Sonntag
Heiligung


„Sonntag ist heute
Hörst du’s Geläute
Ruft dich zur Kirche hin
Gott wohnet darin.“

Vier Zeilen, kaum zum Aushalten. Und doch eine Welt. Ein Weltzustand. Eine theologische Selbstverständlichkeit, die heute schon beim lauten Lesen Anstoß erregt – und genau darin ihren ikonischen Rang gewinnt.

Der Satz „Gott wohnet darin“ ist von einer geradezu archaischen Kühnheit. Er argumentiert nicht, er lädt nicht ein, er differenziert nicht. Er behauptet. Und diese Behauptung ruht auf einer Ordnung, die nicht erst hergestellt werden muss. Der Sonntag ist da, die Glocken sind da, die Kirche ist offen, Gott ist gegenwärtig. Kein Diskurs, kein Event, kein Deutungsangebot – sondern Sein. Man hört hier eine Frömmigkeit, die noch nicht unter Verdacht steht, eine Sprache, die sich nicht entschuldigt. „Gott wohnet darin“ kein Symbol, keine Metapher – sondern naive Realpräsenz. Genau das macht den Reim kulturgeschichtlich aufschlussreich: Er stammt aus einer Frömmigkeit, in der Kirche noch Ort war, nicht Veranstaltung. Es handelt sich bei dem kleinen  Vierzeiler wohl um einen alten deutschsprachigen Volks- und Kinderreim, vermutlich 19. Jahrhundert, anonym überliefert. Solche Vierzeiler wurden mündlich weitergegeben – im häuslichen Bereich, im Schulunterricht, in Katechismus-Zusammenhängen oder als Glocken- und Sonntagsspruch.

Gerade darin liegt die verlorene Selbstverständlichkeit des Sakralen: dass das Heilige nicht aus Zustimmung entsteht, sondern vorausliegt. Der Reim weiß nichts von funktionaler Religion, nichts von religiöser Kommunikation. Er kennt nur Ort, Zeit, Ruf. Sonntag ist nicht Freizeit, sondern eine andere Qualität der Zeit. Die Glocke ist kein akustisches Ornament, sondern Anspruch. Und die Kirche ist kein Möglichkeitsraum, sondern Wohnung.

Dass dieser Satz heute als naiv gilt, ist kein Fortschritt, sondern ein Symptom. Die Entzauberung des Ortes hat nicht zu größerer Freiheit geführt, sondern zu einer merkwürdigen Ortlosigkeit des Glaubens. Wo Gott überall sein soll, ist er faktisch nirgends mehr verlässlich. Der Reim steht damit quer zu einer Theologie, die das Sakrale ins Subjekt verlagert und es dort langsam verdunsten lässt.

Hier berührt sich der Ton des Reims mit der kulturkritischen Melancholie trauernder Konservativität. Auch hier ist es stets der konkrete Ort, der Körper, das Ritual, dessen Untergang beklagt wird – nicht weil es widerlegt wurde, sondern weil es niemanden mehr stört, dass es verschwindet. Der Sonntag stirbt nicht durch Argumente, sondern durch Gleichgültigkeit. Die Glocken läuten noch, aber sie rufen niemanden mehr, sondern klingen wie akustische Fossilien einer Zeit, in der man sich rufen ließ.

So wird der kleine Reim zur Mini-Ikone: nicht weil er schön wäre, sondern weil er zeigt, was verloren ging. Eine Welt, in der Gott nicht gesucht, sondern gefunden wurde – an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit. Sein Untergang ist kein Skandal, sondern eine leise Erosion. Und vielleicht ist das das eigentlich Bedauerliche: dass wir kaum noch Worte haben, um den Verlust dieser ehemaligen Selbstverständlichkeit überhaupt zu beklagen.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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