karmische verstrickungen
Was es alles gibt ...

Am Rande der Stadt, dort, wo der Asphalt in Schotter übergeht und die Fabrikschlote den Himmel verdunkelten, stand jeden Morgen Anna mit ihrer Milchkanne. Wenn sie die Kanne anhob, klapperte der Henkel metallisch. Die Kühe muhten Anna hinterher und vor ihr brummten schon die Maschinen, obwohl der Tag noch kaum begonnen hatte. Dieses Geräusch war der Atem von Annas Welt, gleichgültig und zuverlässig.

Anna hieß eben Anna. Aber die Alten im Dorf hatten auch einen anderen Namen für sie: Pelia. Niemand wusste, woher der kam. Vielleicht aus einer Geschichte, vielleicht aus einem Traum, vielleicht aus einer Zeit, in der Namen noch Schicksale auslösen konnten. Anna selbst dachte nie darüber nach. Sie hatte anderes im Kopf.

Man sagte, sie habe einen Sohn gehabt. Man sagte auch, sie habe nie einen gehabt. Beides stimmte. Sie hatte ihn gespürt, hatte ihm einen Namen gegeben, hatte mit ihm gesprochen, nachts, wenn die Fabrik endlich kurze Zeit schwieg. Und doch war er nie durch das Dorf gelaufen, hatte nie die Kühe erschreckt, nie in der Schule gesessen. Er war da gewesen – und war es nicht. Ein Leben, das sich ereignet hatte, ohne Zeit zu beanspruchen.

Anna wusste nicht, wann genau das alles begonnen hatte. Vielleicht in jener Nacht, als sie nicht schlafen konnte und der Wind den Geruch von Öl und Milch zu ihr trug. Vielleicht, als sie sich müde auf die Bank vor dem Haus setzte und auf einmal jemand neben ihr Platz nahm. Sie hatte nicht aufgesehen. Sie hatte nur gemerkt, dass ihre Müdigkeit geteilt wurde.

Dieser Fremde. Er sagte kaum etwas. Er war da. Mehr nicht. Und dieses Dasein war schwerer als jedes Wort. Später hätte man sagen können, es sei irgendein ein Gott gewesen. Oder der Weltgeist selber. Aber Anna dachte nicht mit solchen Worten. Sie spürte nur eine Nähe, die nichts verlangte und doch alles eröffnete.

In dieser Nähe wurde sie schwanger.

Nicht im gewöhnlichen Sinn allein. Sondern so, als hätte sich eine Möglichkeit in ihr eingenistet – eine andere Welt, ein anderer Ausgang. Für einen Augenblick war da etwas, das über die Fabrikschlote hinausging, über das Klappern der Kanne, über das müde Weiterleben. Eine offene Tür.

Anna – Pelia – trat nicht hindurch.

Sie war und blieb stolz auf ihre Armseligkeit. Nicht laut, nicht verbissen, aber konsequent. Sie hatte gelernt, wer sie war: eine Frau, die trägt, was ihr auferlegt ist. Eine, die nichts erwartet. Eine, die bleibt. Diese Identität ließ sie sich nicht nehmen. Auch nicht von Gott.

So riss sie den Knaben an sich. Oder genauer: Sie zog ihn aus seinen Möglichkeiten in ihre Notwendigkeit. Sie ließ ihn nur teilhaben an dem, was sie selber kannte: Mangel, Arbeit, Stille. Und damit verlor sie ihn. Oder gebar ihn. Oder beides zugleich.

Die Fabrik nahm täglich ihren Betrieb auf - und ihren Sohn. Der Sohn ging darin unter. Oder er kam nie an. Niemand konnte es sagen.

Eines Tages – der Fremde war längst verschwunden – entdeckten sie das Buch auf der Bank vor Annas Haus. Niemand wusste, woher es kam. Es roch nach Papier und etwas Unbestimmtem, das älter war als Papier. Anna nahm es hinein in das Haus. Sie schlug es auf, las ein paar Seiten, verzog das Gesicht und klappte es wieder zu.

„Geschwätz“, sagte sie. „Zu groß gedacht.“ Sie stellte das Buch ins Regal. Dort verstaubte es.

Nach ihrem Tod fand es jemand. Ein Lehrer war es wohl. Oder ein Schauspieler. Ein Dichter. Sie lasen es anders als Anna es gelesen hätte, wenn sie es gelesen hätte. Sie sahen nicht Belehrung, sondern Bewegung. Sie erkannten darin den Zusammenhang, den man nicht aushält, wenn man ihn direkt anschaut.

Sie machten Theater daraus. Lieder. Geschichten.

Und die Menschen kamen. Sie saßen in den Reihen, hörten von Pelia, von Anna, vom verlorenen Sohn, vom Gott, der sich in die Welt verstrickte, um sich selbst zu erkennen. Sie lachten an Stellen, wo sie nicht wussten warum. Sie weinten, ohne Trost zu finden. Sie standen auf, schüttelten den Kopf, gingen hinaus.

Viele gingen danach in die Wirtshäuser. Sie tranken, redeten wenig, nahmen die Bilder mit. Die ließen sich nicht abschütteln. Am nächsten Morgen standen sie wieder in den Fabriken. Die Maschinen brummten. Das Metall glühte. Und sie hielten es aus.

Nachts träumten sie. Von Milch und Blut. Von Büchern. Von einem Kind, das da war und nicht da war. Und am Morgen, wenn sie mutig waren, erzählten sie davon.

So setzte sich das fort.

Und das ist die Geschichte der karmischen Verstrickung Gottes mit sich selbst. Nicht als Lehre. Sondern als Last, die von beiden Seiten getragen werden darf und muss. Und als Kraft, die niemandem gehört – und doch alle am Leben hält."

Autor:

Matthias Schollmeyer

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