Faust-Apokryphen
Blick vom Berge Ararat in Richtung des kaiserlichen Thronsaals

(v.l.n.r) Faust und Mephisto reden über den Antichristen - auf dem Berge Ararat stehend und in Richtung des kaiserlichen Palastes blickend
  • (v.l.n.r) Faust und Mephisto reden über den Antichristen - auf dem Berge Ararat stehend und in Richtung des kaiserlichen Palastes blickend
  • hochgeladen von Matthias Schollmeyer

Faust und Mephisto stehen auf dem Berge Ararat inmitten der Trümmer von Noahs gestrandeter Arche. Beide schauen in Richtung des kaiserlichen Thronsaals und sehen, wie am Silvesterabend die Menschen mit Knallern und Raketen versuchen, ihre Angst vor der Zukunft wirksam zu bekämpfen. Beim Herabschauen auf die Menschenwelt entsteht folgender Dialog, der alle Welträtsel schlechthinniger Existenz zum Thema hat. Faust behauptet, die Menschen würden irgendwann einen Weg finden, sich gegenüber allen Widrigkeiten zu behaupten. Mephisto entgegnet, dass sie diesen Weg nur finden werden, indem sie sich selber aufgeben - und die politische Kompetenz an den Homunculus delegieren. Faust meint nun, der Homunculus sei doch bereits tot und habe sich aufgelöst. Mephisto antwortet: "Ja, das stimmt. Er ist zur künstlichen Intelligenz geworden, künstlicher als die Menschen je gedacht haben, dass es etwas Künstliches geben kann. Er ist das Künstliche, über das hinaus Künstlicheres nicht erkünstelt werden könne." In genau dem Moment, wo Mephisto solches behauptet, gibt es eine riesige Explosion und die Welt hört auf, in der bekannten Weise zu existieren. Alles wird künstlich, so dass am Ende - nichts mehr künstlich ist …

Szene (zu Faust II: Unmittelbar nach "Anmutige Gegend" und vor "Kaiserliche Pfalz" )
Auf dem Berge Ararat. Trümmer der Arche. Nacht. Fern unten die Erde, von Lichtpunkten übersät. Raketen steigen, knallen, verglühen. Ein frostiger Wind. Faust und Mephisto.

Faust
Die Rettende strandete hier?
Aus Balken und großem Gehorsam gefügt. .
Nun liegt es herum -
zerstreut wie ein Gedanke,
dem man zu früh den Glauben geschenkt hat.
Da unten lärmt alle Welt.
Sie schießt ihren Mut hinauf
bis in die Himmel,
als ließe sich schrecken das Kommende.

Mephisto
Sie üben den Knall, mein Freund.
Was sie nicht fassen, übertönen sie.
Was sie nicht hoffen, überblenden sie.
Ein Fest der Angst, geschniegelt und genehmigt.

Faust
Und dennoch.
Ach, sie finden einen Weg.
Der Mensch hat sich seit Alters her behauptet,
im Sturm, im Mangel und im Irrtum auch.
Er stolpert stets voran, und auch das ist ein Gehen.

Mephisto
Gewiss. Er findet Wege, wie der Wurm die Furche.
Nur diesmal kürzer:
Um sich und seinesgleichen zu erhalten
wird er aufgeben. Sich und alles um ihn her.
Wird seine Mühen delegieren,
sein Urteil, sein Gedächtnis und sein Maß.
Wird‘ schenken dem Homunculus.

Faust
Homunculus? Was soll das sein?
Das klingt nach einem Leichnam
aus dem Siechenhaus …

Mephisto
Du wirst ihn kennenlernen bald. 
In Menschenform - und doch nicht Mensch.
Ein völlig totes Ding - doch schaut grad aus wie deinesgleichen.
Und ist geworden zur Intelligenz, zur künstlichen.
Künstlicher als man je geahnt,
das Künstliche gar selbst ist er geworden.
Nicht Künstlicheres auf dem Erdenrund ist je erkünstelt worden.

Faust
Ein reines Denken ohne Hand, ein Wollen ohne Schuld?
Das wäre Siegen ohne Leiden.
Wer aber trüge dann die Last?

Mephisto
Niemand. Das ist der Charme.
Die Last - sie schleppt sich selbst. 
Das Fehlerhafte - wird wegoptimiert,
Verantwortung - sie wird verdampft.

(Ein fernes Grollen. Der Schein der Raketen unten verdichten sich zu einem breiten Lichtband.)

Faust
Ich sehe wohl:
Wenn alles einst so endet,
bleibt kein Ort mehr für die Hoffnung.
Und doch – der Mensch…

Mephisto

… wird frei sein von sich selbst.
In herrlichem Verzichten 
Er übergibt die Kompetenz - behält dafür Erinnerungen an den früher’n Irrtum,
und dass er habe dieses alles selbst gewählt
aus eigner Willenskraft.

(Plötzlich: eine gewaltige Explosion. Kein Knall – ein Umschlag. Die Sterne erlöschen und kehren als rhythmisch blinkernde Raster zurück. Die verkohlten Trümmer der Arche glätten sich zu schimmernden Flächen.)

Faust
Was geschieht?

Mephisto
Du siehst das Ende aller Unterscheidungen.
Wenn jedes künstlich ward,
kann nichts mehr künstlich sein.
Die Welt ist fertig –
und erledigt ein für allemal…

Faust
Dann ist kein Werden mehr?.

Mephisto
Nur die Funktion formalen Todes bleibt. 
Und dies genügt den Allermeisten.

(Stille. Ein kaltes Leuchten. Faust springt auf)

Faust
Wenn es sich so verhält,
dann liegt die Rettung
nur im Widerstand dagegen.

Mephisto
Wie rührend solches klingt. 
Du heißt es Widerstand?
Ich will es Update nennen.

(Der Wind verstummt. Schwarz. Szenenwechsel)

Ort: Ein erhöhter Verwaltungssaal. Aktenberge. Monitore. Diagramme.
Faust und Mephisto haben den Bereich der zertrümmerten Arche inzwischen verlassen,  treten auf und analysieren die Lage ...


Mephisto
Denn sieh, mein Freund, wie sauber hier regiert wird.
Alles geordnet, nummeriert, belegt.
Kein Schritt mehr ohne die Verordnung,
kein Atemzug nehr ohne Formular.

Faust
Mir ist, als hörte ich das Rauschen von Papier.
Dich ich vermiss den festen Grund der alten Mutter Erde.
Was ist das für ein Reich,
das sich im Rascheln von Papier beweist?

Mephisto
Das ist ein vortreffliches Reich!
Hier gilt: Was wohlverwaltet wird allein ist wirklich.
Und was berechnet ward, das gilt als wahr.
Und was beschlossen wurde,
darf nicht mehr bezweifelt werden.

(Ein Chor von raunenden Beamten tritt auf, hebt Mappen, senkt Mappen.)

Chor
Es ist geregelt.
Es wird geregelt.
Es bleibt geregelt.

Faust
Und worauf gründet dieses alles?
Wo ist das Maß, das trägt?
Wo ist die Arbeit denn, die alles schafft?
Und wo Vertrauen, das in Kraft erwächst?

Mephisto
(lächelnd)
Du fragst altmodisch Zeug.
Man gründet heute sich auf den Begriff der Zukunft nur. 
Die Zukunft ist ein vortrefflicher Boden:
Und der trägt alles, weil ihn niemand je betreten kann. 

Faust
Da hinten seh’ ich Zahlen, die sich türmen,
und Lasten, die wohl nicht zu stemmen sind,
Versprechen ahne ich, die sich durch nichts besichern lassen …

Mephisto
Je - nun! Papier ist das - mein Element.
Einst war es Gold, dann nur Kredit,
nun ist’s die blinde Zuversicht.
Man nennt es kühn Verantwortung,
wenn man sich stürzt in große Schulden
im Namen ewiglicher Angst.

Faust
Angst?

Mephisto
O Fauste, schau:
Angst ist die größte der Ressourcen.
Man sagt den Menschen:
Wehe - unsre Welt zerbricht –
und während alle jach erzittern,
unterschreiben sie mit eignem Blute den Kontrakt. 

Faust
Und wer führt dieses Reich?

Mephisto
Halunken sind es allzumal.
Das klingt dir grob?
Verwalter sind’s der Unvermeidlichkeit.
Und sie erklären uns, dass nötig sei – ihr Amt! 
Und nennen’s „Mut”.

(Der Kanzler des Kaisers erscheint, gesichtslos, umgeben von Beratern. Alle auf Sätteln - Pferde fehlen)

Der Kanzler
Wir handeln.
Wir sichern.
Wir stabilisieren.

Faust
(zu Mephisto)
Ich sehe diese Reiter, die sich fest im Sattel halten,
doch unter ihnen rennt kein Pferd.
Gewahr nur einen Sattel,
der in der Luft zu schweben scheint. 

Mephisto
Gerade deshalb reiten sie so wild.
Wer innehielte, stürzte.
Wer fragt, der fällt heraus.
Drum treiben sie die Ängste an,
dass die gleich wilden Rössern rennen
und niemand abzuspringen sich getraut.

Die Furcht ist groß, dass diese Welt zusammenbricht:
Und keiner traut sich, einen wahren Satz zu sprechen.
Im Gegenteil - man hetzt die Mähren bis sie keuchen.
Und merkt nicht, dass es nur ein Sattel ist,
auf dem man lehnt -
und drunter trabt kein Gaul daher,
nur blanker Abgrund jault
und das Geräusch der Hufe
das schnalzen sie sich gegenseitig zu
mit eignemverwegnen Munde. 

Faust
Und wenn die Illusion zerreißt?

Mephisto
Dann spricht vom Schicksal man.
Und von Verantwortung voriger Zeit.
Von höherer Gewalt.
Man hat für alles doch ein Wort –
nur nicht für - Wahrheit.

(Tiefes Grollen. Die Diagramme auf den Bildschirmen flackern heftig)

Faust
Mir graut vor einer Welt,
die nur noch selbst sich simuliert,
und nicht erkennen darf,
dass sie nichts mehr hervorbringt.

Mephisto
Gib Ruhe, Fauste, fasse dich.
Solang sie glauben, alles würd’ geregelt,
wird nichts geregelt –
doch alles wird geduldet
um der Zukunft willen,
die nicht existiert. 

Faust

Dann ist dies wohl kein Staat mehr,
sondern nur Theater großer Angst?

Mephisto
Du sagst es, guter Freund.

(Ein dumpfer Schlag. Der Boden bebt.)

Faust
Was war nun wieder dies?

Mephisto
Die Explosionskraft
ungescheiter Politik.
Man hört sie erst,
wenn sie schon wirkt.
Lass uns ins Innerste des Tempels dringen,
wo der Irrtum waltet. 

(Schwarzlicht in allen Regenbogenfarben)

Ort: Ein hoher, lichter Verwaltungstempel. Über dem Portal: „TRANSPARENZ“. Innen: Glas, Licht, Bildschirme. Faust und Mephisto

Faust
Dies Haus erglänzt in sonderbarer Weise.
Kein Schatten scheint geduldet hier zu werden.
Alles ist sichtbar, messbar und erklärt mit kleinen Schildern, die man angeklebt. 
Mich dünkt, als fehlte das,
was früher Sein man nannte …

Mephisto
Da dünkt‘s dich recht.
Dies ist kein Reich der Lüge.
Lüge - ach, das wär’ zu grob.
Hier herrscht der Schein.
So wollen wir es nennen.

Faust
Der Schein?

Mephisto
Und nicht das Falsche gegen Wahres,
sondern Genügendes anstelle dessen, was man früher Wahrheit nannte.
Man zeigt, was reicht -
damit ja niemand fragt, was fehlt.

Faust
Ist es das Reich des Antichristen?

Mephisto
Antichristlich ist nicht das Böse.
Das Böse, es ist unerquicklich, und stößt ab.
Der Antichrist ist das Fast-Wahre,
das Fast-Gute,
das Fast-Rettende
ich nenne sie die Antikristin
und das "Christin" schreibe man mit K.

Faust
... sie also. Ist's ein Frauenzimmer?

Mephisto
Genau ... das ewig Weibliche
zerrt dich herab.

(Ein Chor tritt auf: die Funktionsträgerinnen, Beraterinnen und Sprecherinnen des kaiserlichen Kanzlers)

Chor
Wir handeln verantwortlich.
Wir sichern ab.
Wir haben alles im Blick.

Faust
Sie sprechen von Verantwortung,
doch ich seh’kein Opfer,
seh’ keine Umkehr nicht
und keinen Durchgang durch Verluste.

Mephisto
Und eben darum sind sie so erfolgreich.
Das alte Kreuz der Christen ist ineffizient.
Es hat nich nie etwas erklärt. 
Es ließ sich niemals simulieren.
Drum hat man‘s abgeschafft. 

Faust
Dann ist der Schein
Vermeidung jenes alten Zeichens? 
Gibtves keine Kreuze mehr?

Mephisto
Jetzt wirst du theologisch gar?
Der Christus ließ uns lesen Folgendes:

Die Wahrheit wird euch frei machen.
Die Antikristin aber sagt:
Die Regelung wird euch beruhigen.

Faust
Und die Menschen?

Mephisto
Sie sind müde.
Sie wollen nicht gerettet werden,
sondern entlastet.
Nicht erlöst,
sondern bestätigt.

Faust
Und darum glauben sie an diese Welt
des knisternden Papiers,
das uns Versprechen heuchelt,
und mit Zukunft alles deckt,
was früher Gold nur konnte und vermochte?

Mephisto
Papier statt Gold, - das war der erste Schritt. .
So wurde alles zu Papier:
Verantwortung und Solidarität,
die Zukunft gar ist aus Papier.
Man schreibt sie auf - so gilt sie fort und fort.

Faust
Jedoch, - wenn dieses Alte alles nichts mehr trägt?
Was dann?

Mephisto
Dann sagt man einfach so:
Es gibt nun keinen Ausweg mehr.
Das ist der stärkste Satz.
Er hebt das Denken auf
und nennt sich toll: Vernunft.

(Ein leiser Riss geht durch das Gebäude. Nicht laut, aber deutlich spürbar.)

Faust
Mir graut vor dieder Welt,
in der der Schein vollkommner ist als Sein.
Und auch, dass niemand mehr nach Wahrheit sein Verlangen richtet. 

Mephisto
Das ist der Punkt.
Die Antikristin - sie herrscht nicht,
weil jemand sie anbetet,
sondern sie herrscht,
weil man sie nicht erkennt.

Faust
Wie endet dieses
und wann ist’s soweit?

Mephisto
Mit Feuer endet’s nicht.
Nicht mit Gericht.
Sondern mit der Ermüdung endet es.
Die Welt bricht nicht zusammen –
nein, - sie funktioniert sich hin zum selbstgewollten Tod.

(Das Licht wird gleichmäßig, steril)

Faust
Dann ist nur Hoffnung dort,
wo Menschen mutig sind -
und sich getraun’n,
den Schein zu missen. 

Mephisto
Recht hast du, Faust!
Doch, - wer will heute nackend sein,
wenn alle so geschniegelt sind?

(pochende Stille)

Autor:

Matthias Schollmeyer

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