Sonneberg - Feuilleton

Beiträge zur Rubrik Feuilleton

de anima
ÜBER DIE SEELE

Es gehört zu den langlebigsten Selbstverständlichkeiten der europäisch-geistigen Innenwelt, dass der Mensch eine Seele „hat“. Dieses Haben ist bereits verräterisch. Es setzt nämlich eine Differenz voraus, die lange nicht gedacht werden musste. Aber als ein Athener namens Platon sie mit der Eleganz eines geistigen Chirurgen freilegte – hier der Körper, dort die Seele –, wurde diese Differenz zur Grundmelodie des Abendlandes. Platon erfindet die Seele nicht, aber er macht sie zur...

Auferstehungsphantasie
CHRISTALL

Da liegt er nun in einem reinen Tuche – als ausgestreckter Leichnam sabbathnah. Man schloss die Gruft und eilte fort vom Fluche, der toten Körpern je und je geschah. Denn gegen die Verwesung hilft kein Schminken, auch nicht bei Helden, wie von Golgatha. Grad noch, bevor die Sonne will versinken, nahm man den Leichnam rasch vom Kreuze ab. Und als die lieben Abendsterne blinken, da legen sie ihn in ein Felsengrab. Still und verhüllt von teurer, feiner Leine, die irgendeiner ihnen spendend gab. Es...

GESCHICHTEN VOR DER WAHL (TEIL 1)
die Notfallseelsorgerin

Ja - sie ist also tatsächlich gekommen, die Notfallseelsorgerin, diese außerordentlich nette und beherzte Notfallseelsorgerin mit den blonden schwarzen Haaren, mit dieser widersprüchlichen Frisur - blond und schwarz zugleich - was man eigentlich für unmöglich halten müsste, aber in Mecklenburg, wie jeder weiß, ist es möglich. Weil in Mecklenburg-Vorpommern überhaupt alles möglich ist. Und da ist sie also aus diesem Seidenmalereikurs förmlich herausgerissen worden, ausgerechnet aus einem...

как закалялась сталь
Leberecht Gottlieb (Teil 147)

147. Kapitel, das den Walzwerkarbeiter aus Stendal im Salon der Damen um Frau Else Lasker-Schüler examiniert. Und wie Dieter Müller ihnen eine Lektion erteilt, indem er fast nichts sagt, aber alles erklärt ... „Hier geblieben, Freundchen!“ hatte Doña Pia Marie ihm geboten. Als er sich also wieder gesetzt hatte, breitete sich Stille bis in den letzten Winkel des Salons aus. Es war, als ob die Sprache vor etwas stehen geblieben wäre, das sich nicht sagen lassen wollte. Zunächst geschah deshalb...

Dieters Geschichte
Leberecht Gottlieb (Teil 146)

146. Kapitel, welches beschreibt, dass Dieter Müller es tatsächlich geschafft hat, seine Walzwerkwelt mit der des Literatursalons zu vertauschen - und wie er eine Geschichte erzählt, die es in sich hat. Niemand wusste, wie dieser Mann es geschafft hatte. Dieser Walzwerkarbeiter Dieter aus Stendal mit dem ölverschmierten Gesicht, den schweren Schuhen mit Stahlkappen und den Händen, die wie Reibeisen waren. Aber eines Tages, an einem Donnerstag, klopfte er tatsächlich an die Salontür Else...

L A T E X

Nachdem der Zweite Krieg über Europa hinweggegangen war, Städte, Häuser, Fabriken und Kirchen in Trümmern lagen und jede Form nationaler Orientierung nicht nur erschüttert, sondern weitreichend auch zerstört worden war, standen zwei Hauptaufgaben im Raum. Die eine darin, zu klären, warum es so weit gekommen war. Die andere darin, das Geschehene hinter sich zu lassen – oder es wenigstens zu überdecken. Beide Bewegungen liefen nebeneinander her, ohne sich recht versöhnen zu können. Die einen...

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Wort und Ohr
Leberecht Gottlieb (Teil 145)

145. Kapitel, das uns ein sonderbares Erlebnis der Frau Luise Meysenburg-Arendt berichtet, und wir ein Gedicht hören und lesen können, welches Stefan George zuzuschreiben wäre, wenn wir nicht wüssten, dass es ein anderer geschrieben oder Frau von Meysenburg selber es der Muse abgerungen haben könnte ... Alsbald verließ Leberecht Gottlieb den Salon. Else Lasker-Schüler hatte ihm aus der Ferne noch mit einem Blick gewinkt. Und so trat der auf diese Weise Beschenkte auf die Straße mit einer...

Im Salon der Frau Else Lasker-Schüler
Leberecht Gottlieb (Teil 144)

144. Kapitel,  in dem uns berichtet wird, wie der Kreis der Damen und Herren im Salon die Geschichte Leberecht Gottliebs aufgenommen hat, wie es in Salons zuzugehen pflegt und wie man den alten Geistlichen nun zu beurteilen und zu bekritteln beginnt ... Als Leberecht Gottlieb an jenem Abend die Schwelle des kleinen Lokals überschritt, auf dessen beschlagener Schaufensterscheibe mit weißer Kreide die Worte „Else’s Salon“ standen, war ihm, als träte er weniger in einen Raum als in einen bereits...

Nosferatu
Leberecht Gottlieb (Teil 143)

143. Kapitel, das uns zeigt, wie Leberecht Gottlieb eine Erinnerung aus dem Gedächtnis hervor holt - und zu einer wirklich fesselnden Geschichte macht, um sie am nächsten Donnerstag vorzulesen - und sich damit im Salon der Else Lasker-Schüler einzufinden ... Nachdem Leberecht Gottlieb sich, in einer jener Entscheidungen, die weniger als Entschluss denn als leise Einwilligung erscheinen, dazu verstanden hatte, in den Erprobungsräumen der asphodelischen Wiese zu verweilen – jenem merkwürdigen...

Workuta Adieu …
Leberecht Gottlieb (Teil 142)

142. Kapitel,  welches vom Einsturz der Bleimine in Workuta erzählt und unseren Held aus seiner Zwangslage  auf die Eleusische Wiese Asphodeliens führt und er dort den Violetten Engel trifft ... Der Einsturz kam ohne jede Ankündigung, ohne vorlaufendes Grollen,  das den Katastrophen feierliche Rahmung verleiht, kam ohne den Donner, der das Ungeheure in die Ordnung der Erwartung stellt. Nichts dergleichen. Es war ein trockenes, plötzliches Brechen, als habe die Erde selbst, die man doch für...

Krasse Geschichten (Teil 3.2)
Man tut was man kann

Des herzoglichen Kutschers Philipp Schelers Geschichte von dem mutigen Straßen-Sperling hatte dann den letzten Ausschlag gegeben. Man musste es probieren. Man musste so tun, als ob es gelänge. Jeder muss das tun, was er kann. Man muss manchmal sogar etwas tun, was man nicht kann. Es gilt alles zu wagen … Schon lange vor dem Jahr 1687 ließ Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg den Weinkeller des Schlosses Friedenstein im Südflügel zu einem Laboratorium umrüsten. Mit Regalen, einer...

HERDER-KORRESPONDENZ (3/2026
DISRUPTIVE ZEITEN

In der Ausgabe (3/2026 - S.21-23) der HERDER-KORRESPONDENZ (Monatsheft für Gesellschaft und Religion) findet sich der für meine Begriffe ausgesprochen interessante Artikel DISRUPTIVE ZEITEN von Helmut Zander. Ich gebe hier den Inhalt wieder, so wie ich ihn verstanden habe. Mut beim Lesen ist hilfreich ... Man hat sich fast schon daran gewöhnt, die Säkularisierung als schleichenden Verfallsprozess des christlichen Glaubens zu beschreiben – als ein langsames Ausdünnen seiner religiöser Substanz....

KRASSE GESCHICHTEN (Teil 2)
IN GERASA - Markus 5

Es war eine Gegend, in der Dinge nicht gern benannt werden. Selbst Wind, der vom See herüber wehte, schien sich zu scheuen, eindeutig zu sein. Als wüsste er, daß jedes Geräusch das aufwecken könnte, was besser ruhen sollte. Auch die Hügel schienen dem zuzustimmen. Grau lagen sie da, von einer gleichgültigen Beständigkeit und zwischen ihnen zogen sich alte Grabeshöhlen hin wie vergessene Gedanken. Dort lebte ein Mann. Der Mann. Sollte man nicht lieber sagen, dass er hauste? Nein, auch das wäre...

KRASSE GESCHICHTEN (Teil 1)
HANANIAS UND SAPHIRA

Es war eine jener Stunden, in denen selbst die Luft zu ruhen scheint. Als hätte sie beschlossen, sich nie mehr zu bewegen, um das Geschehende auf keinen Fall zu stören. So lag in jenem Hause, das den Jüngern als Versammlungsort diente, der eigentümlichste Zustand zwischen Erwartung und Müdigkeit – wie ein Nachmittag, der sich nicht recht entscheiden kann, ob er in den Abend übergehen oder lieber doch einfach stehenbleiben sollte. Die junge Gemeinde, die sich um die Erinnerungen an den...

☩ 26. März 1675 ☩
Ernst der Fromme

Es war der gute Wille, selbstverständlich war es der gute Wille, der immer wieder beschworene gute Wille, der alles in Bewegung setzte und am Ende alles auseinandertrieb. Man muss sich das vorstellen: ein Herzog, Ernst I. von Sachsen-Gotha-(Altenburg), der mit jener protestantischen Ernsthaftigkeit regiert, die nicht nur regieren, sondern ordnen, erziehen, verbessern will – Schulen, Kirchen, Verwaltung, alles wird verbessert, alles wird geordnet, alles wird, wenn man so will, moralisch...

Du, du ...
... gehst an mir vorbei

Es war eine dieser Dorfkirchen, die schon lange verschlossen sind. Nicht böswillig verschlossen, nicht feindselig – eher wie ein altes Haus, dessen Bewohner ausgezogen sind und das nun auf nichts mehr wartet. Höchstens darauf, dass jemand sich erinnert, wozu es einmal da gewesen ist. Die Frau, die dort vorbeikam, hieß Johanna Katharina. Sie war eine von jenen Menschen, die man früher als empfindsam bezeichnet hätte und später als medial. In ihrer Jugend hatte sie Wünschelruten geführt und...

Beobachtungen ...
... vom Rande des Geschehens aus

Es ist ein altes Problem. Vielleicht so alt wie die Geschichte der Ideen selbst. Eine Theorie kann überzeugend sein – ja, bisweilen sogar so überzeugend, dass man beim Lesen oder Hören den Eindruck gewinnt, hier werde endlich etwas ausgesprochen, das schon lange in der Luft lag. Und doch geschieht dann bald etwas Merkwürdiges: Sobald man den Kreis derjenigen betrachtet, die dieser Theorie folgen, kann einen das Gefühl der Fremdheit beschleichen. Man merkt plötzlich, dass man zu dieser Schar...

Spannung
Erich Przywara

Erich Przywara (1889–1972) gehört zu den eigenwilligsten katholischen Denkern des 20. Jahrhunderts. Der Jesuit, geboren im schlesischen Kattowitz, trat früh in den Orden ein und wurde zu einem der einflussreichsten theologischen Vermittler zwischen Philosophie und Mystik. Seine Vorträge und Schriften wirkten weit über die katholische Welt hinaus. Denker wie Karl Barth oder Hans Urs von Balthasar nahmen an seinem Denken Maß – manchmal zustimmend, manchmal in entschiedener Gegenwehr. Przywaras...

Uncle Tom’s Cabin
Leberecht Gottlieb (Teil 141)

140. Kapitel, welches uns an das wunderbare Buch von Harriet Beecher Stowe erinnert ... und uns die Tränen in die Augen treiben wird, wenn wir Sinn und Geschmack für das Unendliche haben. Das Licht in der Grube war schwach. Die Lampe hing schief an einem Haken im Holz. Der Staub lag in der Luft wie ein feiner Nebel. Wenn man einatmete, schmeckte man Metall. An diesem Abend sprach nicht Leberecht Gottlieb. Sondern Pawel Samuelkow stand auf. Er war ein breiter Mann mit schweren Händen. Sein Bart...

Jugendweihe
Was ist Synkretismus?

Man hat gesagt, die Jugendweihe finde statt, und weil man gesagt hat, sie finde statt, musste sie natürlich auch stattfinden, obwohl jeder wusste, dass sie eigentlich längst nicht mehr stattfindet, wenigstens nicht mehr so, wie sie einmal stattgefunden hatte, in jener Zeit, in der noch jeder wusste, was eine Jugendweihe ist, und in der es auch noch genügend Jugendliche gab, die man weihen konnte, während es jetzt immer weniger Jugendliche gab und gleichzeitig immer mehr Ausschüsse, Vereine,...

Klo und Kirche
Ein Versuch

Die Kirche lag oberhalb des Dorfes. Sie war aus hellem Stein gebaut und hatte breite Fenster. Das Licht fiel ruhig in den Raum. Es war Kar-Samstag, und eine kleine Gemeinde hatte sich zu einer Meditationsstunde versammelt. Die Dame setzte sich in eine Bank in der Mitte. Sie war nicht besonders religiös, aber sie mochte die Stille solcher Räume. Der Pfarrer begann zu sprechen. Er sprach langsam. Die Worte kamen ordentlich und gut geordnet, wie es in reformierten Kirchen oft ist. Nach einiger...

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Georg II. von Sachsen-Meiningen
Der Theaterherzog

Am 2. April jährt sich zum zweihundertsten Male die Geburt des Herzogs Georg II. von Sachsen-Meiningen, jenes sonderbaren Fürsten, den die Theatergeschichte mit einer gewissen Zärtlichkeit den Theaterherzog nennt. In der politischen Welt des 19. Jahrhunderts war sein Herzogtum kaum mehr als ein geographischer Zwischenraum ohne militärische Macht, ohne diplomatische Bedeutung, ohne das Pathos jener großen Entscheidungen, aus denen gewöhnlich die Geschichtsbücher Kapitel schlagen. Doch gerade die...

Immer wieder gern
Leberecht Gottlieb (Teil 140)

140. Kapitel, in welchem wir erfahren, dass es manche Dinge und Personen gar nicht gibt. Aber es darauf ankommt, wie die Geschichte, die von ihnen erzählt wird, so gut ist - und mit einem Auftrag endet. Wir wissen, daß Leberecht Gottlieb, im beinahe neunzigsten Lebensjahr stehend, in einem Bleibergwerk bei Workuta von russischen Geheimdienstlern einquartiert ward. Warum? Weil er sich weigert, seine Verbindungsmänner zu einem Thinktank preiszugeben, dem es gelungen sein soll, mit Hilfe...

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