DIE FRAGE
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Es geschah zwar nicht im Anfang der Welt, aber doch an einem jener Punkte, an denen die Welt noch formbar war. Etwa dreihundert Jahre nach der Zeitrechnung, als Rom bereits alles besessen hatte außer Gewissheit, saß Konstantin, der Kaiser des neuen Roms, nicht mehr als Gott, aber noch als junger Mann zwischen allen Zeiten und Stühlen. Er war ein Lernender, ein Hörender, ein noch nicht Gefestigter – unsicher genug, um vom Weltenschicksal selbst befragt zu werden.
Die Frage kam nicht aus dem Lärm der Geschichte. Sie kam leise, an der Schwelle zur Zukunft der bewohnbaren Welt - dort, wo das Grau der nacht im ersten Rosa der Morgendämmerung weicht. Der Fragende war kein Gott bekannter Mythen. Es war der Engel Anankes. Ein Bote ohne Trost also, ein Wesen aus jener Klasse von Intelligenzen, die nicht erlösen, sondern konfrontieren. Er nannte seinen Namen nicht. Wir aber kennen ihn. Er fragte:
Willst du eine Kirche –
schwach, verwundet, öffentlich verlacht,
aber unbesiegbar bis an das Ende der Zeiten?Oder willst du eine Kirche –
mächtig, ordnend, weltbeherrschend,
doch am Ende kläglich zerfallend?
Konstantin schwieg. Nicht aus Gedankenlosigkeit, sondern aus Überforderung. Denn er begriff sofort: Diese Frage galt keiner beliebigen Institution, sondern der Generalarchitektur der künftigen Geschichte selbst.
Er dachte politisch.
Er dachte strategisch.
Er dachte römisch.
Eine schwache Kirche, die niemals stirbt, erschien ihm unerquicklich – zu unerquicklich für den Machtmenschen, zu unerquicklich für den Architekten eines Imperiums. Eine mächtige Kirche hingegen, die sich selbst verzehrt, erschien ihm ebenso unerquicklich – zu unerquicklich für eine Ordnung, die Dauer beansprucht.
Und so tat der Kaiser, was kluge Männer in Grenzsituationen zuweilen tun: Er entschied sich nicht - er zauderte. Ja, - er zögerte. Und er nickte, als habe er verstanden. Indem er zögerte und nickte, ließ er zu, dass beides geschah. Eine Kirche wuchs also auf, die von Anfang an doppelt verfasst war. Mächtig genug, um Kaiser zu salben – und elend genug, um in den Katakomben zu darben. Sie errichtete Dome – und kroch zugleich in die Ritzen der Geschichte, um zu überleben. Sie trug goldenen Brokat – und roch nach schwärenden Wunden.
Ihre Dogmen klangen präzise.
Ihre Seelenführung war oft erbärmlich.
Ihre Heiligen strahlten –
und ihre Funktionäre rotteten sich zu Banden zusammen.
Nicht zufällig.
Strukturell.
Dieses alles war aus dem anfänglichen Zögern geboren. Die himmlischen Herrscher, die alten Beobachter jenseits der Zeit, blickten aus der Ewigkeit herab – nicht zornig, nicht begeistert, sondern mit jener Mischung aus Interesse und Sorge, die man empfindet, wenn ein Experiment aus dem Ruder zu laufen droht, ohne doch ganz zu scheitern.
„Sie wird nicht untergehen“, sagten sie.
„Aber sie wird sich selbst nicht ertragen.“„Sie wird Wahrheit bewahren“, sagten sie.
„Aber sie wird die Träger der Wahrheit beschädigen.“
Manche Engel wandten sich ab und vergaßen die Kirche, wie man die Streiche der Kinderzeit irgendwann vergisst. Andere blieben – und lernten. Geduld zum Beispiel.
Und unten, viel später, auf den Leitungssitzen, in Synoden, Kurien und Konferenzen, saßen Männer und Frauen, die meinten, Verantwortung zu tragen – und die doch meist Verwaltung betrieben. Sie sagten:
„Wir müssen glaubwürdig sein.“
„Wir müssen modern sein.“
„Wir müssen stabil sein.“
Und sie bemerkten nicht, dass jeder dieser Sätze die Wunde nur neu verband, ohne sie zu heilen. Seitdem kann diese Kirche nicht gesunden, ohne sich selbst zu verlieren. Und sie kann nicht sterben, ohne gerade dadurch neu geboren zu werden.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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