TURM UND ZEIT
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Die Zeit hängt. An den Kirchtürmen. Nicht zufällig. Man sieht sie dort, groß, rund, autoritativ: Zifferblatt, Zeiger, Takt. Die Uhr ist zum Gesicht der Kirchen geworden, und richtete das Antlitz des Menschen für eine gewisse Zeit wieder nach oben in Richtung Himmel. Und genau darin liegt ein leiser, aber folgenreicher Verrat.
Zeit war einmal etwas anderes. Sie floss. Sie kam und ging. Sie wurde erfahren, nicht gemessen. Der Tag begann mit dem Licht, endete mit der Dunkelheit. Der Mond wuchs und nahm ab, die Sterne zogen ihre stillen Bahnen, die Jahreszeiten schoben sich ineinander wie Atemzüge. Sanduhren und Wasseruhren waren Hilfsmittel, keine Herren. Sie erinnerten an Vergänglichkeit, nicht an Kontrolle. Besonders schön ist das beschrieben bei Ernst Jünger in seinem Buch Das Sanduhrbuch: Zeit erscheint dort als Substanz, als etwas, das rinnt, nicht als etwas, das zerhackt wird.
Mit der mechanischen Uhr ändert sich alles. Zeit wird zerteilt. Minuten, Sekunden, Takte. Das Fließen wird ersetzt durch Aneinanderreihung. Bewegung wird simuliert durch Sprünge. Die Uhr verspricht Ordnung, aber sie erzeugt Zwang. Und spätestens mit der Eisenbahn wird aus dieser Ordnung ein Regime. Fahrpläne dulden keine Ortszeit mehr, keine Sonne, keinen Mittag, der ein wenig später kommt als anderswo. Zeit muss überall gleich sein – nicht weil sie es ist, sondern weil die Technik es verlangt.
Hier tritt die Kirche auf den Plan. Nicht als Widerstand, sondern als Komplizin. Die Kirchtürme sind hoch, sichtbar, dominant. Also montiert man die Uhren dort. Praktisch, sagt man. Orientierung, sagt man. Doch faktisch übernimmt die Kirche damit das Zeitverständnis der Moderne. Sie, die von Ewigkeit spricht, von Kairos, von erfüllter Zeit, von einer Zeit, die sich öffnet und nicht antreibt, verkündet nun selbst die Normalzeit. Eisenbahnzeit. Fahrplanzeit.
Das ist mehr als ein ästhetisches Detail. Es ist eine theologische Kapitulation. Die Kirche leiht der technischen Zeit ihr Symbolkapital: Höhe, Sichtbarkeit, Autorität. Im Gegenzug erhält sie eine merkwürdige Ersatzmacht. Während ihre Texte an Plausibilität verlieren, während der Gottesgedanke unter Rechtfertigungsdruck gerät, bleibt sie präsent als Zeitgeberin. Nicht mehr Hüterin der Ewigkeit, sondern Mitherrscherin über den Takt des Alltags. Eine Macht ohne Tiefe, aber mit Zeigern.
Heute ist auch diese Macht erloschen. Niemand braucht mehr den Kirchturm, um die Zeit zu wissen. Das Handy summt, leuchtet, korrigiert sich selbst. Zeit ist privat geworden, individualisiert, permanent verfügbar. Die Turmuhr ist dekorativ, nostalgisch, funktionslos. Ihr Zweck ist verschwunden, ihre Bedeutung erst recht.
Darum wäre der folgende Gedanke konsequent, ja reinigend: Die Uhren müssten eigentlich weg. Alle. Mit Ausnahmen natürlich. Die schönen und die astronomischen Uhren dürfen bleiben – weil sie nicht zertakten, sondern das Ganze zeigend zelebrieren. Weil sie nicht antreiben, sondern verorten. Weil sie dem Menschen seine Existenz wieder an das Firmament in ein kosmisches Maß stellen: Sonne, Mond, Sterne, Umläufe, Wiederkehr. Sie erinnern daran, dass Zeit anders ist, als wir glauben, sie verstehen zu müssen.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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