Antisemitismus in Sachsen-Anhalt nimmt zu
Krankheit der Gesellschaft

Die Zahl der fremdenfeindlich und antisemitisch motivierten Straftaten in Sachsen-Anhalt ist gestiegen. 2018 wurden 348 Fälle erfasst, etwa sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Max Privorozki, Vorsitzender des Verbands Jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt, beantwortet dazu die Fragen von Katja Schmidtke.

Warum überrascht Sie die neue Statistik nicht?
Privorozki:
Die Erfassung antisemitischer Straftaten – fremdenfeindliche Taten sind damit nicht identisch – erfolgt nach bestimmten Kriterien, die ich nicht kenne und die möglicherweise auch nicht vollständig sind. Es gab beispielsweise bei uns in der halleschen Gemeinde eine antisemitische Straftat, die von der Polizei als Sachbeschädigung eingestuft wurde. Allerdings spielen diese Zahlen nur eine zweitrangige Rolle; wichtiger ist die Stimmung in der jüdischen Gemeinschaft und in der Gesellschaft insgesamt. Und die erscheint mir immer pessimistischer.
Der Pessimismus wird nicht durch Straftaten oder bekannt gegebene Zahlen verursacht, sondern durch die Reaktion von Politik und Gesellschaft. Wenn ein Landtagsabgeordneter die Bundeskanzlerin als »zionistische US-Agentin« bezeichnet und ein sehr hochrangiger deutscher Politiker eine Rede von Mahmud Abbas über die Brunnenvergiftung durch die Rabbiner und die israelische Regierung als inspirierend empfindet, macht das alles viel schlimmer als die reine Statistik.

In Sachsen-Anhalt gibt es einen Ansprechpartner für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus. Was erwartet die Jüdische Gemeinschaft von Dr. Wolfgang Schneiß?
Privorozki:
Nicht, dass er, wie Harry Potter, die Krankheit mit einem Zauberstab heilt. Was wir jedoch sowohl von ihm als auch von der Regierung und von der Gesellschaft erwarten, ist eine Änderung der Einstellung: Antisemitismus ist nicht nur ein judenfeindliches Problem einzelner Bevölkerungsteile, er ist eine gesamtgesellschaftliche Krankheit. Ich wünsche mir sehr, dass Dr. Schneiß bei diesem Wandel in der Wahrnehmung mindestens bei der Landesregierung eine entscheidende Rolle spielen wird.

Bislang gibt es im Land keinen jüdischen Religionsunterricht und auch die Tage der jüdischen Kultur finden eher lokal statt. Wünschen Sie sich eine größere Unterstützung des Landes?
Privorozki:
Auf jeden Fall. Was den jüdischen Religionsunterricht betrifft, hatten wir Verhandlungen mit dem Bildungsministerium. Die Ergebnisse lassen auf sich warten. Ich verliere nicht die Hoffnung, dass mit den kraftvollen Bestrebungen mehrerer Politiker für die Einführung des Islamunterrichts auch die Organisation des Schulfaches »Jüdische Religion« beschleunigt wird.
Landesweite jüdische Kulturtage sind nicht nur unser Wunsch, sondern auch eine im Staatsvertrag mit der Jüdischen Gemeinschaft verankerte Absichtserklärung. Wir möchten erreichen, dass dies im Jahr 2020 realisiert wird.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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