1926 - 2026
Theodor Lessing

Er hieß Theodor Lessing. Eine gewisse Schonfrist, die jedem von uns am Anfang des Lebens eigentlich zusteht, ist ihm schon von Geburt an verweigert gewesen. So schreibt er sinngemäß über sich selbst. Andere schritten wohl durch die Jahrzehnte ihrer Lebenszeit wie durch einen zwar schlecht beleuchteten Bahnhof, aber immer noch hoffend und  mit dem Gefühl wartend - es werde schon bald irgendein Zug kommen. Theodor Lessing jedoch blieb auf dem Bahnsteig stehen, während das Dach über der Halle bereits brannte. Und schrieb auf, wie das Feuer sich ausbreitete. Nicht, um zu retten – sondern um festzuhalten, was geschah.

Lessing lehrte an der Technischen Hochschule Hannover als Privatdozent für Philosophie. Vor hundert Jahren, also 1926, als man in Hannover noch glauben wollte, die Universität sei ein Ort der Bildung und aristokratischen Ordnung regten sich unter den Studenten neue Töne. Nationalistisch-völkische Stimmen wurden laut, nicht einzeln, sondern im Chor, und sie richteten sich gegen Lessing, der nichts weiter getan hatte, als die Mythen seiner Zeit beim Namen zu nennen, besonders jenen um Hindenburg, der bereits damals mehr verehrt als verstanden wurde. Nahezu tausend Studenten drohten, die Hörsäle zu verlassen, sollte Theodor Lessing bleiben. Das preußische Kultusministerium "einigte" sich mit Lessing auf die Einstellung seiner Lehrtätigkeit. Man nannte es Beurlaubung, doch in Wahrheit war es ein stiller Rauswurf, höflich formuliert, bürokratisch abgewickelt.

Der Mann war einige Zeit befreundet mit Ludwig Klages - aber wie dieser kein Philosoph im Sinne der großen Denksysteme, war keiner, der komplizierte Begriffsgebäude errichtete, in denen sich später Generationen würden gedanklich einrichten konnten. Er war eher ein Chronist der Risse. Dort, wo andere von Geschichte sprachen, sah er nachträglich erfundene Erzählungen. Wo man Sinn vermutete, entdeckte er hastig angeklebte Etiketten, die den Ruch des Grauens verdecken sollten. Geschichte, so wusste er, ist das, was Menschen erzählen, wenn sie das Erlebte nicht ertragen können.

Theodor Lessing war Jude in einem Land, das sich seiner Juden schämte, lange bevor es damit begann, sie zu vernichten. Und er war Deutscher in einem Deutschland, das sich selbst mit einer Inbrunst liebte, die immer schon etwas Tödliches an sich hatte. Er durchschaute diese sonderbare Liebe. Er sah, dass sie nicht dem Leben galt, sondern dem Opfer des Lebens. Nicht der Zukunft, sondern dem Grab. Er witterte das Pathos, wo andere Tiefe glaubten und erkannte im feierlichen Tonfall der Parteiredner den Vorboten sich ankündigender Gewalt.

In seinen Schriften begegnet man keiner Hoffnung, die sich anbietet wie warme Mäntel. Man wird bei Lessing eher vom scharfen Licht über dem Seziertisches geblendet. Lessing schreibt über Hass, über Selbsthass, über Projektionen – nicht mit moralischer Empörung, sondern mit einer Nüchternheit, die schmerzt. Er weiß, dass der Mensch selten hasst, weil er böse ist, sondern weil er sich retten will. Der Hass ist eine Notlösung. Er gibt Gestalt, wo das eigene Ich zerfällt. Er schafft Feinde, damit man sich selbst ertragen kann.

Deutschland, dieses Land der Dichter und Richter, war für Lessing ein Laboratorium der Verdrängung. Er beobachtete, wie man sich in Mythen einrichtete, während draußen die Wirklichkeit anklopfte. Er sah, wie der Wunsch nach Ordnung in die Sehnsucht nach Unterwerfung umschlug. Wie aus Bildung Pose wurde und aus Geist Disziplin. Was später Marschmusik heißen würde, hörte er bereits im Takt der laut gesprochenen Worte.

Man hat ihn dafür gehasst. Nicht, weil er Unrecht hatte, sondern weil er rechtzeitig erkannte. Denn früh erkannte er, dass das Kommende keine Entgleisung sein würde, sondern als Entladung die Erfüllung einer lange gepflegten Fantasie. Der Nationalsozialismus war für ihn kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern deren logische Eskalation. Ein Land, das den Tod ästhetisiert, wird ihn eines Tages auch organisieren.

Lessing war kein Held. Er suchte nicht den Märtyrertod, keine Pose des Widerstands. Er war ein empfindsamer Mensch, überreizt, erschöpft, oft einsam. Er besaß nicht jene robuste Ironie, mit der andere sich gegen die Welt zu panzern vermochten. Seine Klarheit hatte keinen Schutzraum. Und so stand er am Ende dort, wo Wahrheit ohne Macht stets steht: ungeschützt und im Regen.

Als man ihn 1933 in Marienbad erschoss, war das (k)ein symbolischer Akt, es war eine praktische Maßnahme. Man beseitigte einen Zeugen. Einen, der das Protokoll bereits geschrieben hatte, bevor das Verbrechen, das im Protokoll beschrieben wird, überhaupt begann. Sein Tod fügt der Geschichte keinen Sinn hinzu. Er bestätigt aber ihre Grausamkeit.

Und doch bleibt Theodor Lessing ein Verbündeter all derer, die die Wahrheit innig lieb haben. Nicht Trostspender ist er, nicht Lehrer der Hoffnung. Sondern Mahnung. Er erinnert daran, dass Sinn oft erst dann zu entstehen scheint, wenn alles verloren ist – und dass man dieser Art Sinn misstrauen sollte. Theodor Lessing zwingt uns, genauer hinzusehen, wo wir uns allzu schnell glauben alle zu verstehen. Und vielleicht ist das sein Vermächtnis: nicht die Versöhnung mit der Welt, sondern die Weigerung, sich von ihr belügen zu lassen.

Wer Lessing liest, dem wird nicht leichter ums Herze. Aber wacher wird man schon - und aufmerksam auf die eigene Zeitgenossenschaft. In Zeiten, in denen das Einschlafen immer verführerischer wird, ist das mehr, als man erwarten darf.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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