Hoffmanns Erzählungen
JESUSKURVE
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Am Anfang muss etwas vorangestellt werden. Warum? Weil erstaunlich viele, die hier weiterlesen oder zuhören, die Geschichte noch gar nicht kennen. Am Anfang steht eine Kneipe. Ort des Rauschtranks. Keine Kathedrale, kein Hörsaal, kein Olymp. Eine Kneipe. Dort sitzt Hoffmann, Dichter, Trinker, Liebender auf Widerruf. Er wartet auf Stella, eine Sängerin. Während diese auf der Bühne Donna Annas Part in Mozarts Don Giovanni singt, erzählt Hoffmann seinen Freunden – angeheitert, aufgekratzt und völlig enthemmt – drei Liebesgeschichten. Nicht nur eigene sind es, nicht nur persönlichen Erinnerungen, sondern seelische Protokolle aus der Chronik des Allzumenschlichen.
Erstens: Olympia, die perfekte Frau. Makellos, funktionsfähig, brillant. Leider aber nur eine Maschine. Hoffmann hat eine technische Brille auf und kann dadurch seine Projektionen in die Maschine lieben, verstärkt eben durch diese Brille, die ihm die Welt falsch scharf stellt. Es ist des fatalen Wetterglashändlers Coppélius’ optische Brille - aber als die Mechanik dann allerdings sichtbar wird, zerbricht nicht nur Olympia, sondern auch die Hoffnung, Perfektion sei eine bewohnbare Landschaft, in der sich leben lässt.
Zweite Geschichte: Antonia - die eine Sängerin sein will (ähnlich wie Stella) ist zwar begabt und empfindsam bis zum Anschlag - aber sehr, sehr krank. Sie darf eigentlich gar nicht öffentlich singen, das brächte ihr den sicheren Tod. Ihre Kunst ist ein absolutes Risiko. Ihr Arzt jedoch – halb Dämon, halb Rationalist – treibt sie zum Gesang, und dieser Gesang kostet Antonia das Leben. Hier also stirbt die Liebe an der Überidentifikation mit dem Innersten - tragisch, aber wahr.
Und drittens? Giulietta aus Venedig, Spiegel ungehemmter Lust. Giulietta nimmt allen Liebhabern (die zahlreich sind, das war bekannt) ihre Spiegelbilder fort – was für ein großartiges Bild: Wer sich restlos in der Begierde verliert, verliert die Fähigkeit, sich selbst anzuschauen. Am Ende bleibt auch Hoffmann ohne Bild, ohne Gegenüber, ohne Illusion.
Nun rasch zurück in die Kneipe! O weh … Stella geht mit einem anderen fort. Hoffmann bleibt zurück. Aber er hat noch seine Muse. Und die sagt: Nur aus dem Scheitern wird Dichtung. Nicklausse heißt die Muse Hoffmanns. Sie rettet Hoffmann nicht durch Erhebung, sondern durch Sabotage seiner Illusionen. Sie schenkte ihm die drei Erzählungen, die Offenbach zur Oper verdichtet - und die zwischen den Jahren gern gehört wird. Nicklausse - Mann oder Weib, das ist nicht klar - fungiert als Überlebensinstanz. Diese Figur liebt nicht. Aber sie bewahrt. Soweit die Handlung der Oper „Hoffmanns Erzählungen” von Jacques Offenbach.
Nun zur Zumutung. Was hier verhandelt wird, ist keine Liebestragödie, sondern ein Trainingsprogramm zur kühlen Überwindung des in die Irre führenden Begehrens. Hoffmann durchläuft drei anthropologische Fehlformen, drei Übertreibungen des Menschlichen: Die technische Illusion in Gestalt der Olympia, die tödliche Innerlichkeit von Antonia und die entgrenzte Sinnlichkeit mit Giulietta. Wir werden innerhalb des hier empfohlenen erheiternden Musikstückleins durch drei Übungsräume misslungener Selbst-Verhältnisse geschleust - um uns am Ende ein Stückchen erlöster aus den Sesseln des Theaters zu erheben. Olympia stellt den Menschen dar, der glaubt, das Glück ließe sich technisch herstellen. Antonia zeigt jenen Menschen, welcher sich mit seiner Innerlichkeit vollkommen überlädt. Giulietta weist auf diejenigen hin, welche meinen, Intensität sei schon Wahrheit. Alle drei Spielarten führen in eine Art persönlichen Untergang. Aber was heißt hier Untergang. Am Ende wird ja alles gut, denn die Erkenntnis naht. Davon gleich mehr.
Alle drei Frauen sind natürlich keine Individuen - und an dieser Stelle höre ich bereits den Widerspruch der Frau Dörthe Brandt. Sie sind Exerzierfiguren des trügerischen Begehrens nach dem, was Illusion ist und bleiben wird und auch sein darf. Hoffmann liebt ja nie eine der drei Personen wirklich (wie sollte das auch gehen?) – er liebt stets nur sich selbst in einer jeweils ganz bestimmten Verzerrung. Und genau deshalb muss jede dieser drei Lieben scheitern. Nicht moralisch. Sondern anthropologisch. Ob es anders geht - und je anders ging - das ist eine Frage, die hier nicht verhandelbar sein kann.
Diese Oper ist also grausam ehrlich: Der Typ des Künstlers entsteht nicht aus erfüllter Liebe, sondern aus überlebtem weil erkanntem Irrtum. Erst wer den falschen Absolutheiten entkommt, gewinnt eine eigene Sprache, die ihm dann selber auch weiterhilft. Die Muse tritt nicht dort auf, wo alles gelingt, sondern dort, wo der Mensch seine Selbsttäuschungen verloren hat - und davon berichtet.
Und jetzt – besonders für alle die, die sich fragen, was hat diese fatale Oper auf einer Seite zu suchen, die sich Glaube & Heimat nennt - kommt der Predigtschluss mit Jesuskurve. Wir leben in einer Zeit, die Olympias baut, Antonias überfordert und Giuliettas vergöttert. Perfektion hier, Innerlichkeitskult dort, Dauererregung überall. Und wir wundern uns, dass Menschen sich selbst verlieren? Wir müssen uns gar nicht wundern, wenn wir Offenbachs Oper (hinter der die Tiefsinnigkeit keines anderen als E.T.A. Hoffmanns steckt) verstanden haben. Vielleicht ist Hoffmanns Lektion diese: Glaube nicht jeder Liebe, die dich ganz haben will. Misstraue jedem Glück, das ohne Bruch versprochen wird. Und halte es aus, dass Wahrheit dort beginnt, wo dir etwas genommen wurde. „Siehe - ich mache alles neu!” So lautet die Jahreslosung für das neu angebrochene 2026.
Denn vielleicht – und das ist keine Vertröstung, sondern eine nüchterne Hoffnung – entsteht genau dort, wo du nichts behalten konntest, eine Sprache, die trägt und nicht trügt - und zur Verständigung mit dir selbst führt.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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