die Freundlichkeit Gottes
Titus staunt …
- Gottesbilder in einer Handlung für Gottesbilder ...
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
„Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig!” Dieser Passus - heute als Predigttext aus dem Titusbrief uns empfohlen - beginnt nicht mit einem Befehl oder mit einer kosmischen Machtdemonstration. Er beginnt mit der Behauptung, dass etwas erschienen sei. Was da erschienen sein soll sind „Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes”. Kein Richterstuhl, kein allsehendes Auge, keine Übermacht auf den Fersen menschlicher Defizite. Sondern etwas, das man fast zu leise empfindet.
Wenn man die Geschichte der Gottesbilder betrachtet, merkt man schnell: Die beiden Begriffe Freundlichkeit und Menschenliebe standen lange nicht oben im Ranking. Gott wurde eher gedacht als Macht, als Gesetzgeber, als Instanz, die Ordnung garantiert. Und Gedanken an Gott waren mit Furcht, Angst, Ehrfurcht und Beklemmung untrennbar verschmolzen. Auch mit Sorge darüber, immer beobachtet zu sein, nie wirklich frei entscheiden zu können, immer dem Zugriff einer höheren Kontrolle zu unterstehen. Diese Affekte sind alt und tief eingeprägt, religiös wie kulturell. Sie funktionieren. Angst organisiert Gehorsam zuverlässig.
Umso erstaunlicher ist es, dass sich im Neuen Testament – und hier besonders klar im Titusbrief – ein anderes Gottesbild durchzusetzen beginnt. Nicht plötzlich, schon gar nicht laut, und nicht ohne Widerstände. Denn die Angst wurde bald wieder zum Hauptmovens der erstarkenden Weltkirche. Aber Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes blieb immer das verborgene Thema der christlichen Predigt. Und heute ist dieser Text zum Gegenstand der Gedanken gemacht worden. Ein Gott, der selig macht, nicht guter Taten oder moralischer Erfolge wegen, sondern gemäß der Barmherzigkeit Gottes. Ein Gott, der erneuert, nicht überwacht. Der ausgießt, reichlich - und nicht rationiert.
Das ist keine Verharmlosung Gottes. Es ist eine Präzisierung. Denn ein Gott der Freundlichkeit ist nicht harmlos – er ist gefährlich für alle Systeme, die mit Angst arbeiten. Wer so von Gott spricht, kann Menschen nicht mehr kleinhalten und ducken. Die Predigt von der Freundlichkeit setzt frei. Es dauerte lange, bis dieses Gottesbild sich durchsetzte. Und es geht immer wieder verloren …
Eine kleine Anekdote: In einer alten Kirche hängt noch eine Tafel aus dem 18. Jahrhundert. Darauf steht: „Gott sieht alles.“ Jahrelang ging eine Frau daran vorbei und fühlte sich jedes Mal ertappt. Eines Tages wurde die Tafel bei einer Renovierung abgenommen. Wochen später hing dort ein neues Schild: „Gott übersieht niemanden.“ Die Frau blieb stehen, lächelte – und ging leichter weiter. Der Satz hatte sich kaum verändert. Aber das Gottesbild vollkommen.
Genau das ist der Auftrag der Kirche. Dieses Mem zu bewahren und weiterzugeben. Gegen die Rückfälle in Angst, gegen religiöse Kontrollphantasien, gegen fromme Übermacht. Weihnachten ist das Fest der göttlichen Zuwendung. Dass Freundlichkeit und Menschenliebe im Krippenkind Jesus erschienen sind – und dass sie nicht wieder verschwinden dürfen. Das ist gewisslich wahr.
Autor:Matthias Schollmeyer |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.