute Hörst du’s Geläute Ruft dich zur Kirche hin Gott wohnet darin.“Vier Zeilen, kaum zum Aushalten. Und doch eine Welt. Ein Weltzustand. Eine theologische Selbstverständlichkeit, die heute schon beim lauten Lesen Anstoß erregt – und genau darin ihren ikonischen Rang gewinnt. Der Satz „Gott wohnet darin“ ist von einer geradezu archaischen Kühnheit. Er argumentiert nicht, er lädt nicht ein, er differenziert nicht. Er behauptet. Und diese Behauptung ruht auf einer Ordnung, die nicht...

Glaube und Alltag

GIBT „ES“
DAS WIRKLICH?

Wer gibt da eigentlich, wenn es heißt: „‚Es‘ gibt”? Denn wir sagen es dutzendfach am Tag, ohne innezuhalten: Es gibt einen Stuhl. Es gibt dieses Bild. Es gibt ein Problem. Diese Formulierung läuft so glatt über die Zunge, dass sie fast unsichtbar wird. Und doch steckt in ihr eine mittelgroße Sprengladung - eine philosophische. Denn wer genau ist dieses „Es”, das da gibt? Grammatisch betrachtet scheint alles harmlos zu sein. Das „Es” ist ein Platzhalter, ein formales Subjekt, eine Stütze der...

Aktuelles

alle Jahre wieder
WIDER DIE BESINNLICHKEIT

Philippica wider die Besinnlichkeit - ein Pamphlet Man muss es sagen und es endlich einmal aussprechen, bevor es einem die Kehle zuschnürt: Dieses Wort BESINNLICH, dieses schmierige, wattierte, sprachlich weichgekochte Wort BESINNLICH, das in den Mündern von emsigen Rednern, Kreisleitern, Sparkassendirektoren und sonstigen Leuten zur Adventszeit auftaucht wie ein schlecht gelüfteter Morgenmantel aus dem Vorjahr, dieses Wort ist nicht harmlos, es ist nicht freundlich, es ist nicht fromm – es ist...

Glaube und Alltag

Theorien
z.B. Weihnachten

Pseudoamygdalon (☨690 in Trapezunt) zur „Theorie des Weihnachtsfestes” Carissimi - ein Fest ist der besonderer Höhepunkt des allgemeinen Brauchtums. Mehr noch - das Fest ist die feierliche Übertreibung der Bräuche und ihrer Grundideen. Denn durch solche Übertreibungen erschafft sich im Fest inmitten der Welt ein besonderer Bezirk, aus dessen Rätsel wir unverwandt angeblickt werden. Im Fest und seiner wiederkehrenden Feier entsteht jene Situation, welche dann nicht nur Ausnahme bleibt, sondern...

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.