PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Wilhelm von Conches
- Wilhelm von Conches
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Wilhelm von Conches ist einer jener Denker des 12. Jahrhunderts, die wichtige Umschlagbahnhöfe im Nervenzentrum der Kirchengeschichte bilden - sofern diese immer auch Haupt-Movens der abendländischen Geistesgeschichte gewesen ist. Normanne, Domschüler von Chartres, Naturphilosoph, Kommentator Platons – ein Mann, der an der Schwelle der Hochscholastik steht, die christliche Antike zusammen fasst - und genau darin eine produktive Spannung induzierte.
Wilhelm denkt in erster Linie nicht fromm, sondern neugierig. Er fragt nicht zuerst, was geglaubt werden darf, sondern was gedanklich berücksichtigt werden muss, wenn man den Schöpfer nicht durch schlechtes Denken beleidigen will. Seine berühmten „elf Fragen“ sind keine fromme Katechese, sondern ein intellektuelles Fitnessprogramm: Sein, Größe, Beziehung, Qualität, Tätigkeit, Passivität, Ort, Zeit, Besitz. Elf Fragen werden an jeglichen Gegenstand gestellt:
- ob er sei,
- was er sei,
- wie groß er sei,
- worauf bezogen er sei,
- wie beschaffen er sei,
- was er tue,
- was ihm angetan werde,
- wo er sei,
- auf welche Weise er ortsgebunden sei,
- wann er sei,
- was er besitze.
Das ist kein theologischer Fragebogen, sondern eine ontologische Grundinventur. Kirche, so zeigt Wilhelm implizit, braucht Denkdisziplin, sonst wird sie ungenau-schlampig.
Wilhelm ist eine Art Frühtrainer der kirchlichen Denkathletik. Er immunisiert den Glauben gegen dumpfe Weltverachtung, indem er ihn zwingt, sich zur Welt denkerisch ins Verhältnis zu setzen. Natur ist für ihn kein theologischer Fremdkörper, sondern der erste Text, den Gott geschrieben hat – lesbar, strukturierbar, rational. Wer diese Grammatik ignoriert, redet bald Unsinn über Gott.
Dass Wilhelm dabei aneckte, ist logisch: Er unterläuft die gemütliche Vorstellung, Theologie sei eine sakrale Komfortzone. Er betreibt intellektuelle Askese. Denken wird zur Form geistlicher Hygiene. Seine Philosophie ist kein Ersatz für Offenbarung, sondern deren Resonanzraum. Man glaubt besser, wenn man klarer denkt.
Wilhelm von Conches hat der Kirche beigebracht, dass Intelligenz kein Risiko für den Glauben ist, sondern seine elementare Belüftung – ohne sie erstickt die beste Frömmigkeit
Autor:Matthias Schollmeyer |
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