Beiträge zur Rubrik Feuilleton

Würde und Schwierigkeit
DER KONSERVATIVISMUS

Bevor wir über Konservatismus sprechen, müssen wir zunächst ein merkwürdiges Phänomen unserer Zeit betrachten. Wer eine neue Theorie entwickelt, wird gehört. Wer eine alte Wahrheit verteidigt, muss sich rechtfertigen. Darin liegt bereits eine geistige Vorentscheidung verborgen. Das Neue besitzt in den Augen des modernen Menschen einen Vorschuss an Glaubwürdigkeit. Das Alte hingegen steht unter Verdacht. Es muss beweisen, dass es noch existenzberechtigt ist. Aus dieser Voraussetzung ergibt sich...

Sie erinnern mich daran ...
... was ich verliere

Nun war der alte Mann wirklich schon sehr alt. Und jetzt lag er sogar endgültig im Bett. Man überlegte, was man mit ihm machen solle. Nach Hause schicken ging nicht, da war keiner mehr. Ins Heim, ja gut, aber wie lange würde er es dort aushalten? Wäre es dann nicht doch gleich besser, ihn ins Hospiz zu schicken? All das stand dringend als Frage im Raum und der alte Mann ahnte wohl, dass man sich solche Gedanken über ihn machte. Er lag in seinem Pflegebett und schaute an die Decke, wo eine...

Krieg und Frieden
Bänkelgesang

Ein starker Mann war Goliath, sehr groß - und ziemlich dumm. Er trieb sich täglich stundenlang in Muckibuden rum. Als die Philister sammelten ihr Heer zu Kampf und Krieg, da wollt’ er der Gewinner sein, und grölte „Heil und Sieg.” Den stellte das Philistervolk in erster Reih’ zum Lauf. Und fordert das Volk Israel zu einem Zweikampf auf. Sechs Ellen hoch der Trottel maß und hatte einen Speer, so dick als wie ein Weberbaum von - ich weiß nicht woher. Der Goliathor stellt sich hin und brüllte:...

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
TIER UND TELLER

Der Göttinger Philosoph Leonard Nelson formulierte einen Gedanken, der heute zu den Grundüberzeugungen vieler Tierethiker gehört. Tiere, so sagt er, hätten ein eigenes Interesse am Leben. Und um zu entscheiden, ob sie Rechte besitzen, müsse man sich lediglich fragen, ob wir selbst bereit wären, von einem überlegenen Wesen als bloßes Mittel für dessen Zwecke benutzt zu werden. Leonard Nelson (1882–1927) war ein deutscher Philosoph, Mathematiker, Logiker und Sozialethiker. Er gehört zu den...

IM GEISTE ...
... AUF DEM BERG

Im letzten Buch der Bibel sieht Johannes eine Stadt. Nicht irgendeine Stadt, sondern die neue Stadt Gottes. Das himmlische Jerusalem. Und er schreibt einen merkwürdigen Satz. Er sagt nicht: Ich habe sie entdeckt. Er schreibt nicht: Ich habe sie berechnet oder erfunden. Sondern: „Er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem.“ (Apoc 21,10) Nicht, dass das Sonneberg war? Oder Sonneberg heute zumindest gemeint ist? Die Spielzeugstadt des...

Die Weise von Feuer und Liebe zur Kirche
Leberecht Gottlieb (Teil 150)

150. Kapitel, in welchem Leberecht Gottlieb eine Pfingstphantasie zum Besten gibt und wir einen Eindruck davon bekommen, wie der alte Geistliche die Dinge sieht, die man nicht sehen kann ... Von der Kirche, welche brennt, träumt der Superintendent. Träumt vom Früherwachen. Dunkel noch die Gassen. Über Feldern liegt ein fahler Schein, die Sonne hebt ihr Lid aus Gold und rotem Glanz, davon der Morgen langsam wächst wie die Gedanken Gottes. Heut ist Pfingsten. Er ginge kirchwärts. Träumt er!...

Schönster Herr Jesu ...
YOUR OWN PERSONAL JESUS

Der Sonntag Exaudi gehört zu den merkwürdigsten Tagen des Kirchenjahres. Christus ist fort. Und der Geist noch nicht da. Die Kirche besaß kein Denken - keine Sprache. Sie hatte keine Sicherheit in Dogmatik, keine Liturgie in der späteren so überaus vollendeten Gestalt. Sie taumelte gleichsam zwischen Himmel und Erde wie ein Mensch, dessen Geländer plötzlich zu Ende ist und fehlt. Gerade deshalb ist dieser Sonntag vielleicht der modernste aller Sonntage. Denn genau so leben viele Menschen heute....

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Ortega y Gasset - AUFSTAND DER MASSEN

José Ortega y Gasset gehört zu jenen europäischen Denkern des 20. Jahrhunderts, die heute merkwürdig halb vergessen und zugleich halb bestätigt wirken. Der spanische Philosoph, geboren 1883 in Madrid, war kein Parteipolitiker im engeren Sinne, sondern ein Diagnostiker der geistigen Atmosphäre Europas. Sein berühmtestes Werk „Aufstand der Massen” erschien 1929 unmittelbar vor dem großen europäischen Absturz in Totalitarismus, Krieg und ideologischen Massenrausch. Ortega beobachtete damals etwas,...

Vita sancti Bonifatii Martyris de Tarsis
DIE EISHEILIGEN 14. MAI 2026

Bonifatius war ein Jüngling römischer Herkunft, aufgewachsen im Haus einer edlen Matrone namens Aglaia, deren Schönheit und Vermögen in der Stadt weit bekannt waren, doch deren Herz in jenen Tagen noch nicht zu Christus gefunden hatte. Bonifatius diente ihr mit freiem Gemüt und zuweilen übermütiger Zunge, denn er war nicht nur klug, sondern auch weltlich gesinnt, und sein Leben stand im Zeichen der Wollust und der Kunst. Doch siehe, Aglaia, die sich in den beginnenden Tagen ihres Alterns...

drei gute Freunde
Steiner - Morgenstern -Rittelmeyer

„Wir können nie, was um uns lebt und webt, erstaunt und tief genug betrachten; denn unser Sinn, zur Flachheit neigend, strebt zu sehr danach, die Dinge zu missachten. Indes der Mensch nach Unerhörtem hascht, erstirbt der feine Sinn ihm für das Kleine; und was ihn nicht als Wunder überrascht: das dünkt ihm das Natürliche, Gemeine. Und doch ist Wunder diese ganze Welt! Und nichts in ihr ist einfach und gewöhnlich; denn wir vergessen stets: sie steht und fällt mit dir, mit mir; sie ist durchaus...

SCHICKSAL
Leberecht Gottlieb (Teil 149)

„Er war einer jener Deutschen gewesen, die, kaum dass sie einen halbwegs tragfähigen Gedanken gefasst haben, schon damit begannen, ihn moralisch auszuschlachten.” Genau so erzählte es Wibald Ruthaus, als wir uns an jene unglückliche Expedition nach Ägypten erinnerten, von welcher die Zeitungen damals wochenlang voll gewesen waren. Überall diese Photographien: Menschen mit Leinenjacken und Gesichtsausdrücken voll angestrengter Menschlichkeit, vor ihnen die rückzugebende antike Totenmaske, hinter...

Kantate
Der Mensch als Vogel

KANTATE - SINGET … Stellt euch vor: Ihr kauft einen Kanarienvogel. Stolz kommt man aus der Vogelhandlung zurück nach Hause. Ihr habt einen wunderbaren Draht-Käfig, Vogelfutter, Hirse und den bunten Kanarienvogel Hansi. Den habt ihr gewollt. Wirklich gewollt, weil ihr allein seid. Ihr wollt gern Unterhaltung haben und habt gehört, diese Vögel können manchmal sogar sprechen und auf alle Fälle wunderbar singen. Ihr stellt den Käfig ans Fenster, dort, wo die Sonne hinscheint. Nicht zu stark, aber...

ELF
Alea iacta est

Die Soldaten saßen im Staub. Es war heiß. Der Wind kam vom Hügel und trug den Geruch von Blut und Eisen mit sich. Einer hatte einen Becher. Drei Würfel lagen darin. Das Gewand lag neben ihnen. Es war nicht zerrissen. Das war der Grund, warum sie würfelten. „Drei Würfel“, sagte einer. „Ist gut“, sagte ein anderer. Er schüttelte den Becher. Die Würfel klackten hart. Er warf sie auf den Boden. Sie rollten kurz und blieben liegen. Elf. „Wieder“, sagte der mit der Narbe. Sie nahmen die Würfel auf....

Nägel
Zahl & Winkel

Die Eigenart der christlichen Bildtradition wird auch dort besonders interessant, wo sie mit Hilfe von Zahlen Tiefe, Breite und Höhe der Heilsgeschichte sichtbar macht. Das Geheimnis des Glaubens wurde stets auch mit bestimmten Maßen und Proportionen zu ordnen versucht. Die Frage nach dem Winkel etwa, mit dem die Arme des Gekreuzigten sich ausbreiten oder die Anzahl der Nägel, mit denen der Leib Christi am Kreuz befestigt ist – drei oder vier –, mag auf den ersten Blick nur wie ein...

The Book of Mormon
ein Musical besonderer Art ...

Die Uraufführung dieses wirklich krassen Musicals fand am 24. März 2011 am Eugene O’Neill Theatre in New York City statt. Seitdem läuft The Book of Mormon dort durchgehend (mit kurzer Unterbrechung während der COVID-Zeit). Das heißt: über 15 Jahre Spielbetrieb – für ein Musical eine außergewöhnlich stabile Laufzeit. Man würde die eigentliche Pointe dieses Stücks verkennen, wenn man es vorschnell als respektlose Religionssatire oder als bloße Broadway-Übertreibung ablegt. The Book of Mormon...

De ecclesia - quae se intellegere debet
Erkenntnis und Interesse

Die Kirche hat sich zu allen Zeiten als Trägerin der Wahrheit verstehen wollen – wohl nicht als deren Besitzerin, aber zumindest als deren Dienerin. In dieser Haltung liegen Größe und Gefahr zugleich. Denn wo Wahrheit bezeugt wird, stellt sich unweigerlich die Frage nach den Bedingungen eines solchen Zeugnisses. Ist das, was die Kirche lehrt, reine Durchgabe von altem „Wissen”? Oder ist dieses Wissen bereits durchzogen von jenen Kräften, die alles menschliche Erkennen begleiten -...

Leberecht Gottlieb (Teil 148)
die Götter

Er kam aus einem Pfarrhaus. Es war ordentlich dort, aber nicht warm. Es gab Bücher, viele Bücher, und sie standen gerade, als würden sie sich selbst bewachen. Sein Vater sprach leise, aber bestimmt. Seine Mutter sorgte dafür, dass alles seinen Gang ging. Man aß zur festen Zeit. Man schwieg auch zur festen Zeit. Er hörte früh, dass viele große Männer aus solchen Häusern kamen. Dichter, Denker, Gelehrte. Es klang wie ein Versprechen, das nicht ihm galt, aber doch in seiner Nähe lag. Er nahm es an...

20 Jahre ZORN & ZEIT
Partei als Rachebank

Peter Sloterdijks Buch ZORN UND ZEIT erschien in erster Auflage vor genau zwanzig Jahren beim Verlag Suhrkamp. In jenen Tagen existierte die Partei mit dem Kürzel AfD noch nicht – aber es gab im Blick auf die politische Situation natürliche Unzufriedenheiten. Sloterdijk diagnostizierte damals auf unterhaltsame und fast spielerische Art und Weise, wie Zorn und Zeit sich zueinander verhalten. Die begriffliche Nähe des Buchtitels ZORN UND ZEIT zum Heideggerschen SEIN UND ZEIT sprang natürlich...

de anima
ÜBER DIE SEELE

Es gehört zu den langlebigsten Selbstverständlichkeiten der europäisch-geistigen Innenwelt, dass der Mensch eine Seele „hat“. Dieses Haben ist bereits verräterisch. Es setzt nämlich eine Differenz voraus, die lange nicht gedacht werden musste. Aber als ein Athener namens Platon sie mit der Eleganz eines geistigen Chirurgen freilegte – hier der Körper, dort die Seele –, wurde diese Differenz zur Grundmelodie des Abendlandes. Platon erfindet die Seele nicht, aber er macht sie zur...

Auferstehungsphantasie
CHRISTALL

Da liegt er nun in einem reinen Tuche – als ausgestreckter Leichnam sabbathnah. Man schloss die Gruft und eilte fort vom Fluche, der toten Körpern je und je geschah. Denn gegen die Verwesung hilft kein Schminken, auch nicht bei Helden, wie von Golgatha. Grad noch, bevor die Sonne will versinken, nahm man den Leichnam rasch vom Kreuze ab. Und als die lieben Abendsterne blinken, da legen sie ihn in ein Felsengrab. Still und verhüllt von teurer, feiner Leine, die irgendeiner ihnen spendend gab. Es...

GESCHICHTEN VOR DER WAHL (TEIL 1)
die Notfallseelsorgerin

Ja - sie ist also tatsächlich gekommen, die Notfallseelsorgerin, diese außerordentlich nette und beherzte Notfallseelsorgerin mit den blonden schwarzen Haaren, mit dieser widersprüchlichen Frisur - blond und schwarz zugleich - was man eigentlich für unmöglich halten müsste, aber in Mecklenburg, wie jeder weiß, ist es möglich. Weil in Mecklenburg-Vorpommern überhaupt alles möglich ist. Und da ist sie also aus diesem Seidenmalereikurs förmlich herausgerissen worden, ausgerechnet aus einem...

как закалялась сталь
Leberecht Gottlieb (Teil 147)

147. Kapitel, das den Walzwerkarbeiter aus Stendal im Salon der Damen um Frau Else Lasker-Schüler examiniert. Und wie Dieter Müller ihnen eine Lektion erteilt, indem er fast nichts sagt, aber alles erklärt ... „Hier geblieben, Freundchen!“ hatte Doña Pia Marie ihm geboten. Als er sich also wieder gesetzt hatte, breitete sich Stille bis in den letzten Winkel des Salons aus. Es war, als ob die Sprache vor etwas stehen geblieben wäre, das sich nicht sagen lassen wollte. Zunächst geschah deshalb...

Dieters Geschichte
Leberecht Gottlieb (Teil 146)

146. Kapitel, welches beschreibt, dass Dieter Müller es tatsächlich geschafft hat, seine Walzwerkwelt mit der des Literatursalons zu vertauschen - und wie er eine Geschichte erzählt, die es in sich hat. Niemand wusste, wie dieser Mann es geschafft hatte. Dieser Walzwerkarbeiter Dieter aus Stendal mit dem ölverschmierten Gesicht, den schweren Schuhen mit Stahlkappen und den Händen, die wie Reibeisen waren. Aber eines Tages, an einem Donnerstag, klopfte er tatsächlich an die Salontür Else...

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