Sündenböcke in der Corona-Krise

Viele Christen weltweit fürchten, dass sie auch beim Zugang zu Impfungen Diskriminierung erleben werden.
  • Viele Christen weltweit fürchten, dass sie auch beim Zugang zu Impfungen Diskriminierung erleben werden.
  • Foto: Foto: epd-bild/Klaus Honigschnabel
  • hochgeladen von Mirjam Petermann

Corona verschlimmert nach Beobachtungen des Hilfswerks Open Doors die Benachteiligung von Christen in vielen Ländern. Sie seien häufig von Nothilfen ausgeschlossen und würden für die Pandemie verantwortlich gemacht, zum Beispiel in Asien.
«Christen sind in verschiedenen Ländern Asiens durch Mitbürger beschuldigt worden, dass sie das Coronavirus verbreiten», sagt Thomas Müller (Name geändert), der als Deutscher in der Region lebt und aus Sicherheitsgründen unerkannt bleiben möchte. Das geschehe häufig über die sozialen Medien. Aus Sri Lanka zum Beispiel gebe es viele Berichte, dass Christen für den Ausbruch der Pandemie verantwortlich gemacht wurden, fügt Müller hinzu, der für das christliche Hilfswerk Open Doors die Situation von Christen in Asien vor Ort analysiert und beobachtet: «Das passt zu einem generellen Trend in vielen Ländern Asiens, Christen für alle möglichen Ereignisse zu Sündenböcken zu machen», sagt Müller.

Auch nach Ansicht des Menschenrechtsexperten Martin Lessenthin ist die Pandemie zum willkommenen Vorwand für die Verschärfung von Diskriminierungen geworden. Das zeige sich sowohl bei der Pandemie-Bekämpfung, als auch bei Hilfeleistungen für Betroffene und Gefährdete. «Oft werden die religiösen Minderheiten als Sündenböcke missbraucht», sagte der Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM).
Die Corona-Pandemie hat die Lage von christlichen Minderheiten laut Open Doors vor allem in Afrika und Asien verschlechtert. In vielen dieser Länder hätten Christen wegen ihres Glaubens bereits vor der Pandemie nur erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt gehabt und mussten nicht selten niedere Tätigkeiten verrichten, so das eigenen Angaben zufolge in über 60 Ländern aktive Hilfswerk.

Von den durch die Pandemie ausgelösten wirtschaftlichen Konsequenzen seien sie nun proportional stärker betroffen als andere Gruppen, unterstreicht Müller: Hunderttausende hätten ihren Lebensunterhalt verloren, sei es, weil sie ihre Produkte nicht mehr auf den Märkten verkaufen können oder weil der Tourismus zusammengebrochen ist, etwa in Bhutan, Sri Lanka und auf den Malediven. Viele könnten als Arbeitsmigranten zudem kein Geld mehr nach Hause überweisen.
Viele Christen befürchteten bereits, dass sie eine weitere Diskriminierung beim Zugang zu Impfungen erleben werden, sagt Müller. Grund sind vorangegangene Erfahrungen. «Vor allem in Südasien wurden christliche Pflegekräfte, die einen überproportional großen Teil aller Pflegekräfte stellen und weit überwiegend Frauen sind, auf die Intensivstationen geschickt, regelmäßig ohne Schutzkleidung.» Aus ihrem Verständnis der christlichen Nächstenliebe hätten sie diesen Dienst auch gerne getan, viele hätten sich aber angesteckt, viele seien gestorben.

«In Indien wurden viele Christen in den staatlichen Hilfsprogrammen schlicht ignoriert, vergleichbare Berichte haben wir auch aus anderen Ländern Asiens bekommen, wobei dies nicht immer von nationalen, sondern auch lokalen Regierungen ausgeht», fügt Müller hinzu. Christen in Bangladesch befürchten bei Hilfsprogrammen diskriminiert zu werden, «vor allem, wenn die Verantwortung bei den örtlichen Leitern liegt». Besonders Konvertiten, also Menschen, die von ihrer Ursprungsreligion zum Christentum übergetreten sind, sehen sich in vielen Ländern dieser Gefahr ausgesetzt. «Für sie kommt noch hinzu, dass ihnen bei einer Erkrankung häufig noch nicht einmal die eigene Familie helfen will.»
Die Pandemie erweise sich zudem in vielen Ländern als bequemer Weg, christliche Kirchen dauerhaft geschlossen zu halten, so der Experte Müller weiter. In asiatischen Ländern, in denen viele Christen in ländlichen Gebieten leben, gebe es meist keinen Zugang zu digitalen Gottesdiensten wie etwa in Europa. Daher konnten sich viele Christen lange Zeit gar nicht oder nur selten und in kleinen Gruppen treffen.
(epd/Stephan Cezanne)

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