Sonneberg - Glaube und Alltag

Beiträge zur Rubrik Glaube und Alltag

das Paradoxon
Gottes Antlitz

Der Barbierladen lag nahe am Hafen, dort, wo das Salz in den Fensterrahmen sitzt und die von Sturm und Regen  frisch gewaschene Dinge immer noch nach Erinnerung riechen. Die Tür stand offen. Drinnen war es still. Nur das leisen Klirren eines Glases hörte man, als die Tür sich schloss. Ein Fremder war eingetreten und setzte sich. Der Barbier sah ihn an, lange, so wie man einen Text liest, den man schon einmal gelesen, aber nie ganz verstanden hatte. „Sie haben Zeit?“ fragte der Barbier. „Ja“,...

DAS CHRISTENTUM ...
... und sein Nichtverschwindenkönnen

1. Religionen entstehen nicht aus dem Nichts Religionen entstehen nicht ex nihilo, sondern an Bruchstellen der menschlichen Erfahrung, hauptsächlich der starken Erfahrungen. Sie bilden sich dort, wo alltagsbewährte Wahrnehmungs- und Deutungsroutinen versagen. Der Mensch lebt in einem Gefüge aus erprobten Kausalitäten, sozialen Rollen, biologischen Rhythmen und sprachlichen Ordnungen. Solange diese kohärent funktionieren, besteht kein Bedarf an weiterführenden Deutungsentwürfen - sprich...

"Zeichen" in der Bibel
Reinen Wein einschenken

Hin und wieder geschehen sie doch. Sogenannte "Zeichen", über die wir uns dann wundern. Man staunt - und manche Leute fangen an, diese Zeichen zu deuten - und finden vermittels dieser Deutungen einen Weg, den sie sonst nicht gefunden hätten. Auch jene drei in den Sternen forschenden Magier aus dem Morgenland, welche von fern her zur Krippe zogen, deuteten die Gestirnszeichen, die über dem Stall von Bethlehem am Himmel zu sehen waren. Als erstem jener irdischen Zeichen nun, welche mit dem Wirken...

karmische verstrickungen
Was es alles gibt ...

Am Rande der Stadt, dort, wo der Asphalt in Schotter übergeht und die Fabrikschlote den Himmel verdunkelten, stand jeden Morgen Anna mit ihrer Milchkanne. Wenn sie die Kanne anhob, klapperte der Henkel metallisch. Die Kühe muhten Anna hinterher und vor ihr brummten schon die Maschinen, obwohl der Tag noch kaum begonnen hatte. Dieses Geräusch war der Atem von Annas Welt, gleichgültig und zuverlässig. Anna hieß eben Anna. Aber die Alten im Dorf hatten auch einen anderen Namen für sie: Pelia....

SAKRAMENT
DIE TAUFE JESU

Was die Kirche feiert, ist niemals bloß Erinnerung, niemals bloß fromme Gewohnheit. Die Kirche feiert die Wirklichkeit des Sakraments. Sie drängt sich der Welt nicht auf, aber trägt sie von innen her. Wer die biblischen Evangelien aufmerksam liest, erkennt rasch folgende Besonderheit: Alle vier führen ihre Erzählung auf einen besonderen Höhepunkt hin. Gemeint ist Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Im Zusammenhang mit diesen vier Passionsgeschichten findet auch die Einsetzung der...

Epiphanias
Sterndeutertag 6. Januar

Hoch oben auf des Turmes alter Wache - sah spähen einen Greis ich durch sein Rohr. Er hatte unter hell bestirntem Dache zur Ewigkeit gewendet Aug und Ohr. „Dass du in jenen Sternenrätseln droben erkennest, was hier unten gehe vor - schau“ rät er „an den Himmel. Wie verwoben Planet und Sterne folgen Gottes Plan. Dem Forscher zeigt ihr Bild im Weltenkoben der fernen Zukunft Wesen vage an.“ Er wurde alt und weise, wurde klug - hier draußen auf dem Turm, der gute Mann. O Jahre, die er lebte und...

Wilhelm von Conches

Wilhelm von Conches ist einer jener Denker des 12. Jahrhunderts, die wichtige Umschlagbahnhöfe im Nervenzentrum der Kirchengeschichte bilden - sofern diese immer auch Haupt-Movens der abendländischen Geistesgeschichte gewesen ist. Normanne, Domschüler von Chartres, Naturphilosoph, Kommentator Platons – ein Mann, der an der Schwelle der Hochscholastik steht, die christliche Antike zusammen fasst - und genau darin eine produktive Spannung induzierte.  Wilhelm denkt in erster Linie nicht fromm,...

Das Stundengebet
Warten auf Nichts …

Es gehört zu den stillen Paradoxien der Gegenwart, dass der Mensch sich unablässig anregt und dabei innerlich ermüdet. Nie war der Zugang zu Reizen so leicht, nie der Weg zur Sammlung so schwer. Was heute unter dem technischen Schlagwort eines „Dopamin-Toxings“ kursiert, beschreibt in Wahrheit eine alte Erfahrung: Der Mensch verliert seine Mitte, wenn das Warten, die Verzögerung, die Stille aus seinem Leben verschwinden. Das Stundengebet steht quer zu dieser Dynamik. Es ist keine Technik zur...

ORDUNGEN DES SCHICKSALS
...es fand sich ...

Matthäusevangelium 1,18-25 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen. Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn...

die Freundlichkeit Gottes
Titus staunt …

„Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig!” Dieser Passus - heute als Predigttext aus dem Titusbrief uns empfohlen -  beginnt nicht mit einem Befehl oder mit einer kosmischen Machtdemonstration. Er beginnt mit der Behauptung, dass etwas erschienen sei. Was da erschienen sein soll sind „Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes”. Kein Richterstuhl, kein allsehendes Auge, keine Übermacht auf den Fersen menschlicher Defizite. Sondern etwas,...

HABE NUN ...
LEIDER AUCH THEOLOGIE?

Johannes Faust sitzt in seiner Studierstube als ein Mann, der viel zu lange unter einer zu niedrigen Zimmerdecke gelebt hat. Und Goethes Drama Faust I beginnt deshalb nicht mit der hochgepriesenen Tat, sondern mit dem Geständnis einer intellektuellen Erschöpfung.  „Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie studiert“– dieses LEIDER ist kein beiläufiger Seufzer, sondern eine tektonische Verschiebung. Es ist das Wort eines Menschen, der merkt, dass gerade das...

Sonntag
Heiligung

„Sonntag ist heute Hörst du’s Geläute Ruft dich zur Kirche hin Gott wohnet darin.“Vier Zeilen, kaum zum Aushalten. Und doch eine Welt. Ein Weltzustand. Eine theologische Selbstverständlichkeit, die heute schon beim lauten Lesen Anstoß erregt – und genau darin ihren ikonischen Rang gewinnt. Der Satz „Gott wohnet darin“ ist von einer geradezu archaischen Kühnheit. Er argumentiert nicht, er lädt nicht ein, er differenziert nicht. Er behauptet. Und diese Behauptung ruht auf einer Ordnung, die nicht...

GIBT „ES“
DAS WIRKLICH?

Wer gibt da eigentlich, wenn es heißt: „‚Es‘ gibt”? Denn wir sagen es dutzendfach am Tag, ohne innezuhalten: Es gibt einen Stuhl. Es gibt dieses Bild. Es gibt ein Problem. Diese Formulierung läuft so glatt über die Zunge, dass sie fast unsichtbar wird. Und doch steckt in ihr eine mittelgroße Sprengladung - eine philosophische. Denn wer genau ist dieses „Es”, das da gibt? Grammatisch betrachtet scheint alles harmlos zu sein. Das „Es” ist ein Platzhalter, ein formales Subjekt, eine Stütze der...

Theorien
z.B. Weihnachten

Pseudoamygdalon (☨690 in Trapezunt) zur „Theorie des Weihnachtsfestes” Carissimi - ein Fest ist der besonderer Höhepunkt des allgemeinen Brauchtums. Mehr noch - das Fest ist die feierliche Übertreibung der Bräuche und ihrer Grundideen. Denn durch solche Übertreibungen erschafft sich im Fest inmitten der Welt ein besonderer Bezirk, aus dessen Rätsel wir unverwandt angeblickt werden. Im Fest und seiner wiederkehrenden Feier entsteht jene Situation, welche dann nicht nur Ausnahme bleibt, sondern...

Johannes
Der Unbeugsame

Johannes der Täufer gehört zu jenen Gestalten der religiösen Geschichte, die sich jeder Glättung widersetzen. Man kann ihn nicht dekorativ an den Rand der Weihnachtsgeschichte stellen, nicht gefahrlos in liturgische Formeln einpassen und schon gar nicht psychologisch entschärfen. Er ist kein freundlicher Mahner, kein spiritueller Coach avant la lettre, sondern eine Zumutung. Und gerade darin liegt seine eigentümliche Wirksamkeit. Johannes ist der Vorläufer Jesu Christi nicht, weil er ihm...

Johannes vom Kreuz († am 14. Dezember 1591)
Der Mystiker

Johannes vom Kreuz († am 14. Dezember 1591) saß lange in der Stille. Im Schweigen, das sich manchmal auf uns legt. Er wusste, was man in solchen Augenblicken tut: Man tut nichts. Man bleibt. Man hält aus und atmet. Er wusste: Das Kreuz ist kein Schmuck. Es ist etwas, was übrig bleibt, wenn du alle Ausreden verlierst. Dann bleibt nur das Tragen. Dieses Tragen macht dich echt. Die Leute wollen Gott hell haben. Laut und sicher. Sie wollen, dass er spricht wie ein General. Aber Gott spricht wie die...

CUR DEUS HOMO
WARUM GOTT MENSCH WARD

Warum Gott Mensch wurde? Anselms Buch Cur Deus Homo versucht eine Antwort auf diese Frage. Nicht das Schlechteste ist dabei heraus gekommen. Es gibt Bücher, die Werkzeuge sind. Kantig, zweckmäßig und ohne Verzierung. Cur Deus Homo ist auch so eins. Kein Weihrauch, keine Visionen, kein Engelsgetöse. Stattdessen ein einziger geduldiger Gedankengang, der sich weigert, die große christliche Behauptung – Gott wird Mensch – bei den Wundern abzuheften. Anselm fragt: Warum musste das so sein - und...

SECHSUNDNEUNZIG
WEIL ER EIN ENGEL WAR

Er war nun wirklich alt geworden, sehr alt geworden. 96 Jahre, diese komische Zahl, die aussieht wie das Krebszeichen in der Astrologie. Das Tierkreiszeichen zwischen Zwilling und Löwe.. Eine 9 und eine 6, und wenn man es umdreht, ist es wieder eine 9 und eine 6. Und als es ans Sterben ging, da war es dann auch gut. Denn alles tat weh und war so scheußlich und grauenvoll geworden. Aber, so wie er sich das schon immer gedacht und am Ende befürchtet hatte, er stand nun vor der großen Seelenwaage...

Gabriel & Maria (Bild von ChatGPT)
2 Bilder

Zum 3. Advent
Magnificat Anima Mea

Gott wollte Gabriel nicht länger schonen - und legte ihm die Sternenkarten vor: „Such mir Maria heim. ‚Ich will belohnen den Erdplaneten’, sage ihr ins Ohr.“ Der Engel fuhr hinab und auf der Stelle ward angeklopft beim kleinen Haus am Tor. Die junge Frau kam eben von der Quelle und hat gelesen lange in dem Buch von eines wunderbaren Brunnens Welle - nun saß am Haus ein Engel als Besuch … „Was willst du, Fremder, hier bei mir, dem Weibe?“ Und barg ihr Antlitz scheu vor ihm im Tuch. „Ich suche“,...

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erhobenen Hauptes …
Hirte, zum Stern schauend

MAROLIN heißt die deutsche Manufaktur für Krippen- und Weihnachtsfiguren im südthüringischen Städtchen Steinach. Und deren Figuren sind bekannt für handwerkliche Sorgfalt, detailreiche Gestaltung und ihre Verwurzelung in der traditionellen Krippentradition. Unter den zahlreichen Figuren gibt es eine mit der Bezeichnung „Hirte zum Stern schauend“ - die kleine Statue eines Hirten, der nach oben blickt, offensichtlich den Stern am Himmel betrachtet. Die Adventszeit gibt Gelegenheit zur...

Foto: generated by Matthias Schollmeyer
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Vierter Dezember
Tag der Heiligen Barbara

„Margareta mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl – das sind die heiligen drei Madl.“Jeder kennt diesen Spruch. Heute, am 4. Dezember, ist ihr Tag: der Barbaratag. Die frühe Bekennerin selbstbestimmter Eigentlichkeit wurde, so berichtet die Legende zur Peinlichkeit aller Väter, von ihrem eigenen Vater in einen Turm eingeschlossen, weil sie Christus als einzigen Bräutigam erwählt hatte. Zur Entschuldigung des Vaters dürfe man zumindest annehmen, er habe die Tochter gern einem...

Legenden
Vom Bischof Nikolaus

Man erzählt in jenen abgelegenen Tälern Lykiens, dass Nikolaus von Myra in einem Jahr unsäglicher geistiger Erschlaffung zu jenem Mittel griff, das jeder vernünftige Mensch längst hätte ergreifen müssen. Die Politiker der Provinz, die ohnehin schon einen Ruf hatten, der dem Geruch alten ranzigen Öls vergessener Lagerhäuser entsprach, überboten sich damals in einer Form der Dummheit, vor der selbst die Schafe erschraken. Man beschloss Dinge, deren Konsequenzen niemand bedacht hatte, man...

die taten
des Heiligen Nikolaus

Singe von Nikolaus, Muse, und künde herrliche Mären und löbliche Tat. Wie denn der Bischof myräischer Pfründe Glück gebracht Eltern und Kindern einst hat. Als im Ornat oft der Alte mit Ruhe ging durch die Straßen der nächtlichen Stadt und durch die Fenster warf, manchmal in Schuhe Naschwerk legte dem ärmlichen Kind – oder, wo leer sich fand Kiste und Truhe – füllte mit Nüssen den Schrank und den Spind. Niemand kannte den freundlichen Schenker, heimlich geschah jede Guttat und lind. Einmal nun...

AHASVERS ABENTEUER
ADVENTURIA ECCLESIAE

Es gibt eine sonderbar anmutende Ähnlichkeit im Blick auf unsere Kirche und die Legende von Ahasver. Beider Zusammenhang erschließt sich vollständig erst dann, wenn man die beteiligten Gestalten nicht nur institutionell bzw. historisch-kritisch betrachtet, sondern mit einem tieferen geistlichen Selbstverständnis wahrzunehmen versucht. Genau das wird möglich wenn man mit Hilfe der Phantasie das Sichtbare durchschreitet, um das Unsichtbare zu suchen und wo man begreift, dass die Kirche nicht...

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