SAKRAMENT
DIE TAUFE JESU
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Was die Kirche feiert, ist niemals bloß Erinnerung, niemals bloß fromme Gewohnheit. Die Kirche feiert die Wirklichkeit des Sakraments. Sie drängt sich der Welt nicht auf, aber trägt sie von innen her. Wer die biblischen Evangelien aufmerksam liest, erkennt rasch folgende Besonderheit: Alle vier führen ihre Erzählung auf einen besonderen Höhepunkt hin. Gemeint ist Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Im Zusammenhang mit diesen vier Passionsgeschichten findet auch die Einsetzung der Eucharistie ihren literarischen und theologischen Ort. Die Stiftung dieser Mahlfeier ist kein nachträglich erfundenes Ritual, sondern gehört wesenhaft zur Geschichte der Selbsthingabe Christi dazu, mit der er die Welt und seine eigenen Biographie an genau dieser besonderen Stelle wirksam verknüpft.
Bemerkenswert ist, dass sich eine ähnliche Konzentration auch bei jenem anderen großen Sakrament findet, das die reformatorische Tradition bewahren wollte. Und dies zu Recht. Die Taufe. Auch sie begegnet uns bei den meisten Evangelisten. Am Jordan tritt Jesus selbst in den Strom der Geschichte ein, als er sich von Johannes, dem Täufer, taufen lässt. Er bedarf dieser Taufe selber wohl nicht – und doch begehrt er dieselbe. Denn Gott heiligt die Welt nicht nur von ferne und aus unzugänglicher Distanz, sondern indem er sich in die Tiefe ihrer realen Gewässer hinab begibt.
Die Kirchengeschichte hat im Laufe ihrer bisher zwei Jahrtausende eine Vielfalt sakramentaler Vollzüge ausgebildet. Und so kennt man inzwischen sieben, eigentlich sogar acht Sakramente. Hier eine Aufzählung:
- Taufe,
- Eucharistie
- Beichte
- Weihe
- Ehe
- Firmung
- Krankensalbung
- das "Hören des Wortes Gottes" (in der altkatholischen Tradition). Die relativ neue "Erfindung" dieses achten Sakraments ist besonders genial.
Die Reformatoren indes haben im 16. Jahrhundert ganz bewusst und zugleich recht erbarmungslos eine folgenschwere Reduktion vorgenommen. Solches nicht wegen innerer Verarmung, sondern ihres stark ausgeprägten Willens zur Konzentration wegen. Übrig blieben den Vätern von Wittenberg und Genf zum Schluss nur jene zwei sakramentalen Vollzüge, die Christus selber empfangen und deshalb auch weiter empfohlen hatte: Taufe und Abendmahl. Die Zweizahl stellt also kein Mangel dar, sondern ist Ausdruck einer radikalen - für manche sogar schmerzhaft und zu bedauernden - theologischen Nüchternheit.
Was ein Sakrament im strengen Sinn denkerisch verantworteter Kirchenlehre eigentlich sei, und wie das Sakrament sich von den Sakramentalien und heiligen Dingen überhaupt unterschiede, das ist in der Dogmengeschichte intensiv diskutiert worden. Aber sogar so bedeutende Theologen wie Karl Rahner und Eberhard Jüngel sind hier in einem gemeinsamen Gespräch nicht zu einer sie selber letztlich befriedigenden Einigung gelangt. Das jedoch ist kein Versagen, sondern eher ein Hinweis darauf, dass das Sakrament sich der vollständigen begrifflichen Einhegung entzieht, ähnlich wie Elementarteilchen beim Beobachten einer gewissen Unschärfe unterworfen sind. Das Sakrament bleibt Zeichen UND Wirklichkeit zugleich, Sichtbares und Unsichtbares in unaufhebbarer Einheit - zugleich aber unvermischt getrennt.
Was bleibt? Es bleibt die schlichte, große Wahrheit: Die Welt ist geadelt durch die Taufe, die ein Mensch nur ein einziges Mal in seinem Leben empfangen kann. Und die Welt wird zugleich geheiligt durch das wiederholte Mahl mit den beiden Elementen Brot und Wein, in denen Christus Gemeinschaft mit sich selbst stiftet und dieselbe durch das Wort und den Glauben gegenwärtig macht. Beides übersteigt das, was vom Auge gesehen und vom Verstand berechnet werden kann. Am Beginn der Woche in der gottesdienstlichen Feier öffnen sich die beiden Welten füreinander - das Profane macht sich durchlässig für das Heilige und dieses kehrt für eine gewisse Dauer in die Welt heim. Die Welt gilt dadurch gewissermaßen als geheiligt - und darin liegt der eigentliche Sinn und die Kraft des Sakraments. Am kommenden ersten Epiphaniassonntag wird in diesem Sinne von der Taufe Jesu die Rede sein. Herzlich willkommen ...
Autor:Matthias Schollmeyer |
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