Sonneberg - Glaube und Alltag

Beiträge zur Rubrik Glaube und Alltag

23.5.1949 - das Grundgesetz
„FAST HEILIGE SCHRIFT“

Eine der bemerkenswerten Erscheinungen unserer geistigen Gegenwart ist, dass ausgerechnet jene Gesellschaften, die sich mit besonderem Nachdruck als säkular verstehen, unablässig auf der Suche nach Formen des Heiligen bleiben. Der moderne Mensch mag die Kathedralen verlassen haben; die Frage jedoch, worauf ein Gemeinwesen letztlich gegründet sei, verlässt ihn nicht. Denn kein Staat lebt von Verfahren allein. Keine Ordnung besteht dauerhaft aus bloßer Verwaltung. Wo Menschen zusammenleben,...

213. Geburtstag
ERLÖSUNG DEM ERLÖSER

Nach einer belastenden Auseinandersetzung mit seiner Frau Cosima wird er nie mehr in die Tasten hauen. Verweigert den anstehenden Valentinstag und lässt sich von den Walküren im 70. Lebensjahr via Herzinfarkt zu all den anderen auf Walhalla versammelten Kapellmeistern bugsieren. Gemeint ist kein anderer als Richard Wagner, dessen 213.  Geburtstags man am 22. Mai 2026 gedenken kann - wenn man das will - genau einen Tag vor dem Geburtstag des bundesrepublikanischen Grundgesetzes. Er ist noch...

15. Mai - die Eisheilige
KALTE SOPHIE

Legende der heiligen Sophia von Rom Es war zur Zeit des Kaisers Diokletian, als der Boden vom Blute der Zeugen Christi dampfte und der Himmel seine Ohren vor dem Leid der frommen Märtyrer verschlossen zu haben schien. Da lebte in Rom eine Jungfrau namens Sophia, was soviel wie Weisheit bedeutet. Und diese Jungfrau war wahrhaftig weise - dazu noch keusch, glühend im Gebet und furchtlos. Das Herz hatte sie Christus verloben wollen und ihre Zunge war wahrer Worte kundig und schwieg nicht. Sophie...

CHRISTI HIMMELFAHRT
VOM WIRKLICHEN SEIN DES SCHEINS

Es gehört zu den eigentümlichsten Szenen des Neuen Testaments, dass die Jünger nach der Himmelfahrt Christi zunächst nichts anderes tun, als in den Himmel zu starren. Der Herr ist ihren Blicken entzogen worden, und nun stehen sie da, wie Menschen, denen plötzlich die Mitte der Welt abhanden gekommen ist. Das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte schildern diesen Augenblick mit auffallender Zartheit. Christus wird nicht einfach „weggenommen“, nicht wie ein Gegenstand aus dem Raum entfernt....

literarische Tickets
Höllenfahrt und Himmelsreisen

Wenn man die große Literatur der Höllen- und Himmelsfahrtsberichte betrachtet, dann bemerkt man etwas Eigentümliches: Die Menschheit hat die Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits niemals bloß als unüberwindbare Grenze verstanden, sondern immer als eine dünne Membran. Man hörte Stimmen hindurch, sah Schatten, Lichtspalten, Feuerzungen, manchmal vernahm man ein fernes Echo. Und fast alle großen Kulturen haben versucht, diesen Übergangsbereich sprachlich abzutasten oder zu umkreisen. Es ist,...

Pfingstkirchen
in ecstasi …

Dieses Bild – gemeinhin bekannt als Tongues (Holy Rollers) von Archibald Motley – stellt den Betrachter in den Bereich einer eigentümlichen Spannung: eine Szene religiöser Ekstase, die zugleich von einer eigentümlichen Ordnung durchzogen ist. Nichts daran ist rein chaotisch, und doch scheint alles von einer Bewegung ergriffen, die sich nicht mehr in den Kategorien nüchterner Vernunft erschöpfen lässt. Man sieht eine Versammlung, die sich im Akt der Anrufung verliert. Die Körper sind gespannt,...

2 Bilder

Weinstock und Reben
Dionysos und Christus

Es gehört zu den interessanten Spannungen des Neuen Testaments, dass es seine tiefsten Wahrheiten nicht in abstrakten Begriffen, sondern in Bildern ausspricht, die viel älter sind als jede reflektierte Theologie und tiefer reichen als jede begriffliche Analyse. Wenn Christus sagt: „Ich bin der wahre Weinstock“ (Joh 15,1), dann spricht er in einer Sprache, die bereits lange vor ihm im religiösen Gedächtnis der Menschheit verankert gewesen ist. Der Weinstock ist kein zufälliges Bild; er gehört zu...

OSTERMONTAG
EMMAUS (LUKAS 24)

Von Emmaus nach Jerusalem eilen zwei Jünger, heilig beschwingt und hellwach. Sie wollten zu Hause nicht länger verweilen - und traten hinaus, wo das weite Gemach der Nacht und die Sterne uns treulich geleiten hoch über an dunkelblau himmlischem Dach. --- Drei Tage zurück liegt Sterben und Leiden. Gekreuzigt ward Jesus, der göttliche Sohn. Der Freund. Der Heiler. Erlöser der Heiden, es hieß, er könne beenden die Fron. Verzweifelt war man nach Hause gezogen, den Himmel verloren. Als Lohn blieb...

ZUR DISKUSSION GESTELLT
BROT & WEIN

zur Gestalt der Eucharistie und der real existierend sakramentalen Wirklichkeit In manchen Gemeinden - besonders den kleineren auf dem Lande - hat sich seit einiger Zeit eine Praxis herausbilden können, die auf den ersten Blick nur schlicht und funktional zu sein scheint, bei näherem Hinsehen jedoch eine eigentümliche Dichte gewinnt und der eucharistischen Unterernährung protestantischer Gottesdienstfeiern - was deren Frequenz angeht - etwas entgegenzusetzen beginnt. Es handelt sich dabei um...

Exodus Kapitel 12
Blut und Plan

Es ist immer wieder dasselbe mit diesem Text von der ZEHNTEN PLAGE. Jedes Jahr - immer wieder dieses unerträgliche Schauspiel, dass man uns einen allmächtigen Gott vorsetzt - und im selben Atemzug einen Gott, der offenbar nicht einmal imstande ist, die Häuser auseinanderzuhalten, ohne dass man ihm Blutspuren an die Tür schmiert, als handle es sich um einen schlecht instruierten Nachtwächter und nicht um den Herrn der Welt, der, wie es heißt, mit einem einzigen Willensakt Leben geben und nehmen...

ADIEU
Abschied und Musik

Es gibt einen Punkt, an dem zwei scheinbar ungleiche Texte sich einander zuzuneigen beginnen. Als erstes das geistliche Bekenntnis in der Arie 65 aus der Matthäuspassion und zweitens ein salonhaftes Abschiedslied. Beide sind sauber getrennt durch Rang, Form und Anspruch. Aber unter „musikalischer Einwirkung“ nähern sie sich uns ähnlich. Man müsste nur genauer hinhören wollen - und das eigene Empfinden ernst nehmen. Die Arie „Mache dich, mein Herze, rein“ aus der Matthäus-Passion, komponiert von...

Losung als Lösung
Graf von Zinzendorf

Eine der eigentümlichsten Einsichten geistlicher Geschichte besteht wohl darin, dass ihre produktivsten Formen nicht aus Überfluss entstanden, sondern aus Verlegenheit. Der Augenblick, in dem einem nichts mehr einfällt, ist kein Defekt, sondern eine Öffnung. Genau hier beginnt das Experiment, das man später „Herrnhuter Losungen“ nennen wird, und es ist kein Zufall, dass sein Urheber, Nikolaus Ludwig Graf Zinzendorf, vielleicht weniger als genialer Erfinder denn als erschöpfter Seelsorger...

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SONNTAG JUDIKA
GENESIS 22 - AUF DEM BERGE

GEDANKEN ZU GOTT, ABRAHAM, ISAAK UND ZU DEM ENGEL DES HERRN AUF DEM BERGE MORIA 1. Es gehört zu den eigentümlichen Spannungen der biblischen Überlieferung, dass sie mit dem Religiösen nichts beruhigt, sondern alles zuspitzt (Genesis 22) 2. Wo der Mensch sich dem Göttlichen nähert, dort wächst nicht nur Klarheit darüber, dass es die Welt des Göttlichen irgendwie gibt, sondern auch die Gefahr wächst, vor ihr zu vergehen. 3. Das hebräische Wort für Opfer (קָרְבָּן - korban), aus der Wurzel KaRaB –...

Hand des Johannes mit dem "Gift"-Kelch
(ehemals Hofkirche Hildburghausen - jetzt in der Apostelkirche)
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Sanctus Iohannes Evangelista
In der Apostelkirche zu Hildburghausen

Die Stadt Ephesus lag an jenem Morgen unter einem Licht, das mit seinem matten Schimmer alles in Bronze zu verwandeln schien. Die Säulen des Artemistempels ragten schweigend gen Himmel, und zwischen ihnen bewegten sich die Priester mit jener würdevollen Langsamkeit, die ein wenig Theaterhaftes an sich hat. Und so muss es ja auch sein. Johannes aber, der alte Jünger Jesu mit dem jugendlichen Gesicht, stand vor diesen Heiden, als hätte er die Zeit selbst bereits hinter sich gelassen. Man hatte...

Okuli - da kommen sie!
Wer die Hand an den Pflug legt ...

Und als sie wieder auf dem Wege waren, gelobte Folgschaft einer - lebenslang. Ihm wehrte ab der Meister sein Gebaren und sprach: „Wie oft schon hörte ich Gesang von treuer Jünger minnefestem Glauben - mir wurde davon übel, angst und bang. Ich muss euch alle Illusionen rauben: Was Füchsen Höhlen sind und Vögeln Nest - dem Menschensohne niemand wird erlauben ein Plätzchen, wo das Haupt er ruhen lässt!“ Doch einen andern wollte er betören: „Sei du Gefährte mir auf meiner Quest!“ Der aber ließ als...

DE AMBULACRO - VON DEM SPAZIERGANG
Hölderlin zu Genesis 3,8

In bereits fortgeschrittenerem Alter wollte einer meiner Freunde nun doch noch promovieren. Kulturwissenschaften … Thema: "Der gesellschaftliche Stellenwert des bürgerlichen Spaziergangs in der Zeit vom Wiener Kongress bis zur Revolution 1848". Metternichs Zeit ist also gemeint. Im Zusammenhang der notwendig umfangreichen Recherchearbeit zur Klassifizierung verschiedenster Kulturtechniken versteigt sich der Freund zu der These, dass auch gemeinsame Spaziergänge und Stadtbummeleien mit zur...

Maria Magdalena - Ikone von Nicola Sarić
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Magdalena
Gedanken zu einem Bildnis

Es gibt Gestalten im Neuen Testament, die zuerst nur wie Randfiguren aussehen und doch, wenn man genauer hinsieht, den innersten Nerv des Ganzen berühren. Maria Magdalena gehört zu ihnen. Sie spricht nicht viel. Sie wird nicht mit langen Reden ausgestattet. Und doch steht sie sowohl unter dem blutenden Kreuz Christi als auch am Ursprung der Osterverkündigung beim leeren Grab. Die Evangelien – das sei zunächst nüchtern festgehalten – berichten wenig von ihr, aber Entscheidendes. Nach dem...

Durch das Los bestimmt
Der Ersatzapostel Matthias

Es gibt Gestalten innerhalb der frühen Kirchengeschichte, die durch den sogenannten Zufall in die Welt treten – und so auch im Gedächtnis bleiben. Der Ersatzapostel Matthias ist eine solche Figur. Sein Auftritt ist knapp, fast spröde. In der Apostelgeschichte (Apg 1,15–26) wird berichtet, dass nach dem Tod des Judas Iskariot die Zwölfzahl der Apostel wiederhergestellt werden soll. Petrus formuliert die Bedingung: Es müsse einer sein, der von der Taufe des Johannes an bis zur Himmelfahrt Jesu...

Philosophen vorgestellt
Philipp Schwartzerdt

Wir verdanken ihm viel. Und heute, am 16. Februar, hat er Geburtstag. Es ist diesmal zwar nur eine „krumme“ Zahl – aber der Mann war und ist wichtig und wird es wohl auch bleiben. Die Rede ist von Philipp Schwartzerdt, über dessen Wiege wir uns alljährlich am 16. Februar beugen – nunmehr zum fünfhundertneunundzwanzigsten Male. Der kleine Philipp, der abends um halb acht das Licht der Welt erblickte, ist später ein großer Gelehrter geworden, und die Reformation wäre ohne ihn weder zu denken noch...

Griechische Mythen in christlicher Deutung
Poros und Penia

Der Mythos von Penia und Poros ist eine der dichtesten, zugleich unerquicklichsten Erzählungen der antiken Philosophie. Überliefert ist er im Symposion, in jener berühmten Rede der Diotima, durch die Sokrates darüber belehrt wird, was oder wer Eros sei. Die Geschichte ist kurz – und von einer eigentümlichen Sprödigkeit: Als Aphrodite geboren ward, feierten die Götter ein Fest. Unter ihnen ist Poros, dessen Name „Weg“, „Ausweg“, „Möglichkeit“ bedeutet: eine Gestalt des geistigen Reichtums, der...

Dem Himmel...
... Eine Stunde schenken

Peter Sloterdijk stellt eins seiner Bücher unter den bekannten Vers des Matthäusevangeliums. Dort heißt es: „Und er sprach zu ihnen nicht, es sei denn in Gleichnissen” (Mt 13,34). Titel des Buches: „DEN HIMMEL ZUM SPRECHEN BRINGEN.“  Auf einer dreihundertfünfzigseitigen Reise durch die Zeit wird Stück für Stück klarer, wie Menschen nicht nur über den Himmel erzählt, sondern durch eigenes Reden und Schweigen versucht haben, den Himmel selber zum Sprechen zu bringen. Nicht der astronomische...

das Paradoxon
Gottes Antlitz

Der Barbierladen lag nahe am Hafen, dort, wo das Salz in den Fensterrahmen sitzt und die von Sturm und Regen  frisch gewaschene Dinge immer noch nach Erinnerung riechen. Die Tür stand offen. Drinnen war es still. Nur das leisen Klirren eines Glases hörte man, als die Tür sich schloss. Ein Fremder war eingetreten und setzte sich. Der Barbier sah ihn an, lange, so wie man einen Text liest, den man schon einmal gelesen, aber nie ganz verstanden hatte. „Sie haben Zeit?“ fragte der Barbier. „Ja“,...

DAS CHRISTENTUM ...
... und sein Nichtverschwindenkönnen

1. Religionen entstehen nicht aus dem Nichts Religionen entstehen nicht ex nihilo, sondern an Bruchstellen der menschlichen Erfahrung, hauptsächlich der starken Erfahrungen. Sie bilden sich dort, wo alltagsbewährte Wahrnehmungs- und Deutungsroutinen versagen. Der Mensch lebt in einem Gefüge aus erprobten Kausalitäten, sozialen Rollen, biologischen Rhythmen und sprachlichen Ordnungen. Solange diese kohärent funktionieren, besteht kein Bedarf an weiterführenden Deutungsentwürfen - sprich...

"Zeichen" in der Bibel
Reinen Wein einschenken

Hin und wieder geschehen sie doch. Sogenannte "Zeichen", über die wir uns dann wundern. Man staunt - und manche Leute fangen an, diese Zeichen zu deuten - und finden vermittels dieser Deutungen einen Weg, den sie sonst nicht gefunden hätten. Auch jene drei in den Sternen forschenden Magier aus dem Morgenland, welche von fern her zur Krippe zogen, deuteten die Gestirnszeichen, die über dem Stall von Bethlehem am Himmel zu sehen waren. Als erstem jener irdischen Zeichen nun, welche mit dem Wirken...

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