DIE FRAGE

Es geschah zwar nicht im Anfang der Welt, aber doch an einem jener Punkte, an denen die Welt noch formbar war. Etwa dreihundert Jahre nach der Zeitrechnung, als Rom bereits alles besessen hatte außer Gewissheit, saß Konstantin, der Kaiser des neuen Roms, nicht mehr als Gott, aber noch als junger Mann zwischen allen Zeiten und Stühlen. Er war ein Lernender, ein Hörender, ein noch nicht Gefestigter – unsicher genug, um vom Weltenschicksal selbst befragt zu werden.

Die Frage kam nicht aus dem Lärm der Geschichte. Sie kam leise, an der Schwelle zur Zukunft der bewohnbaren Welt - dort, wo das Grau der nacht im ersten Rosa der Morgendämmerung weicht. Der Fragende war kein Gott bekannter Mythen. Es war der Engel Anankes. Ein Bote ohne Trost also, ein Wesen aus jener Klasse von Intelligenzen, die nicht erlösen, sondern konfrontieren. Er nannte seinen Namen nicht. Wir aber kennen ihn. Er fragte:

Willst du eine Kirche –
schwach, verwundet, öffentlich verlacht,
aber unbesiegbar bis an das Ende der Zeiten?

Oder willst du eine Kirche –
mächtig, ordnend, weltbeherrschend,
doch am Ende kläglich zerfallend?

Konstantin schwieg. Nicht aus Gedankenlosigkeit, sondern aus Überforderung. Denn er begriff sofort: Diese Frage galt keiner beliebigen Institution, sondern der Generalarchitektur der künftigen Geschichte selbst.

Er dachte politisch.
Er dachte strategisch.
Er dachte römisch.

Eine schwache Kirche, die niemals stirbt, erschien ihm unerquicklich – zu unerquicklich für den Machtmenschen, zu unerquicklich für den Architekten eines Imperiums. Eine mächtige Kirche hingegen, die sich selbst verzehrt, erschien ihm ebenso unerquicklich – zu unerquicklich für eine Ordnung, die Dauer beansprucht.

Und so tat der Kaiser, was kluge Männer in Grenzsituationen zuweilen tun: Er entschied sich nicht - er zauderte. Ja, - er zögerte. Und er nickte, als habe er verstanden. Indem er zögerte und nickte, ließ er zu, dass beides geschah. Eine Kirche wuchs also auf, die von Anfang an doppelt verfasst war. Mächtig genug, um Kaiser zu salben – und elend genug, um in den Katakomben zu darben. Sie errichtete Dome – und kroch zugleich in die Ritzen der Geschichte, um zu überleben. Sie trug goldenen Brokat – und roch nach schwärenden Wunden.

Ihre Dogmen klangen präzise.
Ihre Seelenführung war oft erbärmlich.
Ihre Heiligen strahlten –
und ihre Funktionäre rotteten sich zu Banden zusammen.
Nicht zufällig.
Strukturell.

Dieses alles war aus dem anfänglichen Zögern geboren. Die himmlischen Herrscher, die alten Beobachter jenseits der Zeit, blickten aus der Ewigkeit herab – nicht zornig, nicht begeistert, sondern mit jener Mischung aus Interesse und Sorge, die man empfindet, wenn ein Experiment aus dem Ruder zu laufen droht, ohne doch ganz zu scheitern.

„Sie wird nicht untergehen“, sagten sie.
„Aber sie wird sich selbst nicht ertragen.“

„Sie wird Wahrheit bewahren“, sagten sie.
„Aber sie wird die Träger der Wahrheit beschädigen.“

Manche Engel wandten sich ab und vergaßen die Kirche, wie man die Streiche der Kinderzeit irgendwann vergisst. Andere blieben – und lernten. Geduld zum Beispiel.

Und unten, viel später, auf den Leitungssitzen, in Synoden, Kurien und Konferenzen, saßen Männer und Frauen, die meinten, Verantwortung zu tragen – und die doch meist Verwaltung betrieben. Sie sagten:

„Wir müssen glaubwürdig sein.“
„Wir müssen modern sein.“
„Wir müssen stabil sein.“

Und sie bemerkten nicht, dass jeder dieser Sätze die Wunde nur neu verband, ohne sie zu heilen. Seitdem kann diese Kirche nicht gesunden, ohne sich selbst zu verlieren. Und sie kann nicht sterben, ohne gerade dadurch neu geboren zu werden.

Autor:

Matthias Schollmeyer

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

30 folgen diesem Profil

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.