Der unbequeme Theologe

Propst Heino Falcke 1989 mit dem Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (l.) beim Kirchentag in Berlin (West)
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  • Propst Heino Falcke 1989 mit dem Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (l.) beim Kirchentag in Berlin (West)
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Porträt: Ein Leben, das die Konsequenz nicht scheut. Zum 90. Geburtstag des Erfurter Theologen und Bürgerrechtlers Heino Falcke.

Von Johannes M. Fischer

Ostdeutschland, Sommer 1993. Aufgebrachte Bergleute halten das von der Schließung bedrohte Kali-Werk im thüringischen Bischofferode besetzt und treten in den Hungerstreik. Mehrere Wochen lang halten sie durch. Jeden Morgen gibt es eine ökumenische Morgenandacht. Einer, der sich zu jener Zeit als Gewerkschafter für die Arbeiter von Bischofferode einsetzte, erinnert sich heute: „Ohne die Andacht hätte der Arbeitskampf keine Chance gehabt, so lange durchgehalten zu werden. Es war seelischer Beistand. Das hat die Bergleute sehr berührt.“
Ebenfalls am Ort ist Heino Falcke, zu jener Zeit Propst von Erfurt. Er hält eine wirkungsvolle Predigt, und auch er erinnert sich an die tiefen Emotionen, von denen der Arbeitskampf getragen wird. Heino Falcke, der Theologe, der Pfarrer: Zeit seines Lebens ist er da, wo es weh tut, wo die Frage nach menschlicher Gerechtigkeit zum Himmel schreit, wo die Lösung politischer Fragen auf das Engagement von unten angewiesen ist. Am 12. Mai feierte Falcke seinen 90. Geburtstag.
Der 1929 geborene Theologe studiert in den 1940er-Jahren und zu Beginn der 1950er-Jahre in Berlin, Göttingen und Basel. In Basel arbeitet er als studentische Hilfskraft für den streitbaren Theologen Karl Barth. Barth, der sich wie nur wenige andere Theologen vehement gegen den Nationalsozialismus gestemmt hatte, war maßgeblich an der Formulierung der Barmer Theologischen Erklärung beteiligt, die zur Basis der Bekennenden Kirche während der Nazizeit wurde. Dort heißt es unter anderem: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären.“
Ein Satz wie dieser lässt verstehen, warum Barths Schüler Falcke 1952 zu der Überzeugung kommt, dass es besser sei, als Theologe in die DDR überzusiedeln. Er sieht die dortige Kirche in Bedrängnis.
1958 promoviert Falcke, 1961 folgt die Habilitation. Er entscheidet sich aber gegen eine Festanstellung als Professor durch den DDR-Staat; stattdessen wird er Pfarrer. Von 1973 bis zu seinem Ruhestand 1994 wirkt er als Propst des Kirchensprengels Erfurt.
Seit 1974 ist Falcke Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen und bekommt deshalb die Möglichkeit, ins Ausland zu reisen. Zu diesem Zeitpunkt ist er dem DDR-Regime schon suspekt, unter anderem, weil er 1972 vor der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR den aufsehenerregenden Hauptvortrag „Christus befreit – darum Kirche für andere“ hält. Es ist ein Plädoyer für die Freiheit des Einzelnen vor staatlicher Bevormundung und damit eine heftige Kritik am DDR-System und der führenden Rolle der SED. Der Autorität der Einheitspartei setzt Falcke in der Tradition der Bekennenden Kirche die Autorität Gottes entgegen. Gott wolle zu „mündiger Weltverantwortung“ befreien, was „gesellschaftliche Konsequenzen“ habe.
Speziell prangert Falcke das Überwachungsklima an, das in der DDR herrscht. „Gott gehören aber heißt, in großem Vertrauen und angstfreier Offenheit sprechen zu können.“
Spätestens nach dieser Rede wird Falcke zum Staatsfeind. Seine Mitgliedschaft im Ökumenischen Rat der Kirchen aber hält die Tür zum Ausland auf. Eine seiner Reisen führt ihn 1983 in den Bonner Hofgarten. In beiden Teilen Deutschlands herrscht eine diffuse Kriegsangst, eindrucksvoll ausgedrückt mit dem Begriff „Kalter Krieg“. Und in beiden Teilen Deutschlands entsteht eine Friedensbewegung. In der DDR gehört die evangelische Kirche zu den treibenden Kräften. Das Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“ erobert als Aufnäher die Straße: Ein Mann, der ein Schwert zu einem Pflug umschmiedet, dazu eine Buchstaben-Zahlenfolge. „MICHA 4“ ist ein Hinweis auf ein Bibelzitat: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben.“
Das Symbol ist auch 1983 im Bonner Hofgarten zu sehen, als sich dort 500000 Menschen versammeln, um gegen das Wettrüsten zu protestieren. Heino Falcke trägt es. Er steht auf der Rednerliste, stellvertretend für die Friedensbewegung in der DDR.
Auf der Massendemonstration kreuzen sich auch das erste Mal die Wege des Gewerkschafters von Bischofferode und Falckes, auch wenn sich beide zu dieser Zeit noch nicht direkt begegnen. Der eine steht in der Masse, der andere sitzt auf dem Podium. Der Gewerkschafter in der Masse heißt Bodo Ramelow und ist heute Ministerpräsident des Landes Thüringen. Er ist beeindruckt von Falcke, und er ist bewegt von dem „Schwerter zu Pflugscharen“-Symbol. Vor wenigen Tagen, kurz vor Falckes 90. Geburtstag, begegnen sich beide erneut auf der 1. Mai-Demonstration. Dieses Mal steht Ramelow auf der Bühne. „Es hat mich unglaublich gefreut“, sagt Ramelow, „denn da spannt sich der Bogen von 1983 im Bonner Hofgarten zum Erfurter Beethovenplatz im Jahr 2019 – 37 Jahre zeitliche Differenz und trotzdem eine tragfähige innere Verbindung!“
Tatsächlich kreuzen sich die Wege der beiden mehrmals in diesen Jahrzehnten. Bischofferode ist nur ein Beispiel. Die Unterzeichnung der „Erfurter Erklärung“ 1997 ein anderes. Oberstes Anliegen der Erklärung: Ein grundsätzlicher Wandel in der Politik, die in der Bundesrepublik seit 15 Jahren von Helmut Kohl bestimmt wird. Die Erklärung prangert eine „gnadenlose Ungerechtigkeit“ und „Sozialverschleiß“ an. Zum Schluss fordert die Erklärung ein neues Politikbündnis aus SPD, Grünen und PDS.
Ostdeutschland, Frühjahr 2019. Seit fünf Jahren wird Thüringen von einem Bündnis aus Linken, SPD und Grünen regiert. Falcke wohnt noch immer in Erfurt, wo ich ihn besuchen darf. Als ich seine einfache Wohnung in der Altstadt betrete, herrscht eine dichte Arbeitsatmosphäre: Der Computer läuft, Falcke arbeitet gerade an einem Text. Auf den Tischen Bücher und Papiere, Stifte. Ein Ort, an dem Gedanken fließen, die zu Konsequenzen führen: Hofgarten, Bischofferode, 1. Mai, und so weiter und so fort. Ein Leben, das den Weg vom Wort auf die Straße kennt. 

Soeben erschienen:
Evangelische Kirche in Mitteldeutschland und Evangelischer Kirchenkreis Erfurt (Hg.): Vordenker, Mahner, Seelsorger. Festschrift für Heino Falcke zum 90. Geburtstag, Evangelische Verlagsanstalt, 272 S., ISBN 978-3-374-06036-8, 38,00 Euro

https://www.eva-leipzig.de/product_info.php?info=p4764_Vordenker-Mahner-Seelsorger.html

Festgottesdienst zum 90. Geburtstag von Propst i. R. Dr. Heino Falcke, Augustinerkirche zu Erfurt, 12. Mai, 9.30 Uhr

Propst Heino Falcke 1989 mit dem Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (l.) beim Kirchentag in Berlin (West)
Engagiert: Kirchenvertreter beim „Fest der Vielen“ am 1. Mai in Erfurt. Auch der Jubilar und promovierte Theologe ließ es sich nicht nehmen, dabei zu sein und ein Zeichen für eine vielfältige und tolerante Gesellschaft zu setzen:  (v. l.) Rüdiger Bender (Niemöller Stiftung), Sebastian Kranich (Ev. Akademie Neudietendorf), Martin Borowsky und Dorothea Greim (Kirchenkreis Erfurt) und Propst i. R. Heino Falcke.
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Online-Redaktion aus Weimar

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