Sprengel Erfurt - Feuilleton

Beiträge zur Rubrik Feuilleton

25. Januar
Ester, Karl der Große, Paulus …

PAULUS, ESTER, KARL DER GROßE Der 25. Januar ist kein idyllisches Datum. Dieser Tag gehört an jene Stellen des Kirchenjahres, wo sich nicht Harmonie, sondern dringliche Entscheidung anmeldet. Die Kirche hat den 25.Januar seit alters her mit der Bekehrung des Apostels Paulus verbunden. Also mit einem Ereignis, das sich historisch nicht festmachen lässt, aber theologisch datiert wurde. Die Umkehr vom Saulus zum Paulus - so definierte die Kirche - ist kein zeitloser Gedanke, sondern Einschnitt...

Foto: Foto Buchcover: Reprodukt Verlag
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Benefizlesung des Soroptimist Clubs Weimar
Ulli Lust - die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte

Ulli Lust „Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte“ Der Comic des Jahres 2025 (Tagesspiegel) Der Weimarer Club von Soroptimist International lädt zur Benefiz-Lesung und Gespräch in die Sendehalle Weimar Pünktlich zum Frauentag lädt der Soroptimist Club Weimar zu Lesung und Gespräch mit Ulli Lust und Annette Seemann. Ulli Lusts Sachcomic-Bestseller schaut mit zeitgenössischem Blick auf die Anfänge der Menschheit, ihr soziales Zusammenleben oder die Geschlechterrollen verbindet sie gekonnt...

DA ICH EIN KNABE WAR
RETTET’ EIN GOTT MICH OFT

Als Friedrich Hölderlin im Herbst 1796 den Neckarraum verlässt und nach Frankfurt wandert, trug er wenig Gepäck bei sich, aber eine gefährliche Mischung im Innern: klassische Bildung, schwäbische Innigkeit, philosophische Glut – und eine Empfindsamkeit, die nicht auf Anpassung, sondern auf Durchbruch zielt. Der junge Dichter betritt nun das Haus des Bankiers Gontard, nicht nur als freier Geist, sondern auch als Hauslehrer. Äußerlich vielleicht eher eine demütigende Stellung, innerlich jedoch...

Buchpräsentation & Gespräch
Buchenwald — Im Dickicht vom Ettersberg

Acht Jahre durchstreifte Christian Rothe mit seiner Großformatkamera das riesige Areal auf dem Ettersberg bei Weimar. Ruinen, kaum noch erkennbare Fundamente, Treppen, Zäune, Wege bilden sich wie topografische Narben und Zeichen im undurchdringlichen Dickicht ab. Seine Schwarz-Weiß-Bilder sind die Grundlage des Foto- und Essay-Bandes (Preis der Stiftung Buchkunst Das Schönste Deutsche Buch 2025 und Goldmedaille des Deutschen Fotobuchpreises 25/26) — erschienen bei Hartmann Books. Am 7. Februar...

Richard Wagners “Lohengrin”
„Ha, nennst du deine Feigheit Gott?“

Berlin (18.1.26) „Ha, nennst du deine Feigheit Gott?“ Ortrud in Wagners “Lohengrin” Staatsoper Unter den Linden Berlin Romantische Oper in Drei Aufzügen – Text und Musik Richard Wagner Wagners Oper „Lohengrin“ wurde am 28. August vor 176 Jahren zur Goethefeier am Weimarer Hoftheater uraufgeführt. Kein geringerer als Franz Liszt dirigierte. Diese Oper verbindet u.a. ritterlich-historische Fabelmotive und religiöse Deutungsmuster. Im Zentrum steht eine Liebesgeschichte. Wie anders. Allerdings nur...

Philosophen vorgestellt
Heraklit von Ephesos

Der Satz Πόλεμος πάντων πατήρ ist bekannt. „Krieg ist Vater aller Dinge.“ Drei wenige Worte tragen eine Provokation in sich, die älter ist als jede christliche Theologie und von ihr nicht übergangen werden kann. Heraklit, der dunkle Philosoph von Ephesos, spricht vom Kampf als Ursprung, vom Krieg als schöpferischer Macht. Er äußert diesen Gedanken, der den schlichten Christenmenschen zunächst befremdet: Soll das Zerstörerische, das Trennende, das Gewaltsame der Vater von allem sein, was ist?...

DIE FRAGE

Es geschah zwar nicht im Anfang der Welt, aber doch an einem jener Punkte, an denen die Welt noch formbar war. Etwa dreihundert Jahre nach der Zeitrechnung, als Rom bereits alles besessen hatte außer Gewissheit, saß Konstantin, der Kaiser des neuen Roms, nicht mehr als Gott, aber noch als junger Mann zwischen allen Zeiten und Stühlen. Er war ein Lernender, ein Hörender, ein noch nicht Gefestigter – unsicher genug, um vom Weltenschicksal selbst befragt zu werden. Die Frage kam nicht aus dem Lärm...

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Henry Bergson und die Lebensphilosophie

War die sogenannte Lebensphilosophie der Versuch, dem Denken zu entkommen, indem man das eigene Leben wieder einholt? Das obige Foto des französischen Philosophen Henri Bergson, ernst, gesammelt, beinahe asketisch, wirkt wie ein stiller Kommentar zu dieser Frage, was die sogenannte Lebensphilosophie eigentlich gewesen sein wollte. Da schaut ein Mann an uns vorbei, der wie kaum ein anderer vom Leben gesprochen hat – von ihrer Zeit als Dauer (durée) eines Strömens, von schöpferischer Bewegung,...

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Theodor Lessing

Er hieß Theodor Lessing. Eine gewisse Schonfrist, die jedem von uns am Anfang des Lebens eigentlich zusteht, ist ihm schon von Geburt an verweigert gewesen. So schreibt er sinngemäß über sich selbst. Andere schritten wohl durch die Jahrzehnte ihrer Lebenszeit wie durch einen zwar schlecht beleuchteten Bahnhof, aber immer noch hoffend und  mit dem Gefühl wartend - es werde schon bald irgendein Zug kommen. Theodor Lessing jedoch blieb auf dem Bahnsteig stehen, während das Dach über der Halle...

Kloster Volkenroda
Beten, Bierbrauen und Verkosten

Ein Seminar zum Bierbrauen findet vom 16. bis 18. Januar im Kloster Volkenroda statt. Damit wird eine alte Tradition in dem Kloster neu belebt. Eingebettet in die Gebetszeiten des Tages werden alle Schritte mit Hilfe einer Kleinbrauanlage von 50 Litern in handwerklicher Art und Weise durchgeführt. Die Teilnehmer erfahren dabei Wissenswertes über die Geschichte des Bierbrauens, die Entwicklung in den Klöstern und gesundheitliche Aspekte des Bieres. Anmeldung:...

WENN DIESES LIED ERKLINGT ...
zur Philosophie der Kirchenaustritte

Es gehört inzwischen fast zum guten Ton, es beiläufig zu sagen:" Ich bin aus der Kirche ausgetreten." Man sagt es mit derselben Stimme, mit der man früher erklärte, keinen Festnetzanschluss mehr zu haben. Überholt. Unpraktisch. Zu teuer. Eine Telefonzelle auf dem Marktplatz, während man doch längst ein Handy besitzt. Und ja, Geld spielt auch eine Rolle. Jeder braucht es. Niemand gibt es gern für etwas aus, dessen Sinn nicht mehr unmittelbar einleuchtet. Mit dem schleichenden...

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Michel de Montaigne

Michel de Montaigne (1533–1592) gehört zu den frühen Gestalten eines Denkens, das den Menschen nicht mehr von metaphysischen Systemen her, sondern von seiner eigenen Endlichkeit aus betrachtet. Als Jurist, Staatsmann und Privatgelehrter zog er sich später aus dem öffentlichen Leben zurück, um in seinen Essays eine neue Form philosophischer Selbstprüfung zu entwickeln. Nicht Belehrung, sondern Klärung war sein Ziel: die nüchterne, unbestechliche Betrachtung dessen, was es heißt, als Mensch zu...

TURM UND ZEIT

Die Zeit hängt. An den Kirchtürmen. Nicht zufällig. Man sieht sie dort, groß, rund, autoritativ: Zifferblatt, Zeiger, Takt. Die Uhr ist zum Gesicht der Kirchen geworden, und richtete das Antlitz des Menschen für eine gewisse Zeit wieder nach oben in Richtung Himmel. Und genau darin liegt ein leiser, aber folgenreicher Verrat. Zeit war einmal etwas anderes. Sie floss. Sie kam und ging. Sie wurde erfahren, nicht gemessen. Der Tag begann mit dem Licht, endete mit der Dunkelheit. Der Mond wuchs und...

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Geschichten aus der Makulatur
Silvestergedanken

Der liebe Gott und der Teufel, das waren zwei resche Gesellen! Am Anfang sind sie einander auch gar nicht feind gewesen, wie es heute erzählt wird. Im Gegenteil - sie standen recht gut zueinander, wie ihr das auf den obigen Bildern auch sehen könnt. Die beiden waren eben nur entgegengesetzte Prinzipien ein und derselben geheimnisvollen Sache. Aber irgendwann war Schluss damit. Man weiß nicht mehr so richtig warum. Davon will ich Euch am Silvesterabend versuchen, die wirkliche und wahre...

Hoffmanns Erzählungen
JESUSKURVE

Am Anfang muss etwas vorangestellt werden. Warum? Weil erstaunlich viele, die hier weiterlesen oder zuhören, die Geschichte noch gar nicht kennen. Am Anfang steht eine Kneipe. Ort des Rauschtranks. Keine Kathedrale, kein Hörsaal, kein Olymp. Eine Kneipe. Dort sitzt Hoffmann, Dichter, Trinker, Liebender auf Widerruf. Er wartet auf Stella, eine Sängerin. Während diese auf der Bühne Donna Annas Part in Mozarts Don Giovanni singt, erzählt Hoffmann seinen Freunden – angeheitert, aufgekratzt und...

Faust-Apokryphen
Blick vom Berge Ararat in Richtung des kaiserlichen Thronsaals

Faust und Mephisto stehen auf dem Berge Ararat inmitten der Trümmer von Noahs gestrandeter Arche. Beide schauen in Richtung des kaiserlichen Thronsaals und sehen, wie am Silvesterabend die Menschen mit Knallern und Raketen versuchen, ihre Angst vor der Zukunft wirksam zu bekämpfen. Beim Herabschauen auf die Menschenwelt entsteht folgender Dialog, der alle Welträtsel schlechthinniger Existenz zum Thema hat. Faust behauptet, die Menschen würden irgendwann einen Weg finden, sich gegenüber allen...

Ausschnitt aus Dario die Giovanni (um 1420 vor 1490)
Jungfrau mit Einhorn  | Foto: JH
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Ausstellung im Museum Barberini
Einhorn – das Fabeltier in der Kunst

Einhorn – das Fabeltier in der Kunst Museum Barberini Potsdam noch bis 1. Februar 2026 Rund 150 Bildwerke und Objekte aus etwa 4.000 Jahren präsentiert das Museum Barbarini Potsdam. Und dies in Zusammenarbeit mit dem Musee de Cluny, Paris. Darunter befinden sich Arbeiten von Albrecht Dürer, Arnold Böcklin, Hans Baldung Grien, René Magritte und Rebecca Horn. Über 80 Leihgeber aus 16 Ländern haben sich beteiligt und ihre oft selten bis gar nicht ausgeliehenen Kunstwerke hergegeben. Die Liste ist...

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AUF DEN 28. Dezember
Festum Sanctorum Innocentium

Am andern Tage bietet sich durchs Fenster ein grausam böses Bild den Augen dar: Heran in Reihen zieht es wie Gespenster mit Rüstung, Schwert und Lanze offenbar. Zum Trommelschlag die schwarzen Fahnen wehen und Kriegsgesänge stimmte an die Schar. „Herod lässt seine Söldnertruppen gehen nach Bethlehem, zu stiften Mord und Not. Die Mütter wird es treffen, wird man sehen - denn unserm Kinde wünscht der König Tod!“ Der Engel, der mich führt, hob an zu trauern, indes den Himmel färbt des Abends Rot:...

CIVIL RELIGION
DER SANDMANN

VON DEN RESTEN GEHEIMER URRELIGIOSITÄT IM ARBEITER- UND BAUERNSTAAT Der Sandmann. Kleine Genealogie einer großen Schwellenfigur. Ja – der Sandmann. Der Sandmann ist eine jener Figuren, die man gewöhnlich unterschätzt. Man verordnet sie heute zwischen Kinderbett und Zahnbürste, zwischen Abendgruß und Gute-Nacht-Lied, und glaubt damit, das Männchen erledigt zu haben? Doch das ist ein Irrtum. Der Sandmann ist kein pädagogisches Vermahn- oder Unterhaltungsstück. Er ist eine Grenzfigur – und...

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Bert Hellinger 100.Geburtstag

Zum hundertsten Geburtstag Bert Hellingers Es gibt Lehrer, die man zitiert ohne sie zu kennen, und solche, die man erinnert, weil man sie hat kennen lernen dürfen. Bert Hellinger gehört zu den Letzteren. Man erinnert sich an ihn nicht wie an eine Theorie, sondern wie an eine starke Erfahrung. Er war ein Mann, der im Raum stand und etwas geschehen ließ, das sich nicht ohne Weiteres in Begriffe fassen ließ – und der gerade dadurch die begriffliche Ordnung herausforderte, auf der moderne...

zur Philosophie
... des Krippenspiels

Bald ist es wieder soweit - Heilige Nacht. Vielleicht werden Sie dann irgendwo in einer knatterkalten Kirche das Krippenspiel betrachten? Und da wird Ihnen irgendwie warm ums Herz ... Manche erinnern sich daran, dass sie irgendwann selber Maria spielen durften oder den König Herodes. Ganz früher. Krippenspiele führen die Dinge über die Realität hinaus in die wirkliche Wirklichkeit. Wirklichkeit ist das, was wirkt. Darauf kommt es an. Das eigentliche Krippenspiel findet nämlich im Geiste statt -...

ERBAULICH, ERBAULICH
Krippenspiele

Das hatten sie sich eigentlich ganz anders vorgestellt. Familie Schulze war in den Heiligabendgottesdienst gegangen, und alle hatten gehofft, ein Krippenspiel betrachten zu können. Aber es war kein Krippenspiel, es war ein wirkliches Spiel. Es ging nämlich um alles oder nichts. Zum Schluss sogar um Leben oder Tod. Oder Tod und Leben. Man kann das so oder so sehen. Aber wir wollen am Anfang beginnen, denn es geht immer am Anfang los, und man darf das Ende und den Schluss nicht zu schnell...

Menschen der Woche
Harald Schmidt: Weihnachten mit Kirche und Fondue

Harald Schmidt feiert Weihnachten nach eigenen Worten mit «Tannenbaum, Bescherung, Kirche, Fleischfondue». «Die Kinder, alle noch in Ausbildung, haben das Kommando», sagte der Entertainer. Beim Fondue bleibe ihm nur der Text: «Das blaue Stäbchen ist meins.» Der 68-Jährige, der in einem katholisch geprägten Elternhaus im schwäbischen Nürtingen aufgewachsen ist, hat nach eigener Aussage keine Sicherheitsbedenken beim Besuch von Weihnachtsmärkten. Gerade erst sei er in Ulm über den Weihnachtsmarkt...

Erinnerungen …
Leberecht Gottlieb Teil 136

Es war im zweiten Monat seiner Haft in jenem Straflager bei Workuta und am dritten Tag des Monats Mai. Das Lager trug offiziell keinen Namen, inoffiziell aber wurde es von allen „der Kühlschrank Gottes“ genannt, weil hier jeder Atemzug zu eisiger Tortour gerann und selbst das Schweigen erfror. Leberecht Gottlieb stand an jenem Morgen in einer Schlange, die sich in die Wohnbaracke wand wie ein erschöpftes Reptil aus Wolle und Menschen. Es war Rasurtag. Der Tag, an dem das Lagerführungskommando...

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