ORDUNGEN DES SCHICKSALS
...es fand sich ...
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Matthäusevangelium 1,18-25
Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen. Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht Jes 7,14: »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns. Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus. (Matthäus 1,18-25)
ERSTENS: Wir haben es heute mit einer Geschichte zu tun, die sich sonderbar in einer gewissen Schwebe hält. Und die sozusagen zwischen Himmel und Erde vibriert, zwischen Zufall und Sinn, zwischen dem, was sich einfach ereignet, und dem, was erst im Nachhinein als Bedeutung erkannt wird. Wer diesen Text vorschnell moralisch liest, verfehlt ihn. Moralisch lesen hieße, über eine allein erziehende Mutter mit einem pikanten „oh, oh, oh“ zu urteilen. Auch wer die Geschichte historisch absichern will, verfehlt sie ebenfalls. Denn die Wahrheit liegt auch dort nicht. Wo dann? Sie liegt in der rätselhaften kleinen Bemerkungen, die da lautet: „Es fand sich aber“. Und davon soll jetzt die Rede sein.
Gewiss: Die Schwangerschaft Marias war in ihrer Zeit ein Problem. Nicht primär aus jenen Gründen, aus denen bestimmte fromme Angehörige von Bibelkreisen vor 50 Jahren noch die Augenbrauen hochzogen, sondern weil sie Ordnung verunsicherte. Abstammung war kein privates Detail, sondern die tragende Achse des sozialen Lebens. Eine ungeklärte Herkunft bedeutete Schutzlosigkeit. Mehr muss man dazu nicht sagen. Der Text verweilt hier auch nicht lange. Er stellt es fest – und geht weiter. Und genau das ist entscheidend.
Denn Matthäus beschreibt das Geschehen mit einer Formulierung von fast erschreckender Nüchternheit: Es fand sich, dass sie schwanger war. Nicht: Sie tat etwas. Nicht: Gott griff ein. Nicht: Ein Engel erklärte. Zuerst nur: Es fand sich. Das ist keine fromme Formulierung. Es ist eine persönlich existentielle. Und zugleich auch eine hochphilosophische. Denn Zufall oder unabweisbare Schicksalsverkettung kommen hier ins Spiel. „Es fand sich“ beschreibt jene Erfahrungen, die wir alle kennen: Situationen, die nicht geplant waren, nicht gewollt, nicht erklärt – und die dennoch da sind. Missgeschicke, Wendungen, Brüche, aber auch unerwartete Möglichkeiten und Glückliche Wendungen. Es fand sich … Dinge, die sich einstellen, ohne dass wir sie gemacht hätten. Der Text behauptet hier noch keine Wahrheit über Gott. Er behauptet nur Wirklichkeit.
ZWEITENS: Und genau in dieser Wirklichkeit steht Josef. Josef ist kein Held, kein Romantiker, kein religiöser Übermensch. Matthäus nennt ihn gerecht. Das heißt: Er lebt innerhalb der Ordnung, kennt ihre Regeln, weiß, was sie fordern würde. Und gerade deshalb ist seine Situation tragisch. Er steht vor einer Wirklichkeit, die nicht in seine Ordnung passt. Er könnte sie korrekt behandeln – und würde damit zerstören. Also entscheidet er sich für einen Rückzug, der schützt. Für eine Gerechtigkeit, die nicht auf Durchsetzung besteht. Das ist sehr mutig. Erst nachdem Josef gedacht, abgewogen, gerungen hat, kommt der Engel. Und auch der Engel erklärt nichts im modernen Sinn. Er nimmt Josef nicht die Last, sondern bestätigt sie. „Fürchte dich nicht“, heißt hier nicht: Alles wird leicht. Es heißt: Fürchte dich nicht davor, dass dein Leben nicht mehr ganz dir gehört. Ein Traum übernimmt die Rechtfertigung der regelwidrigen Handlung des Joseph. Und Josef nimmt Maria zu sich. Er gibt dem Kind den Namen, der alles auf eine Karte setzt. Die Karte heißt: "Ich vertraue dem, was eigentlich unglaublich ist." Joseph träumt auf diese Art, erwacht - und nimmt den Traum als Lesezeichen für das eigene Schicksalsbuch. D.h. er übernimmt Verantwortung für etwas, das er nicht gemacht hat, das er nicht versteht, das er sich nicht ausgesucht hat. Damit wird aus dem bloßen „Es fand sich“ ein tragbares Leben.
DRITTENS: Und genau hier stellt sich die Wahrheitsfrage. Ist das historisch so geschehen? Wir wissen es nicht. Wahrscheinlich nicht im modernen Sinn. Aber das ist nicht der Punkt. Die Wahrheit dieses Textes liegt nicht in der Rekonstruktion eines Ereignisses, sondern in der Erschließung eines Lebensraums. Dieser Text ist wahr, weil er eine präzise Sprache für das findet, was uns geschieht. Weil er Worte bereitstellt für das Unverfügbare. Weil er zeigt, dass Sinn nicht am Anfang steht, sondern am Ziel – und oft erst durch Verantwortungsübernahme entsteht.
„Es fand sich“ – das ist keine Ausrede. Es ist eine Beschreibung des menschlichen Daseins. Und der Name, der diesem Gefundenen gegeben wird – Jesus –, ist keine magische Lösung, sondern ein Deutungsangebot: dass das, was sich ereignet, nicht sinnlos bleiben muss, wenn jemand bereit ist, es zu tragen. So beginnt die Inkarnation. Nicht spektakulär. Nicht eindeutig. Nicht abgesichert. Sondern in einer Wirklichkeit, die sich einfach einstellt – und in einem Menschen, der nicht flieht. Und vielleicht ist genau das die Wahrheit dieses Textes: Nicht dass Gott alles erklärt, sondern dass er im Ungeklärten bleibt.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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