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Beiträge zum Thema Fenster

Feuilleton
2 Bilder

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Gianni Vattimo (1936-2023)

Es gibt Philosophen, die auftreten wie Statiker der Weltgeschichte, mit Helm, Zollstock und dem festen Glauben an tragende Begriffe. Und dann gibt es diesen Italiener Gianni Vattimo, der leise lächelnd danebensteht und fragt, ob die tragenden Elemente dieser Gedankengebäude nicht längst Haarrisse haben. Gianni Vattimo gehört zu jener seltenen Gattung von Denkern, die ihre philosophische Pointe nicht aus der Verstärkung, sondern aus der Abschwächung beziehen. Seine Theorie des pensiero debole –...

Feuilleton

Zahl und Zeit
SIEBEN SACHEN

Zahl und Zeit. Der Mensch zählt, weil er Zeit hat – und weil er Angst vor ihr hat. Wo Ereignisse sich überschlagen, wo Geschichte unruhig wird, beginnt der Mensch zu rechnen. Er zählt Jahre, Fristen, Generationen. Er stellt Statistiken auf und liest die Zahl an den Manometern der sich leerenden Gasspeicher. Er liest jeden Tag Texte, in denen Zahlen vorkommen, und macht aus ihnen Fahrpläne: Was kommt als Nächstes? Wie lange noch? Wann endet dies, wann beginnt jenes? Zahlen beruhigen. Sie geben...

Glaube und Alltag

das Paradoxon
Gottes Antlitz

Der Barbierladen lag nahe am Hafen, dort, wo das Salz in den Fensterrahmen sitzt und die von Sturm und Regen  frisch gewaschene Dinge immer noch nach Erinnerung riechen. Die Tür stand offen. Drinnen war es still. Nur das leisen Klirren eines Glases hörte man, als die Tür sich schloss. Ein Fremder war eingetreten und setzte sich. Der Barbier sah ihn an, lange, so wie man einen Text liest, den man schon einmal gelesen, aber nie ganz verstanden hatte. „Sie haben Zeit?“ fragte der Barbier. „Ja“,...

Glaube und Alltag

DAS CHRISTENTUM ...
... und sein Nichtverschwindenkönnen

1. Religionen entstehen nicht aus dem Nichts Religionen entstehen nicht ex nihilo, sondern an Bruchstellen der menschlichen Erfahrung, hauptsächlich der starken Erfahrungen. Sie bilden sich dort, wo alltagsbewährte Wahrnehmungs- und Deutungsroutinen versagen. Der Mensch lebt in einem Gefüge aus erprobten Kausalitäten, sozialen Rollen, biologischen Rhythmen und sprachlichen Ordnungen. Solange diese kohärent funktionieren, besteht kein Bedarf an weiterführenden Deutungsentwürfen - sprich...

Service + Familie

Friedrich Schiller
Von der ästhetischen Erziehung des Menschen

Als Friedrich Schiller seine Schrift „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ verfasste, tat er das nicht nur im Ton pädagogischer Zuversicht, sondern auch mit der Erfahrung des Scheiterns. Die Französische Revolution hatte nämlich gezeigt, dass Freiheit, wenn sie ohne innere Form ausgerufen wird, in Raserei umschlägt. Schillers Diagnose war scharf: Der Mensch ist politisch überfordert, solange er ästhetisch ungebildet bleibt. Nicht Moral und nicht Gesetz sollten den Anfang machen, sondern...

Feuilleton

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Thomas Nagel

Der US-amerikanische Philosoph Thomas Nagel (*1937) gehört zu jenen Denkern, die man erst unterschätzt und dann nicht mehr loswird. Kein Revoluzzer, kein Systembauer, kein essayistischer Volkslautsprecher. Eher ein philosophischer Störsender. Einer, der mitten im gut geölten Betrieb moderner Erkenntnistheorie einfache, aber fatal wirksame Fragen stellte – und damit ganze Gebäude ins Schwingen brachte. Nagel ist ein kompromissloser Analytiker, allerdings einer mit metaphysischem Restgewissen....

Feuilleton

27. Januar
Mozarts 270. Geburtstag

Wolfgang Amadeus Mozart wird am 27. Januar zweihundertundsiebzig Jahre alt - irdische Jahre zählte er nur fünfunddreißig. Da könnte mancher spöttisch bemerken: „Eilig hat er es gehabt mit dieser relativ kurzen Lebenszeit.” Andere mussten nur abdanken und sind älter geworden. Zum Beispiel der deutsche Kaiser und preußische König Wilhelm II., der mit dem Komponisten aus Salzburg ebenfalls am 27. Januar Geburtstag feierte. Mozart aber hat nie abgedankt. Kaiser kamen und gingen. Reiche verblassen -...

Feuilleton

getröstet
Kardinal XP-47

Er hieß offiziell zwar "Pflegeeinheit XP-47", doch niemand nannte ihn so. Für den emeritierten Pfarrer Johannes Reuter, der seit drei Jahren im Pflegeheim „Mutter Theresa” seine Pension verzehrte, war er einfach „Der Kardinal”. Der Kardinal war ein Wunderstück deutscher Ingenieur- und Erfinderkunst. Man sah ihm an, dass das kein Mensch war. Nicht auf unangenehme Weise war es zu bemerken, sondern eher so, wie man einer Zeichentrickfigur ansieht, dass sie nur gezeichnet ist: die Haut einen Hauch...

Feuilleton

25. Januar
Ester, Karl der Große, Paulus …

PAULUS, ESTER, KARL DER GROßE Der 25. Januar ist kein idyllisches Datum. Dieser Tag gehört an jene Stellen des Kirchenjahres, wo sich nicht Harmonie, sondern dringliche Entscheidung anmeldet. Die Kirche hat den 25.Januar seit alters her mit der Bekehrung des Apostels Paulus verbunden. Also mit einem Ereignis, das sich historisch nicht festmachen lässt, aber theologisch datiert wurde. Die Umkehr vom Saulus zum Paulus - so definierte die Kirche - ist kein zeitloser Gedanke, sondern Einschnitt...

Feuilleton

DA ICH EIN KNABE WAR
RETTET’ EIN GOTT MICH OFT

Als Friedrich Hölderlin im Herbst 1796 den Neckarraum verlässt und nach Frankfurt wandert, trug er wenig Gepäck bei sich, aber eine gefährliche Mischung im Innern: klassische Bildung, schwäbische Innigkeit, philosophische Glut – und eine Empfindsamkeit, die nicht auf Anpassung, sondern auf Durchbruch zielt. Der junge Dichter betritt nun das Haus des Bankiers Gontard, nicht nur als freier Geist, sondern auch als Hauslehrer. Äußerlich vielleicht eher eine demütigende Stellung, innerlich jedoch...

Feuilleton

Philosophen vorgestellt
Heraklit von Ephesos

Der Satz Πόλεμος πάντων πατήρ ist bekannt. „Krieg ist Vater aller Dinge.“ Drei wenige Worte tragen eine Provokation in sich, die älter ist als jede christliche Theologie und von ihr nicht übergangen werden kann. Heraklit, der dunkle Philosoph von Ephesos, spricht vom Kampf als Ursprung, vom Krieg als schöpferischer Macht. Er äußert diesen Gedanken, der den schlichten Christenmenschen zunächst befremdet: Soll das Zerstörerische, das Trennende, das Gewaltsame der Vater von allem sein, was ist?...

Feuilleton

DIE FRAGE

Es geschah zwar nicht im Anfang der Welt, aber doch an einem jener Punkte, an denen die Welt noch formbar war. Etwa dreihundert Jahre nach der Zeitrechnung, als Rom bereits alles besessen hatte außer Gewissheit, saß Konstantin, der Kaiser des neuen Roms, nicht mehr als Gott, aber noch als junger Mann zwischen allen Zeiten und Stühlen. Er war ein Lernender, ein Hörender, ein noch nicht Gefestigter – unsicher genug, um vom Weltenschicksal selbst befragt zu werden. Die Frage kam nicht aus dem Lärm...

Glaube und Alltag

"Zeichen" in der Bibel
Reinen Wein einschenken

Hin und wieder geschehen sie doch. Sogenannte "Zeichen", über die wir uns dann wundern. Man staunt - und manche Leute fangen an, diese Zeichen zu deuten - und finden vermittels dieser Deutungen einen Weg, den sie sonst nicht gefunden hätten. Auch jene drei in den Sternen forschenden Magier aus dem Morgenland, welche von fern her zur Krippe zogen, deuteten die Gestirnszeichen, die über dem Stall von Bethlehem am Himmel zu sehen waren. Als erstem jener irdischen Zeichen nun, welche mit dem Wirken...

Glaube und Alltag

karmische verstrickungen
Was es alles gibt ...

Am Rande der Stadt, dort, wo der Asphalt in Schotter übergeht und die Fabrikschlote den Himmel verdunkelten, stand jeden Morgen Anna mit ihrer Milchkanne. Wenn sie die Kanne anhob, klapperte der Henkel metallisch. Die Kühe muhten Anna hinterher und vor ihr brummten schon die Maschinen, obwohl der Tag noch kaum begonnen hatte. Dieses Geräusch war der Atem von Annas Welt, gleichgültig und zuverlässig. Anna hieß eben Anna. Aber die Alten im Dorf hatten auch einen anderen Namen für sie: Pelia....

Feuilleton

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Henry Bergson und die Lebensphilosophie

War die sogenannte Lebensphilosophie der Versuch, dem Denken zu entkommen, indem man das eigene Leben wieder einholt? Das obige Foto des französischen Philosophen Henri Bergson, ernst, gesammelt, beinahe asketisch, wirkt wie ein stiller Kommentar zu dieser Frage, was die sogenannte Lebensphilosophie eigentlich gewesen sein wollte. Da schaut ein Mann an uns vorbei, der wie kaum ein anderer vom Leben gesprochen hat – von ihrer Zeit als Dauer (durée) eines Strömens, von schöpferischer Bewegung,...

Feuilleton

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Theodor Lessing

Er hieß Theodor Lessing. Eine gewisse Schonfrist, die jedem von uns am Anfang des Lebens eigentlich zusteht, ist ihm schon von Geburt an verweigert gewesen. So schreibt er sinngemäß über sich selbst. Andere schritten wohl durch die Jahrzehnte ihrer Lebenszeit wie durch einen zwar schlecht beleuchteten Bahnhof, aber immer noch hoffend und  mit dem Gefühl wartend - es werde schon bald irgendein Zug kommen. Theodor Lessing jedoch blieb auf dem Bahnsteig stehen, während das Dach über der Halle...

Glaube und Alltag

SAKRAMENT
DIE TAUFE JESU

Was die Kirche feiert, ist niemals bloß Erinnerung, niemals bloß fromme Gewohnheit. Die Kirche feiert die Wirklichkeit des Sakraments. Sie drängt sich der Welt nicht auf, aber trägt sie von innen her. Wer die biblischen Evangelien aufmerksam liest, erkennt rasch folgende Besonderheit: Alle vier führen ihre Erzählung auf einen besonderen Höhepunkt hin. Gemeint ist Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Im Zusammenhang mit diesen vier Passionsgeschichten findet auch die Einsetzung der...

Glaube und Alltag

Epiphanias
Sterndeutertag 6. Januar

Hoch oben auf des Turmes alter Wache - sah spähen einen Greis ich durch sein Rohr. Er hatte unter hell bestirntem Dache zur Ewigkeit gewendet Aug und Ohr. „Dass du in jenen Sternenrätseln droben erkennest, was hier unten gehe vor - schau“ rät er „an den Himmel. Wie verwoben Planet und Sterne folgen Gottes Plan. Dem Forscher zeigt ihr Bild im Weltenkoben der fernen Zukunft Wesen vage an.“ Er wurde alt und weise, wurde klug - hier draußen auf dem Turm, der gute Mann. O Jahre, die er lebte und...

Feuilleton

WENN DIESES LIED ERKLINGT ...
zur Philosophie der Kirchenaustritte

Es gehört inzwischen fast zum guten Ton, es beiläufig zu sagen:" Ich bin aus der Kirche ausgetreten." Man sagt es mit derselben Stimme, mit der man früher erklärte, keinen Festnetzanschluss mehr zu haben. Überholt. Unpraktisch. Zu teuer. Eine Telefonzelle auf dem Marktplatz, während man doch längst ein Handy besitzt. Und ja, Geld spielt auch eine Rolle. Jeder braucht es. Niemand gibt es gern für etwas aus, dessen Sinn nicht mehr unmittelbar einleuchtet. Mit dem schleichenden...

Glaube und Alltag

Wilhelm von Conches

Wilhelm von Conches ist einer jener Denker des 12. Jahrhunderts, die wichtige Umschlagbahnhöfe im Nervenzentrum der Kirchengeschichte bilden - sofern diese immer auch Haupt-Movens der abendländischen Geistesgeschichte gewesen ist. Normanne, Domschüler von Chartres, Naturphilosoph, Kommentator Platons – ein Mann, der an der Schwelle der Hochscholastik steht, die christliche Antike zusammen fasst - und genau darin eine produktive Spannung induzierte.  Wilhelm denkt in erster Linie nicht fromm,...

Feuilleton

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Michel de Montaigne

Michel de Montaigne (1533–1592) gehört zu den frühen Gestalten eines Denkens, das den Menschen nicht mehr von metaphysischen Systemen her, sondern von seiner eigenen Endlichkeit aus betrachtet. Als Jurist, Staatsmann und Privatgelehrter zog er sich später aus dem öffentlichen Leben zurück, um in seinen Essays eine neue Form philosophischer Selbstprüfung zu entwickeln. Nicht Belehrung, sondern Klärung war sein Ziel: die nüchterne, unbestechliche Betrachtung dessen, was es heißt, als Mensch zu...

Feuilleton

TURM UND ZEIT

Die Zeit hängt. An den Kirchtürmen. Nicht zufällig. Man sieht sie dort, groß, rund, autoritativ: Zifferblatt, Zeiger, Takt. Die Uhr ist zum Gesicht der Kirchen geworden, und richtete das Antlitz des Menschen für eine gewisse Zeit wieder nach oben in Richtung Himmel. Und genau darin liegt ein leiser, aber folgenreicher Verrat. Zeit war einmal etwas anderes. Sie floss. Sie kam und ging. Sie wurde erfahren, nicht gemessen. Der Tag begann mit dem Licht, endete mit der Dunkelheit. Der Mond wuchs und...

Feuilleton
2 Bilder

Geschichten aus der Makulatur
Silvestergedanken

Der liebe Gott und der Teufel, das waren zwei resche Gesellen! Am Anfang sind sie einander auch gar nicht feind gewesen, wie es heute erzählt wird. Im Gegenteil - sie standen recht gut zueinander, wie ihr das auf den obigen Bildern auch sehen könnt. Die beiden waren eben nur entgegengesetzte Prinzipien ein und derselben geheimnisvollen Sache. Aber irgendwann war Schluss damit. Man weiß nicht mehr so richtig warum. Davon will ich Euch am Silvesterabend versuchen, die wirkliche und wahre...

Feuilleton

Hoffmanns Erzählungen
JESUSKURVE

Am Anfang muss etwas vorangestellt werden. Warum? Weil erstaunlich viele, die hier weiterlesen oder zuhören, die Geschichte noch gar nicht kennen. Am Anfang steht eine Kneipe. Ort des Rauschtranks. Keine Kathedrale, kein Hörsaal, kein Olymp. Eine Kneipe. Dort sitzt Hoffmann, Dichter, Trinker, Liebender auf Widerruf. Er wartet auf Stella, eine Sängerin. Während diese auf der Bühne Donna Annas Part in Mozarts Don Giovanni singt, erzählt Hoffmann seinen Freunden – angeheitert, aufgekratzt und...

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