PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Michel de Montaigne

Michel de Montaigne (Wikipedia)

Michel de Montaigne (1533–1592) gehört zu den frühen Gestalten eines Denkens, das den Menschen nicht mehr von metaphysischen Systemen her, sondern von seiner eigenen Endlichkeit aus betrachtet. Als Jurist, Staatsmann und Privatgelehrter zog er sich später aus dem öffentlichen Leben zurück, um in seinen Essays eine neue Form philosophischer Selbstprüfung zu entwickeln. Nicht Belehrung, sondern Klärung war sein Ziel: die nüchterne, unbestechliche Betrachtung dessen, was es heißt, als Mensch zu leben – und zu sterben.
Die Frage nach Leben und Tod gehört zu jenen Grundfragen des Menschseins, die sich nicht erledigen lassen, indem man sie vertagt. Sie kehren wieder – nicht nur an den Grenzen des Daseins, sondern mitten im Alltag, dort, wo der Mensch sich seiner selbst vergewissern will. Michel de Montaigne hat in einem schlichten, beinahe nüchternen Satz eine Einsicht formuliert, die bis heute nichts von ihrer Schärfe verloren hat: 

Es ist eine gleiche Torheit, darüber zu klagen, dass wir in hundert Jahren nicht mehr leben werden, wie darüber, dass wir vor hundert Jahren noch nicht lebten.

Was hier zunächst wie stoische Gelassenheit erscheint, berührt bei näherem Hinsehen eine tiefere Wahrheit über das Verhältnis von Zeit und Person. Der Mensch ist nicht der Ursprung der Zeit. Er tritt in sie ein – und er tritt aus ihr hinaus. Beides entzieht sich seiner Verfügung. Die Geburt ist nicht sein Werk, und der Tod ist nicht seine Entscheidung. Zwischen diesen beiden Polen entfaltet sich ein Dasein, das wesentlich empfangen ist.

Gerade diese Empfangsstruktur des Lebens ist es, die der moderne Mensch nur schwer erträgt. Er verstünde sich lieber gern als Autor seiner selbst, als Projekt, das geplant, optimiert und verlängert werden kann. Der Tod erscheint in diesem Horizont nicht mehr als Grenze, sondern als Störung. Man versucht, ihn zu verschieben, zu neutralisieren, zu entdramatisieren – und übersieht dabei, dass man ihm damit erst seine eigentliche Macht verleiht.

Montaigne geht einen anderen Weg. Er nimmt den Tod nicht als Feind in den Blick, sondern als Maß. Wer den Tod bedenkt, lernt, das Leben nicht zu überschätzen. Nicht im Sinne einer Geringschätzung, sondern im Sinne einer Befreiung von falschen Ansprüchen. Das Leben ist kein Besitz, den man verteidigen müsste, sondern eine Gabe, die man verantwortet.

Hier berührt Montaigne eine Einsicht, die der christlichen Theologie nicht fremd ist. Auch der Glaube weiß, dass das Leben nicht aus sich selbst heraus Bestand hat. „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ – diese paulinische Frage unterbricht jede Illusion der Selbstgenügsamkeit. Der Mensch lebt, weil ihm Leben zugesprochen ist. Und er stirbt, weil dieses Zusprechen nicht in der Zeit, sondern über sie hinaus gilt. Der Tod ist daher nicht einfach das Gegenteil des Lebens. Er ist auch nicht bloß dessen Ende. Er ist die Grenze, an der sich zeigt, worauf ein Leben gegründet war. Wer sein Dasein ausschließlich aus der Zeit her verstanden hat, erlebt den Tod als Verlust alles Sinns. Wer aber gelernt hat, sein Leben als Antwort zu begreifen, dem wird der Tod nicht zur Katastrophe, sondern zur Vollendung der Fraglichkeit.

In diesem Sinne ist die Klage über die eigene Vergänglichkeit tatsächlich unerquicklich. Sie setzt voraus, dass der Mensch einen Anspruch auf Dauer hätte. Einen solchen Anspruch kennt weder die Philosophie noch der Glaube. Was beide kennen, ist eine Verheißung – und diese Verheißung hebt die Zeit nicht auf, sondern durchdringt sie, ohne dass damit bewiesen wäre, dass die Verheißung sich erfülle …

Trotzdem ist es kein Fortschritt, den Tod deshalb aus dem Denken zu verbannen. Eine Kultur, die den Tod nicht mehr bedenken kann, verliert auch den Maßstab für das Leben. Sie verabsolutiert das Vorläufige und überfordert das Irdische mit Erwartungen, die es nicht erfüllen kann. Das Ergebnis ist nicht Lebensfreude, sondern Angst – eine Angst, die sich hinter Aktivität und Ablenkung verbirgt. Die Betrachtung von Leben und Tod ist daher keine Übung in Schwermut, sondern eine Schule der Wahrheit. Sie lehrt den Menschen, sich selbst in die rechte Ordnung zu stellen: nicht als Zentrum des Ganzen, sondern als Angesprochenen. Wer diese Ordnung annimmt, gewinnt eine neue Freiheit – die Freiheit, das Leben ernst zu nehmen, ohne es festhalten zu wollen.

Vielleicht liegt hier die tiefste Übereinstimmung zwischen Montaignes Weisheit und christlichem Denken: Beide wissen, dass der Mensch sich nicht dadurch rettet, dass er bleibt, sondern dadurch, dass er sich anvertrauen kann. Das Leben ist nicht dadurch sinnvoll, dass es andauert, sondern dadurch, dass es in Wahrheit gelebt wird.

Und so ist es keine Torheit, zu sterben. Torheit wäre, so zu leben, als müsse man es nicht …

Autor:

Matthias Schollmeyer

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

34 folgen diesem Profil

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.