Das Stundengebet
Warten auf Nichts …

Es gehört zu den stillen Paradoxien der Gegenwart, dass der Mensch sich unablässig anregt und dabei innerlich ermüdet. Nie war der Zugang zu Reizen so leicht, nie der Weg zur Sammlung so schwer. Was heute unter dem technischen Schlagwort eines „Dopamin-Toxings“ kursiert, beschreibt in Wahrheit eine alte Erfahrung: Der Mensch verliert seine Mitte, wenn das Warten, die Verzögerung, die Stille aus seinem Leben verschwinden.

Das Stundengebet steht quer zu dieser Dynamik. Es ist keine Technik zur Selbstregulation, kein frommes Wellnessprogramm, sondern eine Schule der Entwöhnung. Es entzieht dem Menschen das, was ihn permanent antreibt: das Neue, das Überraschende, das Belohnende. Es konfrontiert ihn mit dem Immergleichen – und gerade darin mit dem Wirklichen.

Denn Dopamin, dieses viel zitierte Hormon der Erwartung, lebt vom Noch-Nicht, vom Versprechen des nächsten Reizes. Das Stundengebet hingegen kennt kein „Nächstes“ im Sinne des Konsums. Die Psalmen wechseln, aber sie drängen nicht. Die Lesungen wiederholen sich im Jahreskreis. Die Uhrzeiten kommen verlässlich, unabhängig von Stimmung, Erfolg oder Ertrag. Wer sich ihnen unterstellt, verzichtet auf die Illusion, innerlich ständig stimuliert werden zu müssen.

Hier liegt die geistliche Pointe: Das Stundengebet belohnt nicht. Es antwortet nicht sofort. Es bestätigt nicht. Es ist in dieser Hinsicht asketisch – nicht hart, aber unerbittlich ruhig. Gerade deshalb wirkt es entgiftend. Es senkt nicht chemisch das Dopamin, sondern entzieht ihm die Herrschaft. Erwartung wird verwandelt in Verlässlichkeit, Spannung in Dauer, Erregung in Gegenwart.

In der Sprache der Theologie könnte man sagen: Das Stundengebet ordnet die Zeit dem Sein unter. Es fragt nicht: Was bringt mir dieser Moment? sondern: Was trägt ihn? Wer morgens sich in der Stille sammelt, von der Stille finden lässt - also wer betet - bevor der Tag etwas von ihm verlangt hat, erfährt diese Verschiebung besonders deutlich. Der Mensch tritt nicht als Produzent seiner Bedeutung auf, sondern als Empfangender. Das ist kein Verlust, sondern eine Befreiung.

Besonders radikal ist die Wirkung dort, wo das Gebet trocken wird. Wo psychisch kein innerer Widerhall entsteht, kein Gefühl von Ergriffenheit. In der Logik der Reizgesellschaft wäre das ein Scheitern. In der Logik des Glaubens aber ist es der entscheidende Punkt. Denn hier lernt der Mensch, bei Gott zu bleiben, ohne innerlich durch Effekte „bezahlt“ zu werden. Das ist die eigentliche Entwöhnung: das Aushalten einer Beziehung ohne unmittelbare Belohnung.

Man könnte sagen: Das Stundengebet trainiert eine andere Form von Aufmerksamkeit. Keine jagende, suchende, sondern eine ruhende. Keine, die fragt, was als Nächstes kommt, sondern eine, die sich dem Anwesenden überlässt. In dieser Aufmerksamkeit wird der Mensch wieder fähig zu Tiefe – nicht als Erlebnis, sondern als Haltung.

So ist das Stundengebet ein stiller Widerstand gegen die Zerstreuung der Seele. Es stellt die Zeit nicht unter den Diktat der Reize, sondern unter das Maß der Treue. Und es führt den Menschen – unmerklich, aber nachhaltig – aus der Abhängigkeit vom inneren Kick zurück in jene Freiheit, die entsteht, wenn man nicht mehr ständig getrieben sein muss.

Das Stundengebet reinigt nicht, indem es entfernt, sondern indem es bindet: an Zeiten, an Worte, an einen Sinn, der nicht verfügbar ist. Darin liegt seine eigentliche Heilkraft – und seine stille Zumutung. Dopamin-Detoxing …

Autor:

Matthias Schollmeyer

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