Christlich-jüdischer Dialog
Ehemaliger Landesjugendpfarrer aus Thüringen wird ausgezeichnet
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Pfarrer i.R. Jürgen Friedrich (81) aus Arnstadt erhält den Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) für seinen wegweisenden Beitrag zum Erinnerungsprojekt „Die Novemberpogrome – Gegen das Vergessen“ sowie sein langjähriges Engagement für die Aufarbeitung der Regionalgeschichte und die Erinnerungskultur. Die öffentliche Preisverleihung findet am 14. Januar zum Tora-Lerntag in den Franckeschen Stiftungen in Halle statt. Das Treffen widmet sich dem biblischen Buch Ester aus jüdischer und christlicher Perspektive. Zu Gast sind die Rabbinerin Ulrike Offenberg aus Hameln und Prof. Klara Butting aus Uelzen.
Die Broschüre „Die Novemberpogrome – Gegen das Vergessen“ entstand 1988 im Vorfeld des 50. Jahrestages der Novemberpogrome 1938. Sie dokumentiert die Geschichte jüdischen Lebens in Eisenach, Gotha und Schmalkalden sowie die Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in der NS-Zeit. Ziel war nicht primär eine wissenschaftliche Aufarbeitung, sondern als Beitrag zu einem bewussten, persönlichen Gedenken die Sicherung von Erinnerungen, Dokumenten und Zeitzeugenberichten. Als damaliger Landesjugendpfarrer war Jürgen Friedrich maßgeblich an dem Projekt beteiligt. Er initiierte es, inspirierte Jugendliche, sorgte für die erforderlichen Genehmigungen und Ressourcen, war fachlicher Berater und Beistand.
Die Jury würdigt das Projekt als besonderes zeitgeschichtliches Dokument des christlich-jüdischen Dialogs in der späten DDR. „Jürgen Friedrich hat einen besonderen geschichtlichen Moment genutzt, um etwas ermöglichen, wovon er fest überzeugt war: Dass Geschichte erinnert werden muss, damit wir aus ihr lernen; dass Opfer nicht gesichts- und namenlos bleiben dürfen; dass vor Versöhnung Schuld aufgearbeitet werden muss“, so die Jury. Sie würdigt besonders Jürgen Friedrichs Zivilcourage und Beharrlichkeit, auch unter politisch schwierigen Umständen das Projekt umzusetzen, Jugendliche zu inspirieren und zu begleiten.
Ein damaliger Mitstreiter erinnert sich: „Es war nicht ungefährlich. Jürgen Friedrich hat dafür gekämpft und uns motiviert und am Ende Druck gemacht, damit das Buch in einem engen Zeitfenster fertig wurde, ehe es schwierig wurde. Und er hat unendlich viele Gespräche geführt mit staatlichen Stellen“.
Hintergrund:
Mit einem Beschluss der 2. Landessynode in Bezug auf das Thema „Martin Luther und die Juden. Erbe und Auftrag“ hat sich die EKM verpflichtet, jeder Form von Antisemitismus zu widersprechen, in Lehre und Leben das religiöse Selbstverständnis des Judentums zu achten, für Religionsfreiheit einzustehen und der Entrechtung, Diskriminierung und Zerstörung jüdischen Lebens entgegenzutreten sowie den Reichtum der jüdischen Schriftauslegung wahrzunehmen und sich mit antijüdischen Interpretationen der Bibel auseinanderzusetzen. In der Folge wurde der Werner-Sylten-Preis ins Leben gerufen. Mit ihm werden Projekte ausgezeichnet, die die Selbstverpflichtung im Raum der Landeskirche umsetzen.
Werner Sylten war ein evangelischer Theologe, der 1936 wegen seiner jüdischen Abstammung aus dem Pfarrdienst entlassen wurde. Er half mit, das Leben von mehr als tausend „nichtarischen“ Christen zu retten. 1942 ermordeten ihn die Nazis. 1979 wurde ihm von der Gedenkstätte „Yad Vashem“ der Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen.
Autor:susanne sobko |
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