ob Jesus gelacht habe ...
Henry Bergson und die Lebensphilosophie

War die sogenannte Lebensphilosophie der Versuch, dem Denken zu entkommen, indem man das eigene Leben wieder einholt? Das obige Foto des französischen Philosophen Henri Bergson, ernst, gesammelt, beinahe asketisch, wirkt wie ein stiller Kommentar zu dieser Frage, was die sogenannte Lebensphilosophie eigentlich gewesen sein wollte. Da schaut ein Mann an uns vorbei, der wie kaum ein anderer vom Leben gesprochen hat – von ihrer Zeit als Dauer (durée) eines Strömens, von schöpferischer Bewegung, vom élan vital – und doch scheint alles an ihm auf Konzentration, Zurückhaltung, geistige Disziplin gestellt gewesen zu sein. Und das Bild verrät bereits jene Spannung, die der Lebensphilosophie eingeschrieben ist: Sie weiß um das Leben, aber sie steht ihm nicht einfach zur Verfügung. Sie denkt es eben erst einmal nur …

Die Lebensphilosophie, wie sie um 1900 bis in die 1920er-Jahre hinein Gestalt gewinnt, ist der Einspruch gegen die damals beginnende intellektuelle Verarmung der Moderne. Sie richtet sich gegen einen Rationalismus, der das Lebendige nur noch als Objekt behandelt, gegen eine Wissenschaft, die erklärt, ohne zu verstehen. Namen wie Wilhelm Dilthey, Georg Simmel, Max Scheler, Ludwig Klages und vor allem Henri Bergson markieren unterschiedliche Akzente eines gemeinsamen Unbehagens. Dieses Unbehagen subsummiert sich unter der Forderung: Leben ist mehr als Denken, mehr als Geist, mehr als Begriff. Und das gilt es jetzt neu zu denken.

Bergson bringt das Unbehagen zur präzisesten Form. Mit seiner Lehre von der durée, der gelebten Zeit, und dem élan vital beschreibt er das Leben als schöpferischen Vollzug, der sich nicht aus Mechanik oder Zweckmäßigkeit ableiten lässt. Leben ist mehr Erfindung als Wiederholung. Der Intellekt hingegen fixiert, friert ein, macht aus Bewegung Struktur. Bergsons Denken ist der Versuch, den Intellekt an seine Grenze zu führen, ohne ihn preiszugeben. Und doch bleibt auch dieser Mann – wie sein Foto zeigt – im Medium und Bann des Geistes.

Die Lebensphilosophie r e d e t über das Leben, aber sie l e b t es nicht. Sie erkennt, dass Leben nicht Denken ist, und fängt es im selben Moment wieder im Denken ein. Genau darin liegt der Weg in die Falle. Das Leben wird befreit – und sofort neu beschrieben, neu begriffen, neu geistig verwaltet. Ludwig Klages hat diesen Vorgang radikalisiert und zugespitzt: Für ihn wird der Geist zum Widersacher der Seele. Geist sei das Prinzip der Abtrennung, der Instrumentalisierung, der Entlebendigung. Seele hingegen wäre Rhythmus, Leiblichkeit, Eingebundensein.

Aus dieser Spannung heraus erklärt sich, warum die Lebensphilosophie auch nicht im Seminarraum geblieben ist. Sie erzeugte einen mächtigen Drang nach Ausbruch. Wenn das Leben sich im Denken nicht einholen lässt, dann muss man es gehen, laufen, tanzen, singen (lassen). Die Wandervogelbewegung etwa ist ein solches Ausbruchsphänomen: junge Menschen verlassen Schule, Stadt, Familie, ziehen hinaus, schlafen unter freiem Himmel, suchen Gemeinschaft jenseits bürgerlicher Formen. Das ist keine naive Naturromantik gewesen, sondern ein leiblicher Protest gegen eine Zivilisation, die das Leben organisiert hatte, bis es in Konventionen verschwandt.

Ähnlich auch die Körper- und Turnbewegungen, Ausdruckstanz, Freikörperkultur. Der Körper sollte dabei nicht optimiert werden, sondern wurde zurückgefordert. Er sollte nicht Objekt der Disziplin sein, sondern Ort der Wahrheit. Wahrheit wird gespürt, nicht bewiesen. Auch die Sexualreformbewegungen und neue Vorstellungen von Familie und Geschlechterrollen gehören in diesen Zusammenhang. Sie alle folgen derselben Intuition: Normen müssen sich am Leben messen lassen, nicht umgekehrt.

In dasselbe Feld gehören auch neureligiöse Bewegungen dieser Zeit – allen voran Rudolf Steiner. Steiners Anthroposophie ist der wohl ambitionierteste Versuch, aus der geistigen Falle auszubrechen. Pädagogik, Landwirtschaft, Medizin, Religion – alles soll wieder in Lebenszusammenhänge eingebettet werden. Rhythmus, Wiederholung, Jahreszeiten, Leiblichkeit: Das Leben soll nicht gedacht, sondern gestaltet werden. Und doch zeigt sich hier - wie oben schon bemerkt - die Paradoxie. Der Ausbruch erzeugt neue Systeme, neue Lehren, neue Deutungshoheiten. Das Leben wird gerettet – und erneut eingefangen.

Vielleicht ist das aber die unaufhebbare Tragik aller Erneuerungsbewegungen, und somit auch von dem, was man Lebensphilosophie genannt hat. Man erkennt etwas Unhintergehbares: Leben ist mehr als Geist. Aber man kann es nur sagen, nicht vollziehen. Sobald man nur davon spricht, verfehlt man, was eigentlich gemeint sein soll. Und doch wäre ohne die Lebensphilosophie des Henry Bergson vieles sprachlos geblieben. Die Wandernden hätten keine Begriffe gehabt, die Tanzenden keine Theorie, die Reformierenden keinen Horizont. Also steht Bergson auf seinem Foto als emblematische Figur vor uns. Ein Denker des Lebens, der weiß, dass sein Denken das, was es denken will, verfehlt. Lebensphilosophie ist das Nachdenken über ein Lebens, das woanders unterwegs sein soll. Sie ist nicht der Ursprung der Bewegung, sondern ihr Echo. Und ihre eigentliche Würde besteht darin, dem tatsächlichen Leben nicht ganz so massiv im Wege gestanden zu haben, wie woanders zu beobachten ist.  

Bergson verdanken wir einen langen Essay über das Lachen und die Komik. Und an dieser Stelle berührt sein Denken das wirkliche Leben nachhaltig. Wir erinnern uns natürlich sofort an Umberto Ecos Buch DER NAME DER ROSE. Dort wird leidenschaftlich die Frage diskutiert, ob Jesus gelacht habe oder ob nicht. Die Meinungen gehen auseinander. Am überzeugendsten scheint jene Antwort zu sein, die unterstellt, dass Jesus viel gelacht haben müsse. Denn es wird in der Heiligen Schrift nichts davon berichtet, weil es vollkommen klar war und alle es wussten. Deshalb konnte die Bibel davon schweigen ...

Autor:

Matthias Schollmeyer

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