Sonneberg - Feuilleton

Beiträge zur Rubrik Feuilleton

Buchempfehlung
Die Ernestiner (Teil 1)

Am Anfang stand eine Teilung, und jede Teilung ist bereits ein Versprechen und zugleich Verlust. Diese Teilung war ein Akt nüchterner Berechnung. Im Jahre 1485 saßen zwei Brüder, Ernst und Albrecht, Söhne des 21. Jahre vorher verstorbenen Kurfürsten Friedrich II., den man den Sanftmütigen nannte, über Karten, Urkunden, Einkünften und Rechten, und beschlossen, das große Erbe der Wettiner zu zerschneiden - wie ein kostbares, aber unhandliches Tuch. Das war die sogenannte Leipziger Teilung, und...

so wird es sein in diesen tagen
OMA SANDRA

Und nun müssen wir uns an die Geschichte von Oma Sandra machen. Sie heißt: Oma Sandra oder der feste Glaube. Dabei wird es sich nicht nur um eine futuristische Dystopie handeln, sondern um die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Weit hinaus in das Jahr 2120 führt der Weg.  Die Kirchen gibt es längst nicht mehr. So geht es los. Und in der Grammatik keine Tempusformen mehr. Einzelne Menschen jedoch haben von ihren Großeltern noch Reste des Glaubens übermittelt bekommen. Dazu gehört auch Sandra,...

VERWANDLUNGEN
Lesen als Sakrament

Es soll hier von der merkwürdigen und beinahe anstößigen Behauptung die Rede sein, dass Texte dem Menschen helfen können, sein Leben zu bestehen. Nicht irgendwelche Texte, nicht Gebrauchsanweisungen und Verwaltungsprosa, sondern starke Texte, solche von eigentümlicher Dichte und innerer Glut. Vor allem die Evangelien – gleich ob nach Markus, Lukas, Matthäus oder Johannes – daneben Opernlibretti, große Filmdrehbücher, autobiographische Bekenntnisse. Texte also, die nicht informieren, sondern...

William Blake - the Messiah
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Georg Friedrich Händel - 341. Geburtstag
The Messiah

Als Georg Friedrich Händel, auf dessen Geburtstag wir uns heute am 23.Februar (dem alten julianischen Kalender nach) besinnen, im Jahr 1741 den Messiah komponiert hatte, war damit etwas Merkwürdiges ins Werk gesetzt. Händel verzichtete auf Bühne, Kostüm und dramatische Handlung – und schuf dennoch ein Werk von dramatischer Wucht. Keine einzelnen Rollen treten unter irgendwelchen Masken auf. Und doch entfaltet sich die Heilsgeschichte der Kirche in einer Klarheit, die nicht theatralisch wirkt,...

Heute, Leute! 238. Geburtstag ...
ARTHUR SCHOPENHAUER

Er hat Geburtstag. Immer am 22. Februar. 238 Jahre alt im Jahr 2026. Arthur Schopenhauer. Der kleine Arthur wird 1788 in Danzig geboren und seine Vorfahren sind vermögende Kaufleute. Ähnliches soll der Bub später auch mal machen (Zeug kaufen und wieder verkaufen) - aber der kleine stolze Mann wird doch lieber Philosoph, der Zeit seines Lebens sehr viel von sich selber gehalten hat. Daran können wir uns ein richtiges Beispiel für uns selber nehmen: Einer gehe seinen Weg - unbeirrt von dem, was...

"Lebe wohl, lebe wohl ..."
Leberecht Gottlieb (139.Teil)

139. Kapitel, in welchem Leberecht Gottlieb erzählt. Er erzählt die „Geschichte von der Unbarmherzigkeit der Geschichte”. Leberechts Mitgefangenen im Bleibergwerk bedrängen den alten Pastor, sie betteln und bitten ihn, noch eine zweite Geschichte zu erzählen. Und Leberecht Gottlieb, der die erste mit zittriger Hand in das staubige Heft geschrieben hatte, braucht diesmal weder Papier noch Stift. Er setzt sich auf einen kalten Klumpen Erz, der wie ein schwarzes Herz im Halbdunkel liegt, und...

Briefwechsel …
Leberecht Gottlieb (Teil 138)

138. Kapitel, in welchem Leberecht Gottlieb aus der Erinnerung heraus den Hergang einer hochnotpeinlichen Verhandlung vor dem Halsgericht des Fürstentums Sachsen-Meiningen extemporiert … Einleitung Die literaturverehrenden Gefangenen im Bleibergwerk zu Workuta hatten - begeistert vom Vortrag des Dichters Dimitri Wolkows -  beschlossen, einen Wettbewerb auszuloben. Wer nämlich die beste Geschichte schriebe, der würde von den Gefangenen ein wenig des jedem täglich zugeteilten Brotes erhalten. Im...

das ist hier die Frage
Fall oder Aufstieg

Es ist für manche von uns, so wollen wir offen gestehen, ein eigentümliches Vergnügen, von jener bekannten Angelegenheit zu sprechen, die man gemeinhin den „Sündenfall“ nennt. Und welche Angelegenheit – bei näherer Betrachtung – vielleicht weniger ein Fall als vielmehr ein Aufstieg gewesen sein könnte, freilich von seltsam unerquicklich-schillernder Art. Man hat fast immer gelehrt, es habe sich bei dieser Sache um einen Akt des Ungehorsams gehandelt, begangen von zwei überaus anmutigen,...

Liturgie eines Hochstaplers
Die Bekenntnisse des Felix Krull

Kurz vor dem Aschermittwoch, wenn die Masken fallen und der Karneval sein Ende findet, mag es angezeigt sein, den Blick auf ein Buch zu richten, das im engeren wie im weiteren Sinn vom Maskenspiel des Lebens handelt: Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ und die inzwischen mehrfach erfolgten Verfilmungen dieses Romans. Die jüngste stammt aus dem Jahr 2021 und sei hiermit als Übergang in die Fastenzeit empfohlen. Maria Furtwängler erscheint darin in einer tragischen Nebenrolle...

LiteraturSalon im Blei
Leberecht Gottlieb (Teil 137)

137. Kapitel, in welchem wir vom Geburtstag eines alten Missionars hören dürfen und uns fragen lassen müssen, was der Sinn von Geburtstgsfeiern ist und ob man sich Gesundheit wünschen sollte ... Man hat mich nun schon des Öfteren im Vorübergehen befragt, mit jener Mischung aus Neugier und vorsichtiger Anteilnahme, die unsere Zeit jenen Dingen entgegenbringt, die zwar nicht unmittelbar nützlich erscheinen, so aber doch gewisses Interesse auf sich ziehen. Sogar in der Kaufhalle war es kürzlich,...

die Abdankung
Von dem Dome schwer und bang …

… TÖNT DER GLOCKE GRABGESANG Es gibt Dynastien, die verschwinden lautlos, wie eine Kerze, die nicht ausgepustet, sondern schlicht zu Ende gebrannt wird. Das Haus Schwarzburg-Rudolstadt und das Haus Schwarzburg-Sondershausen gehören zu diesen Geschlechtern, deren Ende weniger ein Sturz als ein Erkalten war. Sie waren nie von der grellen Art der großen europäischen Häuser; ihr Glanz bestand in Maß, in Dauer, in einer beinahe klösterlichen Selbstverständlichkeit des Regierens. Thüringen, dieses...

zur inneren Dynamik von Logo & Logos
Roter Pfeil auf blauem Grund

ROTER PFEIL AUF BLAUEM GRUND - EIN PAMPHLET Es gehört zu den stillen Freuden aller Symbolkundler, das Offensichtliche nicht zu verleugnen, sondern ihm erst recht ins Auge zu blicken. Wer nun also das Logo der AfD betrachtet, muss sich schon besondere Mühe geben, nicht jenen Assoziationen zu verfallen, die sich unwillkürlich einstellen. Der rote Pfeil – aufgerichtet, gespannt, nach oben strebend – wirkt wie eine Chiffre der Selbstaufrichtung einer gerade überwundenen Erschlaffung, eines Willens,...

FDJ-Duktus und AfD-Sprech
LTI-Mechanik

Vorspruch Wer die Mühe nicht scheut, sich den Entwurf des sachsen-anhaltinischen AfD-Programms als kursorische Lektüre zu verabfolgen, um darin zu studieren, wird recht bald merken, wie ganz unterschiedlich begabte Autoren das Ihrige in den umfangreichen Text haben einbringen dürfen. Am Sprach-Duktus ist viel - und eigentlich alles -ganz leicht zu erkennen. Bei der Erstellung eines 150-seitigen Papiers kann das auch gar nicht anders sein - verschieden begabte Geister wirkten mit. Der HERR hat...

170. Todestag
Heinrich Heine

Der kommende 17. Februar markiert den 170. Todestag Heinrich Heines – ein Datum, das weniger nach stiller Gedenkkranzfeier als nach bewusst gesuchter gedanklicher Unruhe verlangt. Heine gehört zu jenen Autoren, die man nicht einfach erinnert, sondern die einen heimsuchen. Die Texte dieses Mannes wirken wie verspätete Briefe aus einer Zukunft, die sich weigert, endgültig Vergangenheit zu werden. Kaum ein Gedicht hat sich so tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt wie „Deutschland. Ein...

Philosophen vorgestellt
Hannah Arendt

Das Bild wirkt auf den ersten Blick harmlos: Kalenderästhetik, warme Farben, ein klassisches Porträt. Und doch ist es eine Falle, aus der man so schnell sich nicht wird befreien können. Die jüdische Philosophin Hannah Arendt blickt uns an, nicht frontal, eher seitlich, wie jemand, der weiß, dass das Entscheidende selten dort geschieht, wo es offiziell verhandelt wird. Über ihr steht der Satz vom autoritätshörigen Mob. Und genau dahinter liegt die eigentliche Zumutung. Arendt hat in ihrem großen...

Wo Wüste war...
...soll Paradies werden

Die Erschaffung von Adam und Eva zu freien Ebenbildern Gottes wird auf immer untrennbar verbunden bleiben müssen mit der sofortigen Entscheidung der beiden Ureltern, ihre Freiheit maximal selber auch zu nutzen. Und so geschieht es denn: Man isst von jener Frucht, deren Genuss dazu zwingt, in Zukunft zwischen gut und böse unterscheiden zu müssen. Nur noch der Tod wird von diesem Zwang erlösen können … Ein besonderer Reiz ging schon immer von solchen Denkfiguren aus, mit denen Gott beschrieben...

über das böse
Santer

Das Böse erscheint in der Literatur nicht immer nur dort, wo man es ohne weiteres erwartet hätte. Es kommt nicht notwendig in dämonischem Gepränge daher, sondern oft sogar im Gewand der Vernunft, der Berechnung und technischer Überlegenheit. In den Erzählungen Karl Mays ist diese Einsicht in der Gestalt Santers mit bemerkenswerter Konsequenz ausgearbeitet (Winnetou Band I und Band III). Santer - der übrigens keinen Vornamen hat, aber dessen Name in lautlicher Verwandtschaft zum Formenkreis des...

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PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Gianni Vattimo (1936-2023)

Es gibt Philosophen, die auftreten wie Statiker der Weltgeschichte, mit Helm, Zollstock und dem festen Glauben an tragende Begriffe. Und dann gibt es diesen Italiener Gianni Vattimo, der leise lächelnd danebensteht und fragt, ob die tragenden Elemente dieser Gedankengebäude nicht längst Haarrisse haben. Gianni Vattimo gehört zu jener seltenen Gattung von Denkern, die ihre philosophische Pointe nicht aus der Verstärkung, sondern aus der Abschwächung beziehen. Seine Theorie des pensiero debole –...

Zahl und Zeit
SIEBEN SACHEN

Zahl und Zeit. Der Mensch zählt, weil er Zeit hat – und weil er Angst vor ihr hat. Wo Ereignisse sich überschlagen, wo Geschichte unruhig wird, beginnt der Mensch zu rechnen. Er zählt Jahre, Fristen, Generationen. Er stellt Statistiken auf und liest die Zahl an den Manometern der sich leerenden Gasspeicher. Er liest jeden Tag Texte, in denen Zahlen vorkommen, und macht aus ihnen Fahrpläne: Was kommt als Nächstes? Wie lange noch? Wann endet dies, wann beginnt jenes? Zahlen beruhigen. Sie geben...

PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Thomas Nagel

Der US-amerikanische Philosoph Thomas Nagel (*1937) gehört zu jenen Denkern, die man erst unterschätzt und dann nicht mehr loswird. Kein Revoluzzer, kein Systembauer, kein essayistischer Volkslautsprecher. Eher ein philosophischer Störsender. Einer, der mitten im gut geölten Betrieb moderner Erkenntnistheorie einfache, aber fatal wirksame Fragen stellte – und damit ganze Gebäude ins Schwingen brachte. Nagel ist ein kompromissloser Analytiker, allerdings einer mit metaphysischem Restgewissen....

27. Januar
Mozarts 270. Geburtstag

Wolfgang Amadeus Mozart wird am 27. Januar zweihundertundsiebzig Jahre alt - irdische Jahre zählte er nur fünfunddreißig. Da könnte mancher spöttisch bemerken: „Eilig hat er es gehabt mit dieser relativ kurzen Lebenszeit.” Andere mussten nur abdanken und sind älter geworden. Zum Beispiel der deutsche Kaiser und preußische König Wilhelm II., der mit dem Komponisten aus Salzburg ebenfalls am 27. Januar Geburtstag feierte. Mozart aber hat nie abgedankt. Kaiser kamen und gingen. Reiche verblassen -...

getröstet
Kardinal XP-47

Er hieß offiziell zwar "Pflegeeinheit XP-47", doch niemand nannte ihn so. Für den emeritierten Pfarrer Johannes Reuter, der seit drei Jahren im Pflegeheim „Mutter Theresa” seine Pension verzehrte, war er einfach „Der Kardinal”. Der Kardinal war ein Wunderstück deutscher Ingenieur- und Erfinderkunst. Man sah ihm an, dass das kein Mensch war. Nicht auf unangenehme Weise war es zu bemerken, sondern eher so, wie man einer Zeichentrickfigur ansieht, dass sie nur gezeichnet ist: die Haut einen Hauch...

25. Januar
Ester, Karl der Große, Paulus …

PAULUS, ESTER, KARL DER GROßE Der 25. Januar ist kein idyllisches Datum. Dieser Tag gehört an jene Stellen des Kirchenjahres, wo sich nicht Harmonie, sondern dringliche Entscheidung anmeldet. Die Kirche hat den 25.Januar seit alters her mit der Bekehrung des Apostels Paulus verbunden. Also mit einem Ereignis, das sich historisch nicht festmachen lässt, aber theologisch datiert wurde. Die Umkehr vom Saulus zum Paulus - so definierte die Kirche - ist kein zeitloser Gedanke, sondern Einschnitt...

DA ICH EIN KNABE WAR
RETTET’ EIN GOTT MICH OFT

Als Friedrich Hölderlin im Herbst 1796 den Neckarraum verlässt und nach Frankfurt wandert, trug er wenig Gepäck bei sich, aber eine gefährliche Mischung im Innern: klassische Bildung, schwäbische Innigkeit, philosophische Glut – und eine Empfindsamkeit, die nicht auf Anpassung, sondern auf Durchbruch zielt. Der junge Dichter betritt nun das Haus des Bankiers Gontard, nicht nur als freier Geist, sondern auch als Hauslehrer. Äußerlich vielleicht eher eine demütigende Stellung, innerlich jedoch...

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