28. August
Geburtstagsgruß und Trauerflor

Nietzsche mit Goethe, wandernd unter Pappeln einer Allee im Elysium - und im Gespräch über Marcel Reich-Ranicki
  • Nietzsche mit Goethe, wandernd unter Pappeln einer Allee im Elysium - und im Gespräch über Marcel Reich-Ranicki
  • hochgeladen von Matthias Schollmeyer

Es ist bekannt, dass damals ein Naumburger Superintendent namens Wilhelm Horn die Bestattungsrede auf Friedrich Wilhelm Nietzsche gehalten hat, an jenem 28. August im Jahre 1900. Was wird dieser Geistliche verlautbart haben lassen? Wir wissen es nicht - irgendetwas in akademisch-protestantischem Ton wird es schon gewesen sein - mit christlich versöhnlichem Schlussakkord. Von Horn selbst ist biografisch nichts überliefert – jedoch bleibt sein Anteil an Nietzsches funeralem Abschied hoch zu ehren. Der Naumburger Superintendent garantierte den kirchlich-formal würdigen Rahmen also auch für jenen Denker, der dem Christentum so unerbittlich den Kampf erklärt hatte. Das allein macht Horn zu einer bedeutenden Figur am Scheideweg zwischen Religion und Philosophie. 

Hätte man damals einen Mann wie Marcel Reich-Ranicki gebeten, rühmende Worte am Sarge des umstrittenen Philosophen zu verlieren, könnten wir mit diesem Beitrag einen hübschen Band "Leichenpredigten für Bruder Fritz aus Röcken" eröffnen - und bei jeder Seite bitter schlucken und zugleich lachen. Hier nun vorab sozusagen der erste Beitrag eines solch feinen Büchleins, das freilich noch nicht erschienen ist. Ganz in Reich-Ranickis feuilletonistisch-theatralischem Gestus. Bissig, emphatisch, pointiert. Dieser einmalig schräge Literaturkenner aus Włocławek -  "halb Pole, halb Deutscher, aber ein ganzer Jude", wie er selber Günther Grass gegenüber seinerzeit behauptete - hätte Nietzsche nicht verklärt, aber in einer Mischung aus Bewunderung und ironischer Distanz gefeiert, mit präziser Benennung aller seiner Werke, mit raschen Inhaltsstrichen und großer Geste zum Schluss. Und das wäre ein Anreiz dafür, sofort in eine gute Buchhandlung oder übersichtlich sortiertes Antiquariat zu eilen, um dasselbe mit einer Auswahl der Bücher Nietzsches zu verlassen ...

Meine Damen und Herren,
wir nehmen heute Abschied von Friedrich Wilhelm Nietzsche. Ja, von dem Mann, der uns das deutsche Denken zerrissen hat wie kein anderer. Ein Philologe, ein Philosoph, ein Dichter – und einer, der sich selbst zum Schicksal stilisierte und sich als Dynamit bezeichnet hat. Dass wir diesen Abschied am heutigen Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes begehen – welch eine Ironie! Goethe, der Olympier, der Versöhner, der Liebling der Musen. Und Nietzsche, der Sprengmeister, der Verneiner, der Unglückliche. Zwei Deutsche – gegensätzlicher geht es nicht. Und doch, man glaubt es kaum, im Elysium treffen sie sich.

Was hat Nietzsche hinterlassen? Bücher. Zuerst die „Geburt der Tragödie”. Ein junges Genie, berauscht von Griechenland, von Wagner, von dessen Musik und dem Mythos. Dann die „Unzeitgemäßen Betrachtungen” – Essays voller Galle, gegen Historismus, gegen Philistertum. Hier war schon der ganze Nietzsche da, provokant, gegen den Strom.

„Menschliches, Allzumenschliches”, „Morgenröthe”, „Fröhliche Wissenschaft” was für Tiel sind denn das? Generalangriff auf Metaphysik, auf Religion, auf alle frommen Lügen. „Gott ist tot.“ Ein Satz, der Europa erschüttern sollte. Europa? Die ganze Welt!

Und dann – „Also sprach Zarathustra”. Meine Damen und Herren, das ist kein Buch, das ist ein Oratorium! Hymnen, Gleichnisse, Übermensch, Ewige Wiederkunft – Pathos, Übermaß, ja, auch Größenwahn. Aber man kann sich ihm nicht entziehen.

Die späten Werke – „Jenseits von Gut und Böse”, „Genealogie der Moral”, „Götzen-Dämmerung”, „Der Antichrist”, „Ecce homo” – sie sind Raserei und Klarheit zugleich. Polemik in höchster Vollendung.

Und nun, da er tot ist, wollen wir sagen: Nietzsche war ein Zerstörer. Ja! Aber einer, der zerstörte, um zu zeigen, wie schwach unsere Fundamente sind. Er war unbequem, ja unerträglich. Aber er war – groß.

Und deshalb, meine Damen und Herren, lassen Sie mich Ihnen ein Bild zeichnen. Im Elysium, im Garten der Seligen. Goethe sitzt dort, heute an seinem 276. Geburtstag. Er nippt am Wein, er lächelt milde, olympisch, wie immer. Und siehe da - es tritt Nietzsche ein. Zerzaust der Bart, zerbrochen die Seele und doch voller Glut. Goethe erhebt sich, geht ihm entgegen und sagt: „Mein Freund, du hast viel zerstört – aber auch viel enthüllt. Willkommen.“ Und Nietzsche? Er lächelt. Zum ersten Mal wirklich lächelt er versöhnt.

Meine Damen und Herren, das ist der Trost, den wir haben. Dass diese beiden Deutschen – der Versöhner und der Zerstörer – im Jenseits nebeneinander spazieren gehen. Und dass wir, die Zurückgebliebenen, lernen: Ohne Goethe kein Maß. Ohne Nietzsche keine Wahrheit. Vielen Dank.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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